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Kommentar : Weniger Religion ist mehr

Die Deutsch-Ausländische Gemeinschaft Schwalbach regt an, bei Veranstaltungen mit ausdrücklicher Beteiligung von Muslimen auf deren Befindlichkeiten zu achten. Der Termin des Altstadtfestes solle sich nach dem Ramadan richten und nicht nach dem christlichen Pfingstfest. Das geht zu weit.

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          Mit Integration kennen sich die Schwalbacher aus, denn seit gut 50 Jahren sind die Ur-Schwalbacher eine Minderheit. Durch den Bau der Wohnstadt Limes hat sich damals die Einwohnerzahl des Orts mehr als verdreifacht. Zu den Ortsfremden kamen nach und nach Menschen aus anderen Ländern hinzu, und es gibt vielfältige Bemühungen, das Zusammenleben auskömmlich zu gestalten. Die Deutsch-Ausländische Gemeinschaft Schwalbach (DAGS) ist eine der Organisationen, die sich dieses Ziel schon 1988 auf die Fahnen geschrieben hat. Es ist also nicht unbedingt abwegig, wenn ihr Vorsitzender anregt, bei Veranstaltungen mit ausdrücklicher Beteiligung von Muslimen auf deren Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen - wie es beim Interkulturellen Fest schon geschieht, ohne dass Aufhebens darum gemacht würde.

          Beim Tag der Vereine, der einen Querschnitt des Schwalbacher Vereinslebens von den Hundezüchtern bis zur Musikschule zeigen soll, sticht das Argument angesichts der Vielfalt schon nicht mehr. Zumal kleine kulinarische Kostproben es zwar sicherlich erleichtern, ins Gespräch zu kommen. Mehr sollten sie an diesem Tag aber auch gar nicht sein, sagt Bürgermeisterin Christiane Augsburger (SPD), weshalb sie auch unentgeltlich angeboten werden müssten. Geradezu absurd wird es, wenn auch das Altstadtfest in dem Vorschlagstext ausdrücklich aufgeführt ist. Das Traditionsfest würde sich also nicht mehr nach Pfingsten, sondern nach dem Ramadan richten.

          Der stellvertretende Vorsitzende des Ausländerbeirats, Bilal Akdeniz, spricht vom Wunsch, dass jeder die Möglichkeit haben solle, am Altstadtfest teilzunehmen. Ob das Fastengebot dagegen spricht, wird nicht jeder Muslim für sich gleich beantworten. Aus dem Wunsch ist jedenfalls ein schriftlich formulierter Vorschlagstext im Geschäftsgang der städtischen Gremien geworden, den die Bürgermeisterin und der DAGS-Vorsitzende Klaus Stukenborg „unglücklich“ nennen. Das ist er auch deshalb, weil er wie aus dem Handbuch des Pegida-Aktivisten klingt: als sollte die muslimische Fastenzeit künftig der wesentliche Maßstab für die Terminfestlegung des städtischen Veranstaltungskalenders sein.

          Dass dies nicht akzeptabel ist, haben die Schwalbacher Grünen als Erste mit bemerkenswerter Klarheit deutlich gemacht. Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit müssten das Schwalbacher Markenzeichen bleiben, schreiben sie. Deshalb dürften rigorose religiöse Auffassungen nicht zum allgemeinen Maßstab werden. Das ist konsequent: Schließlich kämpft die Grüne Jugend Hessen seit Jahren gegen den gesetzlichen Schutz des Karfreitags als Tag der Besinnung.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

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