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Altrheinarm renaturiert : Schönborn’sche Aue wieder eine Insel

  • -Aktualisiert am

Noch nicht wie früher: Entlang des renaturierten Altrheinarms soll sich nach und nach die auentypische Vegetation bilden. Bild: Marcus Kaufhold

Der Altrheinarm bei Geisenheim ist renaturiert und geflutet worden - unter großem Aufwand. Die ökologische Aufwertung ist Folge des Großprojekts an der Schiersteiner Brücke.

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          Nicht nur die staugeplagten Rheingauer Pendler profitieren nach der Fertigstellung vom Neu- und Ausbau der Schiersteiner Brücke. Auch die Weinregion erfährt eine ökologische Aufwertung durch eine neue, „alte“ Insel im Rhein: Seit kurzem wird die Schönborn’sche Aue wieder vom Rhein umströmt, denn der mit großem Aufwand ausgebaggerte Altrheinarm wurde geflutet. Nun soll sich auf natürliche Weise ein artenreicher Auenwald entwickeln. Viele Bürger allerdings sind verärgert, weil lange Spaziergänge unmittelbar am Rhein dort nicht mehr erwünscht sind. Ein beliebter Flanierweg am Ufer ist unterbrochen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Schönborn’sche Aue liegt zwischen Rheinkilometer 522 und 523 und zählte zu einer ganzen Reihe von Inseln zwischen Mainz und Bingen. Im 19.Jahrhundert allerdings wurde sie gezielt verlandet. Der Altrheinarm durch die Rheinwiesen wurde im Zuge der Ausbaggerung und Verbreiterung des Binger Lochs zugeschüttet. Die Aue wurde damit zum Geisenheimer Festland, und die Stadt ließ dort Kleingärten und eine landwirtschaftliche Nutzung zu.

          Projekt kostete 3,5 Millionen Euro

          Die Aue geriet erst wieder in den Fokus der Planer, als Flächen zum Ausgleich für das Großbauprojekt am Schiersteiner Kreuz und die damit verbundenen Eingriffe in den Weichholzauwald der Rettbergsaue, 20 Kilometer stromaufwärts, gesucht wurden. Schließlich wurde beschlossen, einen rund 1,2 Kilometer langen und sechs Meter breiten Altrheinarm bei Geisenheim zu renaturieren und zu fluten.

          Ein Projekt, mit dem Ende 2013 begonnen wurde und das rund 3,5 Millionen Euro gekostet hat. Gut 100.000 Kubikmeter Erdreich wurden ausgehoben. Der Aushub wurde zum Teil verwendet, um die Straßendämme entlang der Autobahn643 zu verbreitern, sowie für den Aus- und Neubau der Rampen am Schiersteiner Kreuz.

          Nach den Erwartungen der Planer wird die Böschung des neuen Altrheinarms häufig überflutet, und das werde die Entwicklung einer Röhrichtzone und einer Weich- und Hartholzaue begünstigen, heißt es. Die bis zu sechs Meter breite Fließrinne könne zudem dazu beitragen, mögliche Hochwasserspitzen zu mildern. Eine „auentypische Vegetation“ soll sich durch natürliche Sukzession entwickeln. Die Natur soll sich also selbst regenerieren. Ob das am Ende ganz ohne künstliche Anpflanzungen gelingen wird, muss sich allerdings erst noch zeigen. Wenn die Natur sich selbst überlassen bleibt, sind jedenfalls die Unterhaltungs- und Pflegekosten gering.

          Genaue Berechnungen zu Überschwemmungen

          Die Planer hoffen auf die „Stärkung und Wiederbelebung der natürlichen auendynamischen Prozesse“. Die Renaturierung folge auch den Vorgaben und Zielen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Die Schaffung eines neuen Altrheinarms stelle eine Bereicherung für das Landschaftsbild dar und trage zu einer Erhöhung des Erholungswerts in der Rheinaue bei.

          Das neue Bett des Altarms ist über einen Zu- und Ablauf an den Rhein angeschlossen. Während das Altarmbett permanent Wasser führen wird, kommt es in der Röhrichtzone nach den bisherigen Berechnungen an mindestens 180 Tagen im Jahr zu Überflutungen. Die Weichholzaue, die sich an die Röhrichtzone anschließt, wird an mehr als 100 Tagen unter Wasser stehen, die höher gelegene Hartholzaue an bis zu 50 Tagen überschwemmt sein.

          Viele Bürger wünschten sich eine Brücke

          Durch das Renaturierungsprojekt wurden zwei neue Brücken nötig. Die neue Leinpfadbrücke am Auslauf in den Rhein bindet das Kleingartengelände an. Da der Leinpfad als kombinierter Rad- und Gehweg den Altrheinarm kreuzt, musste außerdem ein Fußgängersteg gebaut werden. Damit könnten die Bürger vom Leinpfad aus eine naturnahe Auenlandschaft erleben, wie sie im Mittelrheintal kaum noch vorhanden sei, heißt es in der Projektbeschreibung von Hessen Mobil.

          Viele Bürger hätten sich allerdings auch am Einlauf des Altrheinarms eine Brücke gewünscht. Der dort verlaufende Uferpfad, ein beliebter Spazierweg im unteren Rheingau, ist jetzt durch den Altrheinarm unterbrochen. Alle Interventionen der Kommunen und des Zweckverbands Rheingau blieben vergeblich.

          Seit der Altrheinarm geflutet ist, müssen viele Spaziergänger entweder am Altrheinarm unvermittelt stoppen und umkehren, oder sie suchen sich – wie vielfach zu beobachten – mehr oder weniger verärgert über die Sturheit von Hessen Mobil entlang des Altrheinarms einen neuen Weg durch den Auenwald. Das aber kann ebenfalls nicht im Sinne der Naturschützer sein.

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