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„Alternative für Deutschland“ : Voller Saal für die Euro-Skeptiker

Kein Mangel an Zuspruch: Rund 1200 Besucher folgen der Diskussion. Bild: Sick, Cornelia

In der Oberurseler Stadthalle hat die „Alternative für Deutschland“ ihren ersten großen Auftritt.

          Der Weg ins freie Europa ist von Autos blockiert. Der Rückstau vor der Schranke der überfüllten Tiefgarage reicht zurück bis auf die Zufahrtsstraßen. Im Saal ist die Luft stickig von der schieren Zahl der Menschen. Längst haben die Veranstalter die Seitenwand öffnen lassen, und schließlich wird rumpelnd auch die Rückwand beiseite geschoben. Konrad Adam, ehemaliger Redakteur dieser Zeitung und Sprecher der „Alternative für Deutschland“, ist sichtlich beeindruckt. Mehr als 1200 Menschen seien hier, viel mehr als erwartet, sagt er. „Die Zeit ist reif“: Sein als Begrüßungsformel zurechtgelegter Satz wirkt plötzlich wie eine Beschreibung der Erwartungen der versammelten Menschen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Jede der drei Grundforderungen, die Adam vorträgt, wird heftig beklatscht: Die Auflösung des „Euro-Zwangsverbands“. Die Herrschaft von Recht und Gesetz, indem die Maastricht-Kriterien eingehalten werden. Eine Volksabstimmung für den Fall, dass das Grundgesetz, „die beste Verfassung, die Deutschland je hatte“, substantiell angetastet werde. Es ist die erste Versammlung der aus der „Wahlalternative“ hervorgegangenen „Alternative für Deutschland“, die jetzt zur Partei werden will. Noch gibt es kein Programm, das die Besucher eint. Dennoch ist von zurückhaltender Neugier nichts zu spüren. Der Applaus kommt ohne Zögern. Auch als Adam später die Fragerunde eröffnet, braucht es keinen Eisbrecher. Sofort reckt sich ein Dutzend Hände in die Höhe.

          „Wir sind keine Ein-Punkte-Partei“

          Auf dem Podium erzählt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Joachim Starbatty, einer der Kläger gegen den Euro und später gegen den Rettungsschirm, von der Nacht zum 8. Mai 2010. Da sei der „Weg in den Schuldensumpf“ beschlossen worden. Jetzt solle Deutschland auch noch die zyprischen Banken retten, auf denen das Geld russischer Oligarchen liege. Während Starbatty vor den Folgen einer Politik des „Es wird schon gut gehen“ warnt, setzt Beatrix von Storch auf eine „Bürgerrechtsbewegung aus der Zivilgesellschaft“. Sie richte sich gegen die große Koalition der etablierten Parteien, auf die sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in allen wichtigen Fragen verlassen könne. Storch hat deshalb die „Zivile Koalition“ gegründet. Als politische Währung sieht der Publizist Alexander Gauland, unter Ministerpräsident Walter Wallmann (CDU) Leiter der hessischen Staatskanzlei, den Euro. Aber weil er nicht funktioniere, rücke Europa auseinander. „Natürlich muss Deutschland wegen des Kulturbruchs im Zweiten Weltkrieg zahlen“, sagt das langjährige CDU-Mitglied. Aber das gelte für Griechenland, nicht jedoch für Irland, Portugal oder Zypern, wo nie ein deutscher Soldat gestanden habe.

          Einige Besucher denken an die Bundestagswahl und fragen, was die Partei eigentlich zur Familienpolitik oder anderen Themen sagen werde. „Wir sind keine Ein-Punkte-Partei“, erwidert Gauland. „Aber wir sollten uns zuerst auf das einigen, was wir alle wollen“. Das seien der Euro-Austritt und die Beseitigung des Demokratiedefizits. Manche Fragesteller kommen von weit her, aus Remscheid, Bonn oder Karlsruhe. Ein junger Mann aus Franken macht Ausführungen über das Bekenntnis zum „nationalstaatlichen Erbe“ und spricht von „Totschlagsbegriffen“, mit denen Kritiker der Euro-Rettung belegt würden. Als er von der „Abschussliste des Establishments“ spricht, wird das Publikum unruhig. Es gibt Pfiffe und Buhrufe. In die entgegensetzte Richtung zielt die Frage einer Frau, ob man den Namen „Alternative für Deutschland“ nicht lieber in „Alternative für ein besseres Europa“ ändern solle. Der Vorschlag findet keine Zustimmung.

          „Occupy Money“ ist auch da

          Viel Applaus bekommt der Hamburger Ökonom Bernd Lucke, der den Euro-Austritt einzelner Länder als Chance bezeichnet, die eigene Währung abzuwerten und wieder wettbewerbsfähig zu werden. Auch als Lucke praktisch wird und dazu aufruft, beim Hinausgehen eine Beitrittserklärung zur neuen Partei zu unterschreiben, nimmt ihm das niemand übel. Selbst seine Ironie kommt an, als er auf die fehlende Wahlkampfkostenerstattung hinweist: „Wir brauchen drei Millionen Euro. Geben Sie uns Ihr Geld, bevor es in Griechenland ist.“

          Die Veranstaltung der Euro-Kritiker zieht nicht nur neutrale Beobachter an. Carsten van Ryssen sammelt mit einem Fernsehteam des ZDF absurde Antworten für die nächste „heute show“. Zu Beginn des Abends gibt es Flugblätter von „Occupy Money“ mit der Forderung nach Zwangsabgaben auf Geldvermögen. Und als die Besucher nach Hause gehen, verteilt ein junger Mann vor der Tür „Null-Euro-Scheine“. „Wir retten uns zu Tode“ steht auf der Rückseite, unterzeichnet von der NPD.

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