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Altenpflege : Hilfe, die Hippies kommen

  • -Aktualisiert am

Bunte Mischung: Altenheime müssen schon heute mehr bieten als rollatortaugliche Flure Bild: Kretzer, Michael

Altenpfleger müssen sich auf neue Zielgruppen einstellen. Die Klientel wird vielfältiger, Heime und Dienste müssen flexibler werden. An Ideen mangelt es nicht, aber die Rahmenbedingungen setzen der Kreativität Grenzen.

          Das Jahr 1968 liegt ziemlich lange zurück. Wer vor 46 Jahren studierte und auf die Barrikaden ging, erreicht nun das Rentenalter oder hat es schon überschritten. Manchen Altenpfleger dürfte die Aussicht auf die neue Kundschaft nicht erfreuen. Mit der Ankunft der einstigen Rebellen wird sich das Klima in den Heimen verändern. „Wir müssen uns auf jeden Fall auf längere Diskussionen einstellen“, sagt Karl van Engelen. Der Leiter der Altenpflegeschule Kommit geht davon aus, dass nun eine aufgeklärtere Generation in die Heime zieht, eine Generation, die nicht so angepasst gelebt hat wie die ihrer Eltern. Darauf bereitet van Engelen die Auszubildenden vor. Die Biographiearbeit mit den Heimbewohnern werde immer wichtiger, glaubt er. Seine Schüler lernten deshalb schon früh, die Lebenswege der Bewohner ernst zu nehmen. Nur so könne man ihren Bedürfnissen gerecht werden.

          Auch ohne die in WG-Küchen-Plenen gestählten Revolutionsveteranen werden die Pflegeheime bunter. Migranten, offen homosexuell lebende Männer und Frauen: Die neue Vielfalt erreicht auch den Lebensabend. Die Frage ist, ob die Rahmenbedingungen individuelle Pflegekonzepte zulassen. Gesetze und Paragraphen regeln so gut wie jeden Handgriff, den Altenpfleger im Alltag tun. Diskussionen um Sinn und Unsinn von Regeln und Vorschriften in den Heimen sehen die Abrechnungsmodelle nicht vor.

          Ganz andere Bedürfnisse

          Dabei seien die Bewohner schon heute viel selbstbestimmter und fordernder als früher, sagt Doris Pogantke. Sie leitet das Bürgermeister-Menzer-Haus in Schwanheim und hat beobachtet, dass die Pflegebedürftigen viel mehr hinterfragen, was ihnen vorgegeben wird. Seit mehreren Jahren hat sich ihr Haus zudem auf eine Klientel eingestellt, die noch ganz andere Bedürfnisse mitbringt. Im Menzer-Haus leben Sucht- und psychisch Kranke, die das Personal vor neue Herausforderungen stellen. Pogantke erzählt zum Beispiel von einem Mann, der morgens früh in der Lobby herumpöbelte. Es dauerte seine Zeit, bis die Mitarbeiter begriffen, dass das am Nikotin-Entzug lag. Seither teilen sie dem Bewohner seine Zigarettenrationen so ein, dass er morgens gleich nach dem Aufstehen rauchen kann und den Tag entspannter beginnt.

          Geht es in herkömmlichen Altenheimen darum, den Bewohnern den Abschied vom Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, müssen die Pfleger der jüngeren Suchtkranken lernen, Grenzen zu setzen und ihnen wieder grundlegende Dinge beizubringen - aufbauen statt Abschied nehmen. Habe es früher dazu gehört, den Senioren auch Alkohol anzubieten, müssten die Pfleger nun eher darauf achten, wer wie auf Schnaps und Bier reagiert. „Das ist eine völlig andere Arbeit“, sagt Pogantke. Zur Seite stehen ihren Mitarbeitern auch Suchthelfer und Sozialarbeiter, um das zu meistern, was Pogantke „schwierige Aushandlungsprozesse“ nennt. Manche der suchtkranken Bewohner schaffen es, wieder fit für ein Leben ohne stationäre Pflege zu werden.

          In Zukunft sollen im Menzer-Haus ausschließlich Leute betreut werden, die wegen ihrer Sucht oder anderen psychischen Problemen zum Pflegefall geworden sind. Der Bedarf wächst. „Früher wären viele der Kranken gar nicht in dieses Alter gekommen“, sagt Pogantke. Kämen sie nicht in spezialisierten Pflegeheimen unter, müssten sie womöglich auf der Straße oder in Obdachlosenunterkünften leben. In anderen Seniorenheimen erführen sie nicht die richtige Betreuung.

          Der Bewohner hat immer recht - eigentlich

          Ähnliches wie im Menzer-Haus passiert im Bürgermeister-Gräf-Haus in Sachsenhausen. 50 Plätze des Altenheims belegen Männer und Frauen, die zwar recht jung, aber sehr pflegebedürftig sind. Die Bewohner der Gruppe „Eduard“ sind durchaus mobil, sie können sich noch allein in der Umgebung bewegen. Aber damit ist nicht gesagt, dass sie auch daran denken, an einer Supermarktkasse zu zahlen.

          Eigentlich habe er gelernt, dass der Bewohner immer recht habe, sagt der Leiter des Gräf-Hauses, Olaf Höwer. „Aber einem Suchtkranken können wir nicht alle Wünsche erfüllen.“ Illegale Drogen seien tabu in seinem Haus. Andererseits müssen die Pfleger abwägen, ob ihren Bewohnern ein Joint zur Entspannung vielleicht guttut oder nicht. Insofern könnte der Umgang mit den Suchtkranken ein gutes Training sein für die Zeit, wenn die Generation der Altachtundsechziger vollends in den Heimen angekommen ist.

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