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„Mozart Momentum“ : Klänge aus wunderlichen Holzkisten

Zupackend: Lars Vog am Klavier und Mitglieder des Mahler Chamber Orchestra Bild: Wonge Bergmann

Einfache Mittel, große Wirkung, ein amüsantes Musikspiel: Zwei Abende unter dem Titel „Mozart Momentum“ mit dem Mahler Chamber Orchestra und Lars Vogt in der Alten Oper

          Bestaunt von Passanten, postieren sich die mehr als 30 Teilnehmer dieses anschaulichen Musikspiels mit ihren wunderlichen Holzkisten, die sie an Gurten wie kleine Bauchläden vor sich tragen, nach Art eines Orchesters im Halbkreis vor dem Haupteingang der Alten Oper. Der Spiele-Designer Sebastian Quack, der hier seit dem „Playsonic Festival“ des Konzerthauses schon vielen bekannt ist, kann die Anweisungen kurz halten: Die drei Spieler, die gemeinsam den Part des Solopianisten übernommen haben, eröffnen den Ausschnitt aus Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466, indem sie die einen Tabletcomputer und Lautsprecher bergenden Holzkisten kurz vor die Brust heben und wieder senken.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit der gleichen Bewegung müssen die Mitspieler, denen Parts von Streich- und Blasinstrumenten zukommen, ihre Einsätze treffen, wie es Linien und sich bewegende Pfeilanzeigen auf dem Tablet vorgeben. Wenn das gelingt, ertönt sofort und passend die entsprechende Stimme, sonst aber bleibt die Box stumm.

          Stephan Pauly, der Intendant der Alten Oper, steht bei den Ersten Violinen und lacht, als er gleich den ersten Einsatz verpasst. Das macht aber nicht viel, solange ein paar andere Hobbygeiger richtigliegen. Insgesamt gelingt der von den Spielern auch in der Lautstärke regulierbare Vortrag so gut, dass am Ende auf dem Opernplatz Applaus aufbrandet. Das hat Spaß gemacht, und zugleich war das Projekt „Unboxing Mozart“, das die Alte Oper in Kooperation mit dem Mahler Chamber Orchestra (MCO) sowie Quack und Josa Gerhard vom Netzwerk „Invisible Playground“ als „interaktive Entdeckungstour“ mit mehreren Übungsstationen und einer Gesamtdauer von anderthalb Stunden organisiert hatte, sehr lehrreich.

          Der Solist und Leiter Leif Ove Andsnes, der als „Fokus“-Künstler der Saison die mit der Aktion verbundenen beiden Konzerte des MCO hätte leiten sollen, musste allerdings wegen einer Lungenentzündung absagen und war nur für die Spielteilnehmer virtuell mit erläuternden Videoclips präsent. Lars Vogt, der noch zwei Proben übernehmen konnte, vertrat den norwegischen Kollegen jedoch denkbar würdig. Das begann am ersten Abend und zum Auftakt der ausgedehnten Tournee des MCO unter dem Titel „Mozart Momentum“, die Werke des Komponisten aus den Jahren 1785/86 präsentiert, schon auf hohem Niveau kammermusikalisch im Mozart-Saal mit dem gewichtigen Klavierquartett g-Moll KV 478, in dem Vogt sehr fein vor allem auch im Leisen differenzierte und mit Mitgliedern des MCO die tragenden Kontraste von dunkel und hell, schwer und leicht in stimmiger Balance herausarbeitete.

          In fünf ausgewählten Liedern brachte die englische Sopranistin Louise Alder vom Ensemble der Oper Frankfurt mit ihrer geübten Mozart-Stimme fein lyrisch und klar artikuliert den trockenen Humor gut heraus, von Vogt filigran begleitet. Im Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Cliff Eisen verglich Vogt den Mozart-Vortrag mit dem Zeichnen mit einem ganz feinen Stift: Durch einen zu groben Strich könne alles zerstört werden.

          Mit voller Besetzung am zweiten Abend

          Das von einigen interaktiv erkundete Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466 erklang schon an diesem ersten Abend in einer nur hinsichtlich der Streicher verkleinerten Besetzung spannungsvoll und auf der engen Bühne des kleinen Saals in sehr direkter Kommunikation knackig energisch – vermutlich so ähnlich, wie es Andsnes auch angelegt hätte. Lediglich im langsamen Mittelsatz fehlte noch die letzte Delikatesse.

          Die kam am zweiten Abend mit voller Besetzung im Großen Saal hinzu: die reine, in sich ruhende Schönheit. Zudem war im Kopfsatz der d-Moll-Charakter, der bei Mozart immer – wie im Requiem oder „Don Giovanni“ – eine besondere Dramatik mit sich bringt, stärker getroffen, und Vogt ging mit ausdrucksvoller Agogik und feinstem, nachdenklichem Spiel noch größere Risiken ein. Wieviel Ausdruck Mozart oft mit einfachsten Mitteln erzielt, kam auch im ebenfalls 1785 entstandenen Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467 ideal zur Geltung, spritzig und nadelstichartig präzis zudem im Finale.

          Ergänzt wurde das Programm durch die Maurerische Trauermusik KV 477 in all ihrer Schwere und den dunklen Farben sowie Haydns Sinfonie Nr. 83 g-Moll („La Poule“) aus demselben Jahr, in der die absichtsvoll oft repetierten Pattern als auskomponiertes Stocken und die plötzlich abgefeuerten Raketen gerade den Witz ausmachten. Das MCO brachte die perfekte Geschlossenheit und punktgenaue Reaktionsschnelligkeit dafür mit. Zwei so packende wie instruktive Abende.

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