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Hattersheim : Neues Leben in der alten Mühle

Gerettet: die sanierten Gebäude der Ölmühle vom Innenhof aus, in dem geladene Gäste den Abschluss der Arbeiten feiern. Bild: Michael Braunschädel

Hattersheims alte Ölmühle ist gerettet und erstrahlt frisch renoviert. Anfang September soll sie als Restaurant mit lokalen Speisen eröffnet werden.

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          Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) muss seinerzeit sehr entschieden geklungen haben. Sinngemäß soll er über die alte Ölmühle gesagt haben: „Hier kommt eine Gaststätte rein, sonst wird hier nicht gebaut.“ Am Freitag konnten sich geladene Hattersheimer nun davon überzeugen, dass die Ölmühle noch steht, dass in ihr tatsächlich eine Gaststätte eingerichtet ist, rundherum also völlig rechtens gebaut wurde und die Straße nicht umsonst „An der Ölmühle“ heißt.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Die Kelkheimer Projektgesellschaft Horn, die das Neubaugebiet südlich der Bahn entwickelt hat, erbte dank eines städtebaulichen Vertrags die abrissreife Mühle mit strengen Denkmalschutzauflagen und einer Frist für die Instandsetzung bis Jahresende 2022. Was blieb Geschäftsführer Günter Horn anderes übrig, als sie zu seinem Herzensprojekt zu machen. Zusammen mit Partner Pa­trick März ist er der Besitzer der Immobilie. Verhandlungen mit einem Betreiber laufen schon, Angebote gibt es, sie werden nun gründlich geprüft.

          In sieben Monaten wurde das Gemäuer renoviert, die Statik neu berechnet, eine Wand für den Hochwasserschutz am Schwarzbach gebaut, zurückgebaut und 20 Zentimeter daneben wieder neu gebaut. Die Eternitschindeln auf dem Dach wurden durch Naturschiefer ersetzt, im Hof wurde das alte Kopfsteinpflaster verlegt und, weil es nicht reichte, mit glatterem Naturstein ergänzt, was den Vorteil hat, dass die Tische darauf nicht wackeln.

          Erst Großbetrieb, nun ein Raum für geselliges Miteinander

          Auch die Farbgestaltung der Fassade hat der Denkmalschutz vorgegeben: Hellgelber Putz, olivgrüne Fensterläden, dazu rote Fensterrahmen, die die Farbe des als Baustoff im achtzehnten Jahrhundert beliebten Mainsandsteins nachahmen. Noch kurz vor der Besichtigung am Freitag wurden letzte Stromkreise zusammengeschaltet, und das Essen stammte zu diesem Anlass auch noch nicht aus der hauseigenen Küche, sondern vom Catering. Aber sonst ist alles fertig – früher als verlangt.

          Das freut natürlich auch Bürgermeister Schindling, der sich mit seinen Forderungen durchgesetzt hat. Mit dem Neu­bauviertel habe sich die Firma Horn aus dem Stand in die Top 5 der Hattersheimer Gewerbesteuerzahler katapultiert, scherzt er, freut sich über eine schöne neue Location für geselliges Miteinander und überreicht eine alte Zeichnung, die die Mühle vor einigen Jahrzehnten zeigt. Die Fassade mit sichtbarem Fachwerk – das freizulegen habe das Denkmalamt allerdings nicht gestattet, sagt Günter Horn.

          1730 wurde die Mühle von der Familie Engel errichtet, um aus Pflanzenkernen Speiseöl zu gewinnen. Das Ensemble besteht aus Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude, in Spitzenzeiten Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten hier 80 Menschen, damit war das Unternehmen ein Großbetrieb. 1929 brannte die Mühle bis auf das Wohnhaus nieder. Dann erwarb die Hoechst AG das Ensemble und nutzte es als landwirtschaftliches Versuchsgut.

          Erfolgreicher Kampf gegen den Abriss

          Ein Gast, der sehr persönliche Erinnerungen mit der Ölmühle verbindet, ist Elke Netthorn. „Mein Vater war Gutsin­spektor der landwirtschaftlichen Entwicklungsabteilung“, erzählt sie. Netthorn ist in der Ölmühle aufgewachsen. Ihr Elternhaus gerettet und in neuem Glanz zu sehen macht sie sichtbar glücklich. „Wir haben so gekämpft, weil die Mühle abgerissen werden sollte.“

          Von 1968 bis 1987 lebten die Muckenhirns, so ihr Mädchenname, als Ausbilder auf dem Gut. Immer seien junge Leute dort gewesen, eigentlich drei Generationen. Auch die Zeichnung, die der Bürgermeister überreicht hat, weckt Erinnerungen. Ihre Mutter stehe da in der Tür, wie immer im Dirndl, und ihr Hund laufe die Straße hinunter.

          Sorgen um Kundschaft wird man sich in der künftigen Gaststätte nicht machen müssen. Auf einer Brücke gelangt man über den Schwarzbach auf die Regionalparkroute, sodass die Ölmühle mit ihren jeweils 110 Sitzplätzen innen und außen als Raststation für Radler und Wanderer fungieren kann. Damit eignet sie sich auch für Geburtstagsfeiern und ähnliche Anlässe. Spielplatz und Wasserspiele befinden sich in unmittelbarer Nähe. Und lauschte man den Gesprächen der Hattersheimer an diesem Abend, so fiel der Satz „So was hat uns hier gefehlt“ durchaus häufiger.

          Den Innenausbau besorgte der Kelkheimer Betrieb Lange. Eine imposante, beleuchtete Bar dominiert die Front, dahinter geht es in abgedunkelten Tönen weiter. Die Stühle aus Samt, die Tische massiv, die alten Holzbalken freigelegt an der Decke und das steinerne Mauerwerk sichtbar. Alles wirkt hochwertig und massiv. Dem Hauptraum schließt sich der ehemalige Stall an, der in Zeiten der Hoechst AG als Garage fungierte. Hier wird es etwas heller, die Lampen schweben filigraner an der Decke.

          Gekocht wird in der Ölmühle ausschließlich elektrisch, weil die Gastronomie vom Blockheizkraftwerk der Siedlung mitversorgt wird. Sämtliche organischen Stoffe werden gesammelt, zerkleinert und in einen Tank gepumpt. Er wird regelmäßig entleert und der Inhalt in die Biogasanlage nach Wicker transportiert. Anfang September soll die Ölmühle eröffnen, wenn alles gut geht und die Verträge mit den Betreibern rechtzeitig unterzeichnet werden. Auf den Tisch sollen dann regionale Spezialitäten kommen. Natürlich auch Grüne Soße, verspricht Günter Horn, denn auch die fehlt noch in Hattersheim.

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