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Neue Alnatura Firmenzentrale : Ein ökologisches Statement

Offen: Der Alnatura-Neubau gleicht vielen Innovationszentren. Bild: Rainer Wohlfahrt

Alnatura eröffnet am Mittwoch seinen neuen „Campus“ in Darmstadt. Mit ihm setzt der Bio-Händler Maßstäbe in moderner Firmenkultur und passt ins kommunale Selbstverständnis der Stadt.

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          Wenn heute in Darmstadt der „Alnatura-Campus“ eröffnet wird, kommt die Symbolik zu ihrem Recht. Nicht nur, weil die neue Firmenzentrale in einer Lehmbauweise errichtet wurde, die Nachhaltigkeit und Ökologie auf eine hierzulande ungewöhnliche Weise in Architektur überführt. Der Campus als „Erholungs-, Lern- und Begegnungsort“ mit integriertem Walddorfkindergarten, vegetarischem Restaurant und Bio-Einkaufs- und Erlebnispark ist auch als Beispiel für eine mitarbeiter- und kundenfreundliche Unternehmenskultur zu lesen, mit der Alnatura-Chef Götz Rehn sozusagen nachträglich noch einmal die 2014 verliehene Auszeichnung „bester Arbeitgeber Deutschlands“ unterstreicht.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Vor allem aber ist der Umzug aus dem kleinen südhessischen Bickenbach in die „Wissenschaftsstadt“ Darmstadt das passende Statement zur wirtschaftlichen Entwicklung des Bio-Handelsunternehmens. Das befindet sich, wie die Überschrift des Geschäftsberichts 2017/2018 im November verkündete, „wieder“ auf Wachstumskurs – und zwar dank eines „Richtungswechsels“ vor vier Jahren. Damals vollzog sich das Ende der besonderes Markenfreundschaft zwischen Alnatura und der dm-Drogeriekette, die dm-Gründer Götz Werner und Rehn vor Gericht austrugen. Der Streit drehte sich um einen neuen Vertriebsvertrag für die Alnatura-Produkte in den dm-Drogerien und um die Auslegung eines Kooperationsvertrages, der dm Mitspracherechte bei seinem Lieferanten zusicherte. Daneben standen unterschiedliche Auffassungen zur Verwendung des Markennamens Alnatura zur Diskussion.

          Neuausrichtung nach Trennung von dm

          Der Konflikt sorgte für reichlich Schlagzeilen, weil sich da unerwartet zwei Geschäftspartner bekämpften, die einst einmal soviel teilten: 30 Jahre erfolgreiche geschäftliche Zusammenarbeit, eine anthroposophische Weltsicht und sogar verwandtschaftliche Bindungen. Der Aufstieg von dm, Alnaturas größtem Handelspartner, zur größten Drogeriemarktkette in Deutschland war für Rehns Unternehmen mit einer stetigen Umsatzsteigerung verbunden, die mit der dm-Auslistung erst einmal ein Ende fand. 2014 folgte deshalb eine Neuausrichtung. Zum „Richtungswechsel“ gehörten acht neue Alnatura-Supermärkte, der Ausbau des Markensortiments auf 1400 Produkte und die Zusammenarbeit mit zwei neuen Handelspartnern. Die Geschäftszahlen bestätigten für Rehn im vergangenen Jahr, dass der Kurswechsel gelungen ist: Mit 822 Millionen Euro sei im Geschäftsjahr 2017/2018 ein Umsatzplus von 6,8 Prozent zu verzeichnen gewesen, das deutlich über dem allgemeinen Wachstum des Bio-Marktes von 5,9 Prozent gelegen habe. Weitere Expansion wurde angesagt.

          Der Blick von außen: Die Zentral ist in einer Lehm-Holz Bauweise errichtet.

          Seit einigen Monaten ist Alnatura über zwei neue Handelspartner in Frankreich vertreten. Damit sind die Bio-Produkte des Händlers in 14 europäischen Ländern zu kaufen. Zu den bestehenden 131 Märkten in Deutschland sollen im laufenden Geschäftsjahr weitere im Frankfurter Ostend, in Erfurt, Freiburg, Regensburg, Stuttgart und Starnberg kommen.

          Innovatives Gebäude aus Abbruchmaterialien

          Mit dem wirtschaftlichen Erfolg geht auch ein Ausbau der Alnatura-Belegschaft einher. Sie zählt inzwischen mehr als 3000 Mitarbeiter. In der Arbeitswelt des Campus bekommen rund 500 Beschäftigte einen neuen Arbeitsplatz. Die Arbeitsbedingungen dort dürfen wegen der biologischen Standards als außergewöhnlich gelten. Auf dem 55.000 Quadratmeter großen, früher von den amerikanischen Streitkräften genutzten Areal der Kelley Barracks ist ein dreigeschossiges Bürogebäude entstanden, das aus Lehmstampfwänden besteht.

          Die Zentrale bietet viel Licht, Platz und offene Flächen.

          Diesen Baustoff haben Spezialisten aus Österreich aus einer Mischung aus Schotter, geschäumten Altglas, Kies, Lehm und dem zerkleinerten Abbruchmaterial der alten Militärbaracken geformt und mit Heizspiralen versehen, so das die Wände als Heizung funktionieren. Auch alles andere folgt dem Alnatura-Leitspruch „Handeln im Einklang mit Mensch und Natur“: Ein Erdkanal sorgt für wohltemperierte Luft aus dem angrenzenden Wald, Strom wird mit einer großen Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt, die Temperatur innerhalb des Gebäudes mittels einer Geothermie-Anlage und Wärmepumpe reguliert, ein asymmetrischer Dachfirst und Glasfassaden sollen natürliches Tageslicht auf allen Ebenen garantieren.

          Alnatura als grünes Statussymbol für Darmstadt

          Mit einer Bruttogeschossfläche von 13.500 Quadratmetern handelt es sich bei dem Komplex um das europaweit größte Bürogebäude mit einer Außenfassade aus Lehm, für dessen Konzeption das Stuttgarter Architekturbüro haascookzemmrich Studio 2050 verantwortlich zeichnet. Schon im August ist der „Kinder-Natur-Garten“ mit 88 Plätzen eröffnet worden. Im Erdgeschoss des Gebäudes wird heute außer der Zentrale auch das öffentliche Restaurant Tibits eröffnet. Das Familienunternehmen aus der Schweiz bekommt damit seine erste Dependance in Deutschland. Tibits bietet auf 400 Quadratmetern 200 Sitzplätze – und 40 Gerichte, die sich Gäste am Buffet selbst zusammenstellen können.

          Floral: Der Wandschmuck in der Kantine erinnert die siebziger Jahre.

          Für das politisch grün-schwarze Darmstadt passt Alnatura hervorragend ins kommunale Selbstverständnis. Oberbürgermeister Jochen Partsch hatte vor zwei Jahren den Grundstücksdeal als „wichtigen Impuls für neue Wege in der ökologischen, sozialen und ökonomischen Stadtentwicklung“ bezeichnet. Alnatura ergänzt die Statussymbole des grünen Bildungsbürgerturms – E-Lastenfahrrad, Öko-Garten auf dem Hofgut Oberfeld und Waldorfkindergarten – tatsächlich hervorragend.

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