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Alltag eines Blinden : Leben im Nebel

  • -Aktualisiert am

Führungskraft: Blindenhündin Tara hilft Kurt Steffenhagen, mobil zu bleiben. Wenn der Rentner aus dem Haus geht, ist sie immer dabei. Die Krankenkasse wollte die Anschaffung des Labradors zuerst nicht bezahlen. Bild: Rosenkranz, Henner

Kurt Steffenhagen hat sein Augenlicht fast völlig verloren. Sein Alltag ist mühevoll geworden. Aber er lässt sich nicht entmutigen.

          Kurt Steffenhagen hat 75Jahre lang sehen können, dann gaben die Augen auf. Zuerst das linke, dann das rechte. „Durchblutungsstörung“, sagt Steffenhagen. „Papilleninfarkt“. Dabei sterbe der Sehnerv ab, ohne dass es schmerze. 1995 war es das linke Auge. Am 8.September 2007, das Datum kennt er genau, habe sich dann auch das rechte Auge „abgemeldet“. Jetzt ist Steffenhagen blind.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Wenn jemandem fünf Prozent der Sehkraft bleiben, dann gilt er als „hochgradig sehbehindert“. Null bis zwei Prozent bedeuten Blindheit. So wie bei Steffenhagen. „Ich lebe im Nebel“, sagt er und kommt nahe heran. Der Sehrest hilft ihm, wenigstens die Umrisse des Besuchers zu sehen.

          Vom Bergarbeiter zum EDV-Techniker

          Als das zweite Auge aufgab, da wusste er sofort, was los war. Aber mit diesem Wissen sei er zuerst allein geblieben, sagt Steffenhagen und rutscht auf dem roten Ledersofa hin und her. Er habe seiner Frau damals nichts erzählt. Sie war beruflich unterwegs und wusste drei Tage lang nicht, dass jetzt beide Augen kaputt waren.

          Steffenhagen ist ein großer schlanker Mann mit zerfurchtem Gesicht und blauen stumpfen Augen. Er war Bergarbeiter im Aachener Revier. Als die Grube dichtmachte, ging er zur Hessischen Bauverwaltung. Später hätten die ihn umgeschult, zum EDV-Techniker, sagt er. Mit seiner ersten Frau kaufte er dann ein Haus in Wächtersbach, da wollte er seine Rente in Ruhe genießen. Aber dann ging die Ehe kaputt.

          Trotzdem in den Urlaub

          Jetzt lebt er zusammen mit seiner zweiten Frau in einer Neubausiedlung in Preungesheim. Die Wohnung der beiden liegt im Erdgeschoss, behindertengerecht, mit extra breiten Türen, sie leben zusammen mit zwei Katzen und einem Hund. Die Möbel sind alt, die meisten Uhren an den Wänden gehen falsch.

          Damals, als das zweite Auge aufgab, hatten sie schon einen Urlaub gebucht, zwei Wochen Gardasee. Schließlich sind sie dann trotzdem hingefahren. Oder gerade deswegen, um sich auf die neue Lage einzustellen. Statistisch gesehen litten drei von 100.000 Menschen unter seiner Krankheit, sagt Steffenhagen. „Du kannst nichts machen, damit musst du leben.“ Es sei nun mal nicht zu ändern, fügt der Rentner trotzig hinzu. Jetzt könne er halt manche Sachen nicht mehr machen, Zeitunglesen, Fahrrad- und Autofahren etwa.

          Die Blindenschrift hat er nicht gelernt

          In seiner Wohnung würde er sich auch bei Dunkelheit zurechtfinden, sagt er. Draußen hilft ihm Tara, die Blindenhündin. Oder sein Freund Gustav. Mit dem gehe er sogar ins Museum, „aber nicht zu Ausstellungen mit kleinen Formaten“. Sein Freund erzählt ihm, was zu sehen ist; Steffenhagen lauscht und versucht, die Umrisse zu erkennen.

          Die Blindenschrift hat er nicht gelernt. Dafür sei die Krankheit zu spät gekommen. Aber die Krankenkasse hat ihm ein Lesegerät gegeben, einen Bildschirm, der wie ein Projektor funktioniert. Wirklich lesen kann er damit nicht, aber er hält seine Radioprogramme darunter, und der Bildschirm zeigt sie ihm unglaublich vergrößert an. Kaum ein Wort ist lesbar, ohne dass die Unterlage verschoben werden muss. Wenn er es kleiner einstellt, sieht er nichts mehr.

          500 Euro Blindengeld

          Auf seinem Schreibtisch liegen neben einem Telefon mit riesigen Wähltasten einige beschriebene Zettel, die Schrift ist so groß, dass nur wenige Worte darauf passen. Daneben ein Kalender, der eigentlich ein Ordner ist. Jeder Tag eine Din-A4-Seite, darauf immer nur drei bis vier Zeilen: Datum, Zeit, Termin. Steffenhagen fährt den Computer hoch. Ins Internet gehe er nicht, sagt er, das könne er nicht lesen. Aber E-Mails schreiben, das gehe. Er will es vorführen, aber es klappt nicht so richtig. Der PC wiederholt ganz laut die Worte, die da im Posteingang klein geschrieben stehen, aber das Programm spricht sie falsch aus. Steffenhagen weiß nicht mehr, welche E-Mail gerade angeklickt ist. „Was steht da jetzt?“, fragt er mehrmals.

          In Deutschland würden Blinde eigentlich gut versorgt, meint Steffenhagen. Er erhalte etwa 500 Euro Blindengeld, dürfe die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen und bekomme verschiedene Geräte und Hörbücher umsonst. Ein Problem sei jedoch, dass man den Blindenhund nicht überall hin mitnehmen könne. Manche Ärzte verweigerten das. Sich in der Stadt zu bewegen sei generell schwierig, denn an vielen Stellen fehlten weiter die Boden-Indikatoren, also die kleinen Noppen und Rillen auf weißem Grund, die Blinden Orientierung geben sollen und die er mit dem Stock ertastet. Da werde zwar viel gemacht, sagt er, „aber das reicht nicht aus.“

          Ein Hund an seiner Seite

          Er versucht weiter am Leben teilzunehmen, so gut es eben geht, hört viel Radio und die Hörbücher, die ihm die Kirche schickt. „Ich bin nicht ganz abgeschnitten von der Welt“, sagt Steffenhagen. Neulich war er sogar in Wien mit seiner Frau. Im Theater. „Ein Blinder im Theater“, sagt er und lacht. Er lauschte, seine Frau erzählte ihm, was zu sehen war, und die Blindenhündin lag daneben.

          Tara ist ein schwarzer Labrador. Die Krankenkasse habe sie ihm zuerst nicht bezahlen wollen, sagt Steffenhagen. Zu teuer. Stattdessen habe man ihm ein Navigationsgerät angeboten. Aber er hat sich durchgesetzt, und jetzt ist die Hündin immer dabei, wenn er aus dem Haus geht. Dann schnallt er ihr das Hundegeschirr mit dem langen Bügel um, auf dem steht: „Nicht streicheln. Ich arbeite.“ Draußen bewegen sich die beiden erstaunlich schnell durch das Neubaugebiet. „Sie weiß, dass ich ein bisschen sehen kann“, sagt Steffenhagen. Sie folgt seinen Worten und leitet ihn zugleich. „Links herum“ ruft er, und die Hündin biegt ab. Wenn er Nachbarn treffe, dann könne er sie nicht unterscheiden, sagt Steffenhagen. Diejenigen, die ihn kennen, sagen immer gleich ihren Namen. Damit er weiß, wen er vor sich hat.

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