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F.A.Z.-Leser helfen : Ein paar Atemzüge Leben

Bauchgefühl: Auch wenn das ungeborene Kind schwer krank ist, möchten manche Mütter es austragen. Bild: dpa

Wenn das Kinder-Palliativ-Team auf die Geburtsstation kommt, ist das auch für die Ärzte dort eine Hilfe. Denn Sterben auf einer Station, die eigentlich für das Leben steht, wird nie zur Routine.

          Der Kaffee, den Ivonne Bedei bestellt, muss schwarz sein. Sie kommt direkt aus dem Nachtdienst. Müde sieht sie trotzdem nicht aus. Es war eine ruhige Nacht. „Eine gute“, wie sie sagt. Weil alles glattgegangen sei. Das ist nicht immer so. Bedei arbeitet als Pränataldiagnostikerin an der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Höchst. Immer dann, wenn der hinterste Kreißsaal planmäßig belegt wird, obwohl einer der vorderen frei ist, steht ihr ein harter Dienst bevor. Abgeschirmt vom Klinikalltag, entbinden dort Frauen, deren Kind schon im Mutterleib gestorben ist oder die ein Neugeborenes mit kurzer Lebensdauer erwarten.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Klinikum Höchst arbeitet eng mit dem Kinder-Palliativ-Team Südhessen zusammen. Eltern, die meist schon in der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind bald sterben wird, erhalten hier eine zusätzliche Beratungsmöglichkeit. Das Team um Palliativmedizinerin Sabine Becker und Holger Fiedler klärt zuvor genauestens mit den Eltern ab, welche medizinischen Maßnahmen nach der Geburt ergriffen werden sollen und welche nicht. Die F.A.Z. sammelt in diesem Jahr Spenden für das Kinder-Palliativ-Team Südhessen, das die Begleitung der Eltern durch die Schwangerschaft bisher unentgeltlich anbietet. Dabei sind es lange, emotionale und kräftezehrende Gespräche, die das Palliativ-Team mit allen Beteiligten führen muss. Denn es gibt viel zu klären. Was können die Eltern vorbereiten, sollten sie ihr sterbendes Kind mit nach Hause nehmen? Wie geht das Sterben überhaupt vor sich? Und kann ausgeschlossen werden, dass das Kind leidet? Viele Eltern lehnten eine aufwendige medizinische Betreuung ihres Kindes nach der Geburt ab, sagt Sabine Becker. Das führe oft zu Konflikten mit den behandelnden Ärzten: „Es braucht eine Bereitschaft der Ärzte, neu zu denken. Aber wir können unseren Ansatz niemandem überstülpen.“ Eine Aufklärung über die Arbeit des Palliativ-Teams sei deswegen besonders wichtig.

          „Ich sehe die Tests als Chance“

          Pränataldiagnostikerin und Oberärztin Ivonne Bedei hat genau diese Zusammenarbeit schätzen gelernt. In ihre Pränatal-Sprechstunde kommen Paare, die nach Auffälligkeiten bei einer Voruntersuchung in die Klinik überwiesen wurden. Andere kommen auf eigenen Wunsch und auf eigene Kosten. Durch die Pränataldiagnostik können frühzeitig Fehlentwicklungen und genetische Erkrankungen des Embryos festgestellt werde.

          „Ich sehe die Tests als Chance. Sie bieten den Eltern die Möglichkeit, sich auf eine gewisse Situation vorzubereiten“, sagt Bedei. Denn manchmal könnten dank der Pränataldiagnostik Therapien eingeleitet werden, die dem Baby eine weitestgehend normale Entwicklung ermöglichten. Manchmal. Aber eben nicht immer. Ist ein Befund auffällig, folgen oft weitere Untersuchungen, weitere Diagnosen. Bedeis Aufgabe ist es, die Ergebnisse für die Eltern verständlich zusammenzufassen. Beraten oder gar bewerten darf sie nicht. Und trotzdem muss sie oft die eine Frage stellen, vor der alle Eltern Angst haben. Soll die Schwangerschaft weitergeführt oder „unterbrochen“ werden? Das Wort „Abtreibung“ will ihr nicht über die Lippen. Weil es sich für sie zu sehr nach Schuldzuweisung anhört.

          Ausnahmesituation für alle Beteiligten

          Nur wenige Paare entschlössen sich nach einer schweren Diagnose, die Schwangerschaft fortzuführen, sagt die Medizinerin. Aber genau diese Eltern gelte es zu unterstützen und durch die folgenden Monate zu begleiten. Im Klinikalltag fehlten dafür aber manchmal die nötigen Strukturen. Bedei meint: „Das, was diese Eltern leisten, ist bewundernswert.“

          Das Kinder-Palliativ-Team Südhessen knüpft genau da an. Es fängt diese Eltern auf, klärt mit ihnen, wie sie sich das kurze Leben, aber auch das Sterben ihres Kindes vorstellen. Dabei kämen nur wenige Eltern tatsächlich in die Situation, ihr Baby nicht nur ins Leben, sondern auch in den Tod zu begleiten, sagt Palliativmedizinerin Becker. Oft seien die Ungeborenen so schwer krank, dass sie noch im Mutterleib stürben.

          Belastung für Ärzte und Pfleger

          Wenn allerdings die Geburt eines Babys bevorsteht, dessen Lebenserwartung nur ein paar Atemzüge umfasst, ist das auch für die beteiligten Ärzte, Hebammen und Pfleger eine Ausnahmesituation, wie Bedei berichtet. Auch deshalb sei die Zusammenarbeit mit dem Palliativ-Team so wichtig. Bedei spricht respektvoll von „Kollegen“ – und die seien in der Klinik gerne gesehen. Man kenne sich meist schon aus vielen Vorgesprächen. Die offenen Worte, der sichere Umgang mit dem Thema Tod, all das sei auch eine Entlastung für das Klinikpersonal.

          Ein anderer Ort, eine andere Ärztin. Auch sie kommt direkt aus dem Dienst, sieht aber erschöpft aus an diesem Tag, der eigentlich schon viel zu lange dauert. „Es waren emotionale Gespräche heute“, sagt sie zur Entschuldigung. Silke Ehlers ist Kinderärztin im Bürgerhospital. Wird bei einer Untersuchung festgestellt, dass ein Ungeborenes sich nicht gesund entwickelt, wird sie hinzugezogen. Die Fragen der Eltern prasseln dann auf sie herein. Ist das Kind lebensfähig? Mit welchen Einschränkungen ist zu rechnen? Die 52 Jahre alte Kinderärztin versucht die Eltern aufzuklären, ihnen alle Optionen offenzulassen. Auch die, das Kind auszutragen.

          Das Leben soll nicht unnötig verlängert werden

          Die Zusammenarbeit mit dem Kinder-Palliativ-Team Südhessen und dem Bürgerhospital steht noch ganz am Anfang. Ehlers, Oberärztin der Neonatologie, setzt sich dafür ein, dass der Austausch intensiver wird. „Es ist ein zusätzlicher Baustein, den wir im Klinikalltag nicht anbieten können“, sagt sie. Erst durch diese neue Form der Zusammenarbeit könne den Eltern ermöglicht werden, ihr Neugeborenes mit nach Hause zu nehmen. Noch vor wenigen Monaten mussten Babys mit einer kurzen Lebenserwartung bis zu ihrem Tod in der Klinik bleiben. Dort, wo nur wenige Zimmer weiter stolze Eltern ihren gesunden Nachwuchs umhertragen, dort, wo das Leben eigentlich beginnen, nicht aber gleich wieder enden sollte.

          Das Wissen, dass Mitarbeiter des Kinder-Palliativ-Teams die Eltern betreuen, hilft auch den Ärzten, ein Stück Verantwortung abzugeben. Denn Palliativmedizinerin Becker und ihre Kollegen bleiben an der Seite der Eltern, wenn die Arbeit der Klinikärzte endet. Sie begleiten die Familien ins eigene Zuhause, unterstützen sie medizinisch, aber auch emotional. Für Ehlers eine beruhigende Vorstellung: Sie habe nicht den Auftrag, zu heilen, sondern zu lindern. „Ich denke, dass viele Eltern es besser verarbeiten, wenn sie ihr Kind auf natürlichem Weg gehen lassen können. Es muss sichergestellt sein, dass das Leben nicht unnötig verlängert wird.“

          Hier können Sie spenden

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Kinder-Palliativ-Team Südhessen, um Eltern zu unterstützen, die ein Kind mit lebensverkürzender Behinderung erwarten, und ein Projekt der Christoffel-Blindenmission in Paraguay, mit dem verhindert werden soll, dass Frühgeborene erblinden.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.– Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          - Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)

          IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11 - Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)

          IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden.

          Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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