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Alicia Keys : Gottvertrauen, Gutmenschentum und Mutterglück

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Mild, gütig und unangenehm selbstzufrieden: Alicia Keys’ Bühnenshow wirkt ermüdend. Bild: Röth, Frank

Jeden zweiten Song hält sie für etwas Besonderes: Alicia Keys präsentiert sich in der Frankfurter Festhalle am liebsten in Großaufnahme.

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          Vielleicht ist es dieses milde Lächeln, das einen mit der Zeit ermüdet. Dieser leicht sinnierende Blick im fein geschnittenen Gesicht, mit dem Alicia Keys jeden zweite Song als „ganz besonders“ anmoderiert. Doch meistens erfährt man das Besondere gar nicht. Es geht immer um einen allgemeinen Lebenswert, um die Selbstbehauptung in der Liebe, um das „Vorwärtskommen“ im Sinne einer Reifung, um das innere „Wachsen“. „Keep moving, keep growing“ heißt es am Ende per Schriftzug auf dem finalen weißen Vorhang, auf den nach dem Konzert in der Frankfurter Festhalle Frau Keys per Filmeinspieler noch ein „Halleluja“ singt. Angesichts dieses Pathos versteht man sofort, weshalb die zigfache Grammy-Gewinnerin im vergangenen Februar das amerikanische Entertainment-Heiligtum, den Super Bowl in New Orleans, mit dem Absingen des U. S. National Anthem eröffnen durfte.

          Alicia Keys lässt sich auf den Leinwänden über und hinter der ansonsten schlicht gehaltenen Bühne gern in Großaufnahme zeigen. Ob am weißen Flügel, am schwarzen Piano, am roten elektrischen Klavier oder bei ein paar Tanzschritten. Das ist die Nähe, die sie ihrem Publikum gönnt. Ansonsten spiegelt sich in der gesamten Konzertsituation jene kühle Distanz, die der New Yorkerin im Lauf ihrer mehr als zehnjährigen Karriere schon häufiger vorgeworfen worden ist. Die Zuhörer sitzen ordentlich in Blöcken sortiert, mit 7200 Plätzen ist die Festhalle ausverkauft. Die in dieser Star-Liga übliche Rampe, welche die Bühne mitten in die Fans verlängert, fehlt. Nur gucken, nicht anfassen. Bis auf ein gut bewachtes vorsichtiges Händeschütteln gegen Ende bleibt Alicia Keys unnahbar.

          Der Sohn liebt den Song

          Genau deshalb wirkt ihr mildes Lächeln ermüdend. Sie hat, auch nach ihrem allerersten und live freudig begrüßten Ausnahme-Hit „Fallin’“, den Hitparaden der Welt durchaus immer wieder mal eine eingängige Songperle gestiftet, zuletzt „Girl on Fire“ im Herbst 2012 vom gleichnamigen Album. Doch Keys will ihren Gospel- und R&B-Pop lieber elegant als schweißtreibend, fehlerfrei statt ausgelassen und gewichtig statt leichtfüßig rezipiert wissen, und so erschöpft sich die Show schnell in einer humorlosen Perfektion mit unangemessen rummsenden Livesounds. Gleichzeitig legt es die Darbietung auf Bedeutung an, auf ein Versprechen voller Gottvertrauen, Gutmenschentum und Mutterglück. Doch der kathedralische Sound, die Filmeinspieler mit ballettösen Posen, die Tänzer mit ihren Ausdrucks- und Schleier-Choreographien - das alles gerinnt zum wohlfeilen Kitsch, weil Alicia Keys’ Message jener Selbstvergewisserung, die so schlicht bleibt wie das Amen in der Kirche, in messianischer Egozentrik versackt.

          Als sie den zarten Song „Not even the King“ ankündigt („very special!“), haucht Keys ins Mikro, dass ihr Sohn Egypt den so liebt. Und dass er mit seinen zwei Jahren meine, über alles Bescheid zu wissen. Als würde sie etwas Intimes preisgeben, lacht sie kurz auf, lächelt milde und merkt nicht, dass sie auf der Bühne etwas Ähnliches, allerdings wesentlich Lästigeres tut: die Zurschaustellung einer unangenehmen gütigen Selbstzufriedenheit.

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