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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Ein bisschen Kontrolle in Zeiten der Machtlosigkeit

Natürlich: Barbara Keena zeigt, wie Babys beigesetzt werden können. Bild: Rainer Wohlfahrt

Zwei Hebammen haben die Branche gewechselt und arbeiten als Bestatterinnen. Barbara Kenna und Ute Johanna Heilos begleiten Eltern, die in der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind sterben wird.

          Guter Cappuccino ist ihr wichtig. Stark muss er sein. Wer mag, bekommt eine extra dicke Schicht Milchschaum dazu. Wenn die eigene Welt ins Wanken gerät, kann eine wortlos gereichte Tasse Tee oder Kaffee Trost spendet. Ungeschehen machen kann sie allerdings nichts. Barbara Keena weiß das. Sie serviert das heiße Getränk trotzdem – in Tassen, die man am besten mit beiden Händen umfasst. Kaffee ist für die ehemalige Hebamme Halt in Henkeltassen. Die Menschen, die in das Bestattungsinstitut Pegasus nach Aschaffenburg kommen, haben genau den nämlich verloren.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Barbara Keena lädt für das erste Gespräch an einen runden Holztisch ein. Hier wird oft erst geschwiegen, die Tasse gehalten, irgendwann ein vorsichtiger Schluck genommen. Und dann wird erzählt. Von dem Menschen, der nicht mehr lebt, von seinen liebevollen Macken, seinen kleinen und großen Heldentaten, von den schönen Erinnerungen an ein langes, gemeinsames Leben.

          Nie richtig kennenlernen durften

          Oft sitzen aber auch Eltern vor ihr, die nicht erzählen können, was den Menschen, den sie verloren haben, amüsierte, was ihn traurig gemacht hat, worin er besser war, als alle anderen, was er gerne gegessen, zu welcher Musik er getanzt hat. Sie trauern um ihr eigenes Kind, das sie manchmal nur kurz, nie aber richtig kennenlernen durften. Das Pegasus-Team berät unter anderem Paare, deren Kind noch während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt gestorben ist. Eltern, die sich auf ein Leben als Familie vorbereitet haben, die ihr Kind aber nicht aufwachsen sehen.

          Viele Paare werden durch das Kinder-Palliativteam Südhessen, für das diese Zeitung in diesem Jahr Spenden sammelt, auf das Angebot von Pegasus aufmerksam gemacht. Denn Barbara Keena und ihre Kollegin Ute Johanna Heilos haben beide früher als Hebammen gearbeitet. Leben und Tod, das mussten sie schon damals lernen, liegen manchmal nah beieinander. „Sowohl als Hebamme als auch als Bestatterin will ich einen liebevollen und sanften Übergang ermöglichen“, sagt Keena. Schon als Hebamme habe sie realisiert, wie wichtig es für die Eltern sein kann, auch ein todkrankes Kind willkommen zu heißen, um sich überhaupt verabschieden zu können. „In einer Ausnahmesituation gehen wir in die Regression. Dann werden wir wie Kinder. Wir lernen durch begreifen“, sagt sie.

          Dass dieses Kind da war

          Das Anfassen des verstorbenen Kindes, das Berühren und spüren, dass dieses Kind da war, dass es einen Platz im Leben hatte, sei wichtig für die Eltern, um verstehen zu können. Das Bestattungsunternehmen Pegasus berät Eltern, die noch während der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind kaum eine Überlebenschance haben wird. Paare, die sich trotzdem dafür entschieden haben, ein schwerstkrankes Kind auszutragen, die die Zeit mit dem Kind, egal wie kurz sie auch sein mag, bewusst erleben wollen. Eltern, die sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, aber auch solche, die nach einem Spätabbruch ihr Baby würdevoll beerdigen wollen.

          Und so nehmen manchmal Frauen auf den Stühlen Platz, deren Schwangerschaftsbäuche an den Tischrand stoßen, die wissen, dass das Kind, das sie erwarten, lebensbedrohlich erkrankt ist. Paare, die statt der ersten Babyparty eine Beerdigung planen müssen. Keena schätzt den Mut, den die Eltern aufbringen, um sich dieser schweren Zeit zu stellen. Ihre Aufgabe als Bestatterin sei es, die Eltern aus ihrer Rat- und Tatenlosigkeit zu befreien, so die Achtundfünfzigjährige. In Zeiten, in denen sich die Paare oft machtlos fühlten, will sie ihnen das Gefühl geben, zumindest ein bisschen Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen, selbst aktiv und kreativ werden zu können.

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