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„Ajax“ im Schauspiel Frankfurt : Was will ein Ami-Goebbels an den Dardanellen?

Recht vor Macht, Respekt vor Hass: Martin Rentzsch, Manuel Harder und Ben Gerloff (von links) in „Ajax“ Bild: Birgit Hupfeld/RMZ

Alle patschen über die geflutete Bühne: Das Frankfurter Schauspiel zeigt im Bockenheimer Depot Sophokles’ Tragödie „Ajax“.

          3 Min.

          Die letzten drei Sätze stammten nicht von Sophokles, sondern aus der Gosse. Sie waren übrig geblieben von der geplanten Inszenierung eines traumatisierten Soldaten im Afghanistan-Einsatz. Übrig geblieben war auch ein Teil der Bühnenarchitektur im Bockenheimer Depot, Nebenspielstätte des Frankfurter Schauspiels: eine unbespielte Loggia samt unbespieltem Steg im ersten Stock einer monumentalen Betonwand, die an einen Bunker erinnerte. Warum, so fragte man sich, tritt dort nicht die Göttin Athene auf oder wenigstens der Deus ex Machina in Gestalt des Odysseus? Vielleicht auch die Heerführer? Statt dessen patschten sämtliche Personen über eine geflutete Bühne mit drei Tiefenzonen, in deren Mitte ein Floß dümpelte: Liebeslager, Waffendepot und Sarg des Titelhelden. Bühnenbildner Roel van Berckelaer hat mehr versprochen, als sein Regisseur einzulösen vermochte.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Thibaud Delpeut hat versucht, den „Ajax“ zu inszenieren, die erste Tragödie des Sophokles, die uns überliefert ist, die Geschichte eines anmaßenden griechischen Kriegers vor Troja, der für seinen Hochmut bestraft wird. Ajax, so erzählt die Sage aus der sogenannten Kleinen Ilias, hatte die Leiche seines Cousins Achilles aus dem Schlachtengetümmel gerettet, Odysseus half ihm dabei, indem er die Feinde zurückschlug. Danach beanspruchen beide die Waffen des toten Helden. Ein Schiedsgericht spricht sie Odysseus zu. Ajax fühlt sich dermaßen entehrt, dass er nicht nur Odysseus, sondern auch die beiden Heerführer Agamemnon und Menelaos über Nacht meucheln will. Doch er hat nicht mit Athene gerechnet, die er schon vorher mit seinem Stolz beleidigt hatte. Die Göttin schützt ihren Liebling Odysseus, indem sie Ajax mit Wahnsinn schlägt: Er schlachtet das Beutevieh seiner Landsleute.

          Wucht der antiken Sprache

          All das ist die Vorgeschichte des analytischen Dramas. Erst als Ajax am nächsten Morgen seine Schmach erkennt, setzt die Tragödie des Sophokles ein. Wieder zur Besinnung gekommen, will sich der Krieger umbringen, weil er dermaßen besudelt nicht zu seinem heldenhaften Vater heimkehren kann. Seine Beutesklavin Tekmessa, Mutter seines Sohnes Eurysakes, versucht ihn zu beruhigen. Ajax täuscht sie und den Chor seiner Waffengefährten mit einer Trugrede und stürzt sich dann doch unbeobachtet ins Schwert. Im zweiten Teil des Stücks streitet sein Halbbruder Teukros mit den beiden Befehlshabern um die Bestattung des Helden. Die spätere Tragödie „Antigone“ wirft hier schon ihre Schatten voraus: Macht oder Recht, das ist die Frage. Ausgerechnet der sonst so durchtriebene Odysseus tritt als Anwalt seines tapferen Gegners auf und setzt seine ehrenhafte Bestattung durch.

          So weit Sophokles. Simon Werle hat den Text neu übersetzt und die Wucht der antiken Sprache für die Gegenwart wiederbelebt. Die Schauspieler aber werden nicht alle mit dem Text fertig. Zwischen Andreas Uhse als trauerndem Teukros, Linda Pöppel als verzweifelter Tekmessa und Manuel Harder als rasendem Ajax liegen Welten der Sprechkultur: Ausgerechnet der Darsteller des Titelhelden verschreit oder vernuschelt den Text, Uhse dagegen ist selbst dann noch zu verstehen, wenn er seine Figur flüstern lässt. Auch dem Feldherrn Menelaos hört man gern zu: Sascha Nathan spricht nicht nur sehr genau, er lässt auch seine rechte Hand zittern und assoziiert damit einen Hitler in amerikanischer Generalsuniform. Doch wenn Michael Benthin als intellektueller Agamemnon mit altmodischer Brille auftritt, fragt man sich: ein Ami-Goebbels an den Dardanellen? Was soll das?

          Damit beginnen die sichtbaren Ungereimtheiten. Die hörbaren waren da schon vorbei. Genauer: die nicht mehr hörbaren, weil sie von Regie und Dramaturgie gestrichen waren. In der dritten Hauptszene berichtet ein Bote, warum Ajax sich den Göttern verhasst gemacht hat: weil er ohne deren Beistand zu Ruhm kommen wollte. In einer entgötterten Zeit lassen sich Götter zwar streichen - was der Regisseur übrigens nicht konsequent durchhält -, aber die Maßlosigkeit des Anspruchs, die Hybris als Dreh- und Angelpunkt der griechischen Ethik, ist nach wie vor aktuell. Nach dieser dramaturgischen Missetat versteht niemand mehr, warum Ajax überhaupt so traumatisiert ist, denn sein Ehrbegriff ist heute ja auch obsolet. Doch gerade die posttraumatischen Belastungsstörungen der Afghanistan-Heimkehrer sollen Ausgangspunkt dieser Inszenierung gewesen sein. Als der Regisseur merkte, dass dieses Konzept nicht trug, hat er die geplante Rahmenhandlung fallen lassen, womit auch die Bühnenarchitektur nicht mehr ihren Zweck erfüllen konnte.

          Verzicht auf plakative Aktualisierung

          Nur die Four-Letter-Words, die Martin Rentzsch am Ende als Chor sprechen muss, konnte sich die Regie nicht mehr verkneifen. Sie wirken ebenso überflüssig wie der explosive Diskotanz nach der Trugrede des Ajax: Ventil der Erleichterung vor dem Schuss mit dem Sturmgewehr in den Mund. Noch ein Toter nach 116 getöteten Feinden, die auf den Rücken des Titelhelden tätowiert sind und vom Söhnchen gezählt werden: So beginnt die Weitergabe des Kriegstraumas mit dem Bodycounting.

          Auch wenn das ursprüngliche Konzept nicht aufging, ist doch genug von Sophokles erhalten geblieben, um das Premierenpublikum mit Recht zu begeistern. Wahrscheinlich hat Delpeut seine Inszenierung sogar gerettet, indem er auf plakative Aktualisierung verzichtet und der Tragfähigkeit des Textes vertraut hat. Zumindest zwei Botschaften brachte sein Odysseus nach gut anderthalb pausenlosen Stunden herüber: Recht geht vor Macht, und die Achtung vor den Toten wiegt schwerer als Hass und Rache der Überlebenden. Warum die Oberbefehlshaber allerdings vor einem Jüngelchen wie Christian Erdts zartem Odysseus kuschen, vermittelt sich nicht. Ein disparater, aber kein verlorener Abend.

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