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AfD-Spitzenkandidat in Hessen : Der mysteriöse Doktor Rahn

Könnte bald die erste AfD-Fraktion im hessischen Landtag führen: Rainer Rahn Bild: Michael Kretzer

Wenn nicht alles täuscht, wird bald ein bürgerlicher Zahnarzt aus Frankfurt die erste AfD-Fraktion im hessischen Landtag führen. Wer den Mann kennt, tut sich schwer, das zu verstehen.

          4 Min.

          Wenn Rainer Rahn gut drauf ist, kann er witzig sein. Zum Beispiel, wenn der hessische Spitzenkandidat der AfD mit ein paar Zahlen jongliert. Als vor ein paar Jahren im Frankfurter Römer darüber debattiert wurde, ob ein Stadtratsposten nachbesetzt werden sollte, hielt Rahn – 66 Jahre alt, Schnauzer, graues Strubbelhaar – eine Rede, an die sich manche immer noch erinnern.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damals, im Sommer 2013, war Rahn noch Mitglied einer zusammengewürfelten Kleinstfraktion. Die CDU, die den Posten im Magistrat mit einem eigenen Mann nachbesetzen wollte, argumentierte wegen schwacher inhaltlicher Argumente lieber mit dem Dreisatz: In Frankfurt gebe es nur einen hauptamtlichen Dezernenten auf etwa 70.000 Einwohner. Im Vergleich zu anderen Städten, in denen ein Dezernent auf etwa 40.000 Einwohner komme, sei das doch ziemlich bescheiden.

          Beifall und Heiterkeit

          Dann kam Rahn. Er nahm das dünne CDU-Argument auseinander, indem er es auf andere Ebenen übertrug: „Nehmen wir das Land Luxemburg. Das hat 540.000 Einwohner und 15 Minister. Wenn man diese Relation auf das Land Hessen übertragen würde, dann müsste es in Hessen 170 Minister geben, in der Bundesregierung 2200 Minister und in der Volksrepublik China mehr als 33.000 Minister.“ Das Protokoll verzeichnet Beifall und Heiterkeit.

          Aus heutiger Sicht erscheint der Applaus überraschend. Denn damals schon war der Mann, der seine politische Arbeit in den Frankfurter Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau begann, Mitglied der AfD, eingetreten im Frühjahr 2013. Und auch damals schon kandidierte Rahn auf der AfD-Liste für den Landtag, auf Platz vier, verpasste den Einzug aber, weil seine Partei knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Doch vor fünf Jahren war die AfD noch eine andere Partei: eurokritisch, wirtschaftsliberal und sehr von sich überzeugt. Sie passte nicht schlecht zu Rainer Rahn.

          Mann mit Comic-Krawatten

          Der bekommt Beifall mittlerweile von anderen, von Rechtskonservativen, von Wutbürgern und von Neonazis. Dass ihn das nicht stört, ist kaum zu glauben. Hin und wieder versucht er, sich von Rechtsaußen abzugrenzen. Neulich zum Beispiel ließ er wissen, dass die hessische AfD die Aufnahme jedes Mitglieds genau prüfe. „Vor jeder Neuaufnahme durchleuchten wir die Kandidaten“, beteuerte der Mann, der gerne Comic-Krawatten trägt. Eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle recherchiere den Hintergrund der Bewerber im Internet. Allerdings, so gab er zu, sei das in der Anfangsphase der AfD nicht gemacht worden.

          Damals müssen Leute wie Björn Höcke durchgerutscht sein. Mit Rahn gemeinsam hat der nicht nur das Parteibuch: Der rechtsradikale Höcke ist seit kurzem ebenfalls Spitzenkandidat, und zwar im benachbarten Bundesland Thüringen. Zum Thema Migration fiel ihm einmal der Satz ein: „Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“ Rahn weiß um die Gesinnung vieler Parteifreunde. Er heißt sie nicht gut, verteufelt sie aber auch nicht, sondern schweigt lieber. Aber wer mit Schmuddelkindern spielt, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, eine blütenweiße Weste zu haben.

          „Machtbesessener“ Doppel-Doktor

          Um zu verstehen, warum sich der zweifach promovierte Zahn- und Humanmediziner an herausgehobener Stelle für die AfD engagiert, müssen politische Weggefährten zu Wort kommen. Was sie erzählen, ist erhellend. Praktischerweise gibt es ziemlich viele von ihnen, denn Rahn hat sein politisches Engagement nie allein von Inhalten abhängig gemacht, sondern eher davon, wo er möglichst viel erreichen kann. Das machte ihn flexibel. So wechselte er nach dem Absturz der Flughafenausbau-Fraktion zunächst für ein Jahr in die FDP-Fraktion und dann in die aus drei älteren Herren bestehende „Römer“-Fraktion. Der im Rathaus „Doppel-Doktor“ genannte Rahn hatte da längst angekündigt, nach der Wahlperiode im Frühjahr 2016 Schluss zu machen. Er wollte den Ruhestand genießen und öfter in seinem Haus am Bodensee sein.

          Doch es kam anders. „Er ist ziemlich machtbesessen. Das ist auch der Grund, warum er in der AfD ist, da hatte er die besten Aussichten“, meint eine Weggefährtin, die wie alle anderen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. 2016 blieb Rahn jedenfalls einfach im Römer: Er führte die AfD als Fraktion ins Rathaus, seither ist er deren Vorsitzender. Als einer seiner sieben Fraktionskollegen zu Beginn der Wahlperiode auch öfter Reden hielt, manche davon peinlich, muss Rahn den Mann in der Sommerpause dermaßen eingenordet haben, dass der sich seitdem kaum noch ans Pult traut.

          „Das Mysterium Rainer Rahn“

          Anruf bei einer, die ihn lange kennt. „Ach, der Rainer“, seufzt die Frau. „Er ist halt so dahingedümpelt und wollte nochmal was starten. Da war es ihm egal, in welcher Partei, da hat er auch die AfD genommen. Er hat sich einer Gruppierung angeschlossen, die ihm den größten Erfolg verspricht.“ Es lasse sich aber keinesfalls sagen: „Das ist ein Nazi.“ Sie halte Rahn zwar für einen schwierigen Charakter, der wenig Verständnis für die Belange anderer habe. In seiner politischen Arbeit sei er aber immer sehr gut gewesen, außerdem habe er vermutlich ein fotografisches Gedächtnis. Er sei eben „das Mysterium Rainer Rahn“. Und ein anderer, der ihn seit Jahrzehnten beobachtet, sagt: „Ich kann mir das mit der AfD gar nicht erklären.“ Rahn sei allseitig gebildet, hochintelligent. „Das ist ja nicht der Pegida-Proll aus Dresden.“ Doch auch dieser Weggefährte hält den AfD-Spitzenkandidaten für opportunistisch, kaum teamfähig und sehr ehrgeizig.

          Mit zwei Gruppen kann Rahn besonders schlecht: mit Journalisten und mit Verwaltungsleuten. Die meisten Journalisten hält er schlicht für unfähig, zeitweise sprach er nur noch mit einem einzigen Berichterstatter in Frankfurt. Der Boykott ging bis hin zu den Fotos. Deshalb erschienen in zwei Frankfurter Zeitungen die Übersichtsseiten mit den 93 Stadtverordneten ohne die Köpfe der AfD.

          Stadtverwaltung als Quell steten Ärgers

          Macht jemand einen Fehler, kann Rahn schneidend werden. Hat er Vertrauen gefasst, ist er entspannter. Ein Quell steten Ärgers ist für ihn die Stadtverwaltung. Er findet sie zu schlecht und zu langsam. Mit zahllosen Akteneinsichtsausschüssen zu teils nichtigen Vorgängen triezt er die Mitarbeiter seit Jahren. Sie müssen jedes Mal alle Akten zusammensuchen, wenn Rahn das wünscht.

          Öffnen

          Ende September 2017 sprach er wieder einmal im Römer. Es ging in der Debatte um Aussagen des damaligen Innenministers Thomas de Maizière von der CDU zum Thema Leitkultur. Rahn hielt sie im Prinzip für richtig – und die Migrationspolitik der Bundesregierung für falsch. Um deren Folgen zu beschreiben, zitierte er gegen Ende seiner Rede Schlagzeilen aus Zeitungen: „Flüchtlingfamilie redet nur mit männlichem Makler“ zum Beispiel, aber auch „Syrer mit vier Frauen und 23 Kindern erhält monatlich 30.000 Euro“, „Nigerianer vergewaltigt Joggerin am helllichten Tag“ und „Asylbewerber tötet Flüchtlingshelferin“. In diesem Moment passte Rahn wieder zur AfD.

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