https://www.faz.net/-gzg-9fn8y

AfD-Spitzenkandidat in Hessen : Der mysteriöse Doktor Rahn

„Machtbesessener“ Doppel-Doktor

Um zu verstehen, warum sich der zweifach promovierte Zahn- und Humanmediziner an herausgehobener Stelle für die AfD engagiert, müssen politische Weggefährten zu Wort kommen. Was sie erzählen, ist erhellend. Praktischerweise gibt es ziemlich viele von ihnen, denn Rahn hat sein politisches Engagement nie allein von Inhalten abhängig gemacht, sondern eher davon, wo er möglichst viel erreichen kann. Das machte ihn flexibel. So wechselte er nach dem Absturz der Flughafenausbau-Fraktion zunächst für ein Jahr in die FDP-Fraktion und dann in die aus drei älteren Herren bestehende „Römer“-Fraktion. Der im Rathaus „Doppel-Doktor“ genannte Rahn hatte da längst angekündigt, nach der Wahlperiode im Frühjahr 2016 Schluss zu machen. Er wollte den Ruhestand genießen und öfter in seinem Haus am Bodensee sein.

Doch es kam anders. „Er ist ziemlich machtbesessen. Das ist auch der Grund, warum er in der AfD ist, da hatte er die besten Aussichten“, meint eine Weggefährtin, die wie alle anderen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. 2016 blieb Rahn jedenfalls einfach im Römer: Er führte die AfD als Fraktion ins Rathaus, seither ist er deren Vorsitzender. Als einer seiner sieben Fraktionskollegen zu Beginn der Wahlperiode auch öfter Reden hielt, manche davon peinlich, muss Rahn den Mann in der Sommerpause dermaßen eingenordet haben, dass der sich seitdem kaum noch ans Pult traut.

„Das Mysterium Rainer Rahn“

Anruf bei einer, die ihn lange kennt. „Ach, der Rainer“, seufzt die Frau. „Er ist halt so dahingedümpelt und wollte nochmal was starten. Da war es ihm egal, in welcher Partei, da hat er auch die AfD genommen. Er hat sich einer Gruppierung angeschlossen, die ihm den größten Erfolg verspricht.“ Es lasse sich aber keinesfalls sagen: „Das ist ein Nazi.“ Sie halte Rahn zwar für einen schwierigen Charakter, der wenig Verständnis für die Belange anderer habe. In seiner politischen Arbeit sei er aber immer sehr gut gewesen, außerdem habe er vermutlich ein fotografisches Gedächtnis. Er sei eben „das Mysterium Rainer Rahn“. Und ein anderer, der ihn seit Jahrzehnten beobachtet, sagt: „Ich kann mir das mit der AfD gar nicht erklären.“ Rahn sei allseitig gebildet, hochintelligent. „Das ist ja nicht der Pegida-Proll aus Dresden.“ Doch auch dieser Weggefährte hält den AfD-Spitzenkandidaten für opportunistisch, kaum teamfähig und sehr ehrgeizig.

Mit zwei Gruppen kann Rahn besonders schlecht: mit Journalisten und mit Verwaltungsleuten. Die meisten Journalisten hält er schlicht für unfähig, zeitweise sprach er nur noch mit einem einzigen Berichterstatter in Frankfurt. Der Boykott ging bis hin zu den Fotos. Deshalb erschienen in zwei Frankfurter Zeitungen die Übersichtsseiten mit den 93 Stadtverordneten ohne die Köpfe der AfD.

Stadtverwaltung als Quell steten Ärgers

Macht jemand einen Fehler, kann Rahn schneidend werden. Hat er Vertrauen gefasst, ist er entspannter. Ein Quell steten Ärgers ist für ihn die Stadtverwaltung. Er findet sie zu schlecht und zu langsam. Mit zahllosen Akteneinsichtsausschüssen zu teils nichtigen Vorgängen triezt er die Mitarbeiter seit Jahren. Sie müssen jedes Mal alle Akten zusammensuchen, wenn Rahn das wünscht.

Öffnen

Ende September 2017 sprach er wieder einmal im Römer. Es ging in der Debatte um Aussagen des damaligen Innenministers Thomas de Maizière von der CDU zum Thema Leitkultur. Rahn hielt sie im Prinzip für richtig – und die Migrationspolitik der Bundesregierung für falsch. Um deren Folgen zu beschreiben, zitierte er gegen Ende seiner Rede Schlagzeilen aus Zeitungen: „Flüchtlingfamilie redet nur mit männlichem Makler“ zum Beispiel, aber auch „Syrer mit vier Frauen und 23 Kindern erhält monatlich 30.000 Euro“, „Nigerianer vergewaltigt Joggerin am helllichten Tag“ und „Asylbewerber tötet Flüchtlingshelferin“. In diesem Moment passte Rahn wieder zur AfD.

Weitere Themen

Topmeldungen

Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.