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AfD-Gruppen an Hochschulen : Gegen Studiengebühren, für Gummigeschosse

  • -Aktualisiert am

Sehen sich als „Junge Alternative“: Michael Werl, Ann-Katrin Magnitz und Marius Dilli vor der Kasseler Uni Bild: Jakob von Siebenthal

Die Jugendorganisation der AfD gründet immer mehr Hochschulgruppen, auch in Hessen. Der Sprecher der Kasseler Gruppe soll rechtsextrem sein, er selbst bestreitet das.

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          Neulich hat sich mal wieder jemand nicht getraut, Ann-Katrin Magnitz und Marius Dilli seine Meinung ins Gesicht zu sagen. Die beiden studieren zusammen Geschichte und unterhielten sich, während sie gemeinsam in der Bibliothek Bücher suchten. Ein anderer Student fühlte sich offenbar belästigt, vielleicht von ihren Gesprächen, vielleicht auch nur von ihrer Anwesenheit. Einige Minuten später entdeckten sie seinen Beitrag bei Jodel, einer anonymen Smartphone-App für Studenten. Darin schrieb der Unbekannte, er habe sie gerade in der Bibliothek entdeckt. Eine Botschaft an die beiden hatte er auch: „Haltet eure Klappe!“

          An der Universität Kassel wünschen sich das viele, denn Magnitz und Dilli gehören zum Vorstand der Hochschulgruppe der Jungen Alternative (JA). Die JA ist die Nachwuchsorganisation der AfD und steht im Ruf, radikaler als die Mutterpartei zu sein. Sie würden regelmäßig beleidigt, sagt Magnitz, meist anonym in den sozialen Netzwerken. Warum die Leute sie anfeinden, können sich die drei Vorstandsmitglieder angeblich nicht erklären. Magnitz ist Lehramtsstudentin, sehr charmant und sagt über sich selbst, sie habe einen Migrationshintergrund. Danach lacht sie, als hätte sie einen guten Witz gemacht: Ihre Mutter kommt aus Spanien. Neben Magnitz wirkt Dilli wie ein netter, etwas unbeholfener Nerd. Das dritte Vorstandsmitglied und der Sprecher der Gruppe ist Michael Werl. Auch er hat so etwas wie einen Migrationshintergrund, denn er ist Halbösterreicher, aber in Karlsruhe aufgewachsen und spricht im weichen badischen Singsang.

          Für die AfD im Stadtparlament

          Zum Treffen im Torcafé auf dem Campus kommt Werl im Anzug, denn er ist stellvertretender Fraktionssprecher der AfD im Stadtparlament und muss später noch zur Sitzung des Kulturausschusses. Zeit für die Uni bleibt dem 29 Jahre alten Studenten der Politik- und Wirtschaftswissenschaften kaum, er ist auch Vorstandsmitglied der Kreisverbände von AfD und JA. In der Stadt kennt man ihn wegen seiner vielen Ämter. Neulich hat ihm ein Passant „Scheißrechtspopulist“ hinterhergeschrien, die Antifa hat Flugblätter in seiner Nachbarschaft verteilt, und in der Facebook-Gruppe der Uni Kassel hat jemand eine Fotomontage von ihm und Frauke Petry mit Hitlerbärtchen gepostet.

          Ann-Katrin Magnitz glaubt, dass sich deshalb viele nicht trauten, sie offen zu unterstützen. Positive Reaktionen kämen meist in privaten Nachrichten, „und das sind nicht wenige“. „Political Correctness und Denkverbote“ werden deshalb bei den bevorstehenden Hochschulwahlen die Hauptthemen der JA-Kandidaten sein. Die Studentenschaft in Kassel gilt als links, Hochschulgruppen wie der Ring Christlich-Demokratischer Studenten und die Jungen Liberalen treten nicht an. Die Junge Alternative sieht darin ihre Chance und will den konservativen Studenten etwas bieten. Ihre Hochschulgruppe war die erste in Hessen, kürzlich kam eine zweite in Darmstadt hinzu, bundesweit sind es bisher etwa zehn.

          Gegen Anwesenheitspflicht

          Auf den ersten Blick sieht ihr Wahlprogramm nicht unbedingt konservativ aus. Einige Forderungen könnten wortgleich von linken Hochschulgruppen stammen: Die JA-Aktivisten wollen die Anwesenheitspflicht abschaffen, sie sind gegen Studiengebühren, Bafög soll unabhängig vom Elterneinkommen gezahlt werden. Mit einigen Themen wollen sie bei Frauen punkten, weil sie bisher vor allem bei Männern gut ankommen, und fordern etwa, auf Produkte aus Massentierhaltung zu verzichten.

          Auf den hinteren Seiten des Wahlprogramms allerdings finden sich Forderungen, die Linke mit Sicherheit nicht teilen werden. Unter dem Punkt „Patriotische Hochschule“ wird verlangt, den Studenten „historische Ereignisse und Personen in der deutschen Geschichte“ näherzubringen und ihnen ein „patriotisches Wertebild“ zu vermitteln. Studentenverbindungen sollen Uni-Räume nutzen dürfen. Als Alleinstellungsmerkmal sehen die JA-Vertreter auch ihre Forderung, die Zivilklausel aufzuheben: 2013 hatte sich die Uni verpflichtet, nur zu friedlichen und zivilen Zwecken zu forschen. In der Region Kassel gibt es mehrere Unternehmen wie Rheinmetall, die auch für das Militär produzieren. Die Zivilklausel habe „vieles kaputtgemacht“, sagt Werl; zum Beispiel seien Praktikumsplätze verlorengegangen.

          Überhaupt ist das Militär ein Thema, das ihn und Dilli beschäftigt. Dilli liest privat bevorzugt Bücher über Militärgeschichte. Werl sagt, er könne sich nach dem Studium eine Karriere bei der Bundeswehr vorstellen. Die beiden sähen es gerne, wenn die Wehrpflicht wiedereingeführt würde und auch für Frauen gälte. Ersatzweise könne man ja zur freiwilligen Feuerwehr oder zum Technischen Hilfswerk gehen, sagt Werl, „Hauptsache, man bringt sich in die Gesellschaft ein“.

          Klare Worte, nervöse Füße

          Dass ein CSU-Minister die Wehrpflicht ausgesetzt hat, ist in ihren Augen einer von vielen Belegen dafür, dass die Unionsparteien längst „links“ seien. Ein weiterer sei Merkels „Verfassungsbruch“, der es ermöglicht habe, dass Flüchtlinge ungehindert nach Deutschland eingereist seien. Man müsse die Grenzen besser schützen - im Zweifel auch mit Schüssen. „Das ist geltende Rechtslage“, behauptet Werl. Dilli fügt hinzu: „Man muss ja nicht unbedingt tödlich schießen, es können auch Gummigeschosse sein. Aber man muss klarmachen: Bis hierhin und nicht weiter.“

          In Blogs wird Werl als „rechtsextrem“ und als „Neonazi“ bezeichnet. Unter anderen die Antifa wirft ihm vor, Mitglied der Kasseler Burschenschaft Germania zu sein, die der Deutschen Burschenschaft angehört. Dem Dachverband wird vorgehalten, sich nicht klar von rechtsradikalen Ideen zu distanzieren; etliche Burschenschaften haben ihn in den vergangenen Jahren verlassen.

          Werl sagt, die Vorwürfe gegen ihn seien „an den Haaren herbeigezogen“, und wippt unter dem Tisch nervös mit dem Bein. Die Burschenschaft habe er sich „nur kurze Zeit angeschaut“ und sich „aus zeitlichen Gründen“ gegen eine Mitgliedschaft entschieden. Distanzieren will er sich von ihr aber nicht, schließlich habe er dort keine Neonazis getroffen. „Die Leute, die ich da kennengelernt habe, waren alle korrekt, wertkonservativ und traditionell. Ich habe keinen Kontakt zu zwielichtigen Personen, mein Bekanntenkreis besteht ja überwiegend aus Mitgliedern der AfD.“

          Im Mai haben Werl, Magnitz und Dilli den thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke kennengelernt, der dem rechten Flügel der Partei angehört. Wenn sie über die Begegnung sprechen, klingt es, als sei Höcke ein Popstar. Sie haben in Erfurt bei einer Demonstration gegen Moscheebauten seine Rede gehört und waren hinterher noch mit ihm essen. Magnitz’ Vater, der dem Bremer AfD-Landesvorstand angehört, hat sie mitgenommen. Höcke könne „toll reden“ und sei „sehr belesen“, schwärmt Magnitz. Werl nennt ihn einen „sehr kultivierten Menschen“ und sagt: „Uns verbindet die tiefe Zuneigung zu unserer Nation, zu unserer Kultur und zu unserem Volk.“

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