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Kommentar : Der Besenstiel reicht längst nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Sehr unterschiedlich haben sich die hessischen AfD-Kreisverbände nach dem Ausstieg Luckes entwickelt. Wie es mit der Partei weitergeht, ist schwer zu prognostizieren. Zwei mögliche Szenarios.

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          Wohin der Weg der „Alternative für Deutschland“ führt, wird in Hessen am Abend des 6. März 2016 zu erahnen sein. An jenem Sonntag sind Kommunalwahlen, doch bis dahin ist eine Prognose schwieriger denn je. Noch vor einem Dreivierteljahr sah es so aus, als könnte die AfD überall einen Besenstiel aufstellen, an dem ein Plakat mit einer durchgestrichenen Euromünze befestigt ist - und würde trotzdem mindestens fünf Prozent bekommen. Mit ernstzunehmenden Kandidaten schien mancherorts auch deutlich mehr möglich zu sein. Doch seitdem hat sich die Partei in einer merkwürdigen Melange aus Selbstaufgabe und Profilschärfung so sehr verändert und teils demontiert, dass eine Vorhersage sinnlos erscheint.

          Nach dem Abgang von Parteigründer Bernd Lucke und der Wahl der Bundesvorsitzenden Frauke Petry Anfang Juli ist manches ins Rutschen geraten. Auch und vor allem im Rhein-Main-Gebiet, das seit der ersten großen AfD-Veranstaltung im März 2013 in Oberursel als Wiege der Partei gilt.

          Zwei Szenarios für die Zukunft der AfD

          Wer einen Blick ins Detail wirft, merkt rasch, dass die Entwicklung der einzelnen Kreisverbände sehr unterschiedlich ist. In Mainz hat die Hälfte der Mitglieder die AfD verlassen, weil Lucke fort ist, der für wirtschafts- und finanzpolitische Themen als Markenkern der Partei kämpfte. Auch in Frankfurt sind viele ausgetreten, ein Rumpfvorstand versucht zu retten, was zu retten ist. Im Hochtaunus dagegen sieht es anders aus. Dort haben zwar auch manche der Partei den Rücken gekehrt, doch sind viele auch neu eingetreten oder zurückgekehrt. Ihnen scheint es zu gefallen, dass die AfD unter der neuen Chefin Frauke Petry die Ausländer, den Islam und die Flüchtlingspolitik stärker in den Vordergrund rückt.

          Der Grad zwischen berechtigter Sorge und offener Ausländerfeindlichkeit ist dabei schmal. Für die AfD wird es darauf ankommen, all jene von Mikrofonen und am besten auch von der Partei fernzuhalten, für die sich jeder gebildete Bürger schämt. Wenn es außerdem gelingt, diejenigen aufzufangen, die - wie zwei ehemalige Frankfurter Kämmerer - die CDU wegen Wankelmuts und vermeintlichen Linksrucks für nicht mehr wählbar halten, ist die Kommunalwahl vielleicht noch einmal eine Chance auf einen Erfolg.

          Schafft es die AfD aber weiterhin nicht, sich von Leuten zu trennen, deren Sätze am liebsten mit „Man wird ja wohl noch sagen dürfen ...“ beginnen, wird die Partei scheitern. Und wer allen Ernstes die Kultur Deutschlands „auf dem Altar des Islams“ geopfert sieht, darf sich über einen Absturz auch nicht beklagen.

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