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AfD-Ergebnis in Hessen : Das vergessene Dorf

Wahl in Hessen: In Hirzenhain haben besonderes viele Bürger für die AfD gestimmt. Bild: dpa

Nirgendwo sonst in Hessen wurde die AfD von so vielen Menschen gewählt wie in Hirzenhain. Sie hat sogar die CDU hinter sich gelassen. Doch woran liegt das?

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          Eigentlich will Ulrike Löhner nur schnell zur Post, sie hat das Päckchen schon in der Hand, da stockt sie kurz, denn ihr Mann sagt: „Noch gibt es die Post...“ Er lacht kurz auf, aber man merkt, wie ernst Thomas Löhner es meint. Seine Apotheke ist neben dem Edeka-Markt und dem Bäcker der einzige Laden im Zentrum von Hirzenhain. Es gibt noch eine Bank, aber die mache bald zu, sagt Löhner. Genauso wie die Kneipen, ein Metzger, der Bahnhof und das Naturerlebnisbad, das auf den Wegweisern beworben wird. „Es kann nicht so weitergehen, dass der ländliche Raum ausblutet“, sagt Löhner.

          Der Apotheker kommt am Tag nach der Landtagswahl auf den Leerstand in seinem Heimatdorf in der Wetterau zu sprechen, weil er nach einer Erklärung sucht für das dortige Ergebnis: 23,3 Prozent hat die AfD hier bekommen, 3,1 Prozentpunkte mehr als die CDU, die zweitstärkste Kraft in dem knapp 2900 Einwohner zählenden Ort geworden ist. Löhner hat die CDU gewählt, weil er zufrieden ist mit der Politik von Angela Merkel, aber er versteht auch, dass es Menschen gibt, die das anders sehen.

          Bürger fühlen sich im Stich gelassen

          Auch viele seiner Nachbarn sehen es anders. In keiner anderen Gemeinde in Hessen konnte die AfD ein derart starkes Ergebnis erzielen. Warum das so ist, weiß niemand genau, aber es gibt Vermutungen.

          „Wir sind vergessen worden von der Politik“, sagt Michael Höhl, der im Gemeindevorstand der Unabhängigen Wählergemeinschaft Hirzenhain (UWG) sitzt. Die UWG hält vier der 15 Sitze in der Gemeindevertretung. Höhl hat an diesem Morgen schon überlegt, die AfD einmal nach Hirzenhain einzuladen und die Parteivertreter zu fragen, wie sie denn bitte die Probleme im Ort lösen wollten. Denn bis jetzt war noch niemand aus der Partei da. Trotzdem sind ihr die Stimmen der Hirzenhainer Protestwähler zugeflogen. „Weil sie die Sorgen der Bürger in Wahlkampfthemen gepackt haben“, meint der 60 Jahre alte Kraftfahrzeug-Mechaniker Höhl. Er hat die Grünen gewählt, obwohl er sich eigentlich der CDU näher fühlt. Die Volksparteien sind für ihn nicht mehr greifbar.

          „Geld für Renten statt für illegale Migranten“

          Auch der Gastronom aus der Ortschaft sieht das so. Er wollte zuerst „gar kein Kreuzchen machen“, aber dann hat er sich doch für eine Partei entschieden. Für welche, will der Siebzigjährige nicht sagen. Er hat nur eine kleine Rente und erzählt immer wieder, wie viel dagegen „der Rumäne“ und „die Türken“ vom deutschen Staat bekämen. Die AfD hat mit dem Spruch „Geld für Renten statt für illegale Migranten“ geworben. Der Wirt sagt: „Es ist sehr schwer geworden“, und meint damit das Leben in einem Ort, in dem hungrige Touristen nicht mehr haltmachen und die Arbeitsplätze verschwunden sind, seit Buderus sein dortiges Werk vor vielen Jahren geschlossen hat.

          Der Bürgermeister von Hirzenhain sagt zu alldem nichts. Aus der Gegensprechanlage des Rathauses tönt stattdessen ein schroffes: „Hallo?! Haben Sie nicht gemerkt? Die Tür steht offen.“ In den Gängen des Rathauses ist niemand zu sehen. Genauso wie vor der Kirche, in der ehemaligen Gaststätte, in der jetzt Flüchtlinge wohnen, und am einsamsten Ort von allen: „Märchenland“, ein Freizeitpark zwischen auch im Herbst bewohnten Schrebergärten. Dort dreht sich das Kinderkarussell still im eisigen Wind.

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