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Ärztemangel : Ländliche Regionen profitieren von Privatpatienten

Dank Privatpatienten: Mit durchschnittlich 56.000 Euro im Jahr liegen die Mehrumsätze auf dem Land leicht über dem Niveau der städtischen Gebiete. Bild: dpa

Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) berechnet Mehrumsätze für Ärzte, die sie durch Honorare von Privatpatienten erzielen und stellt fest, dass diese in ländlichen Regionen etwas höher sind als in Ballungsgebieten. Erleichtert die Aussicht auf den Umsatz den Ärzten die Standortentscheidung?

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          Privatpatienten tragen auf dem Land mehr zum realen Einkommen der Ärzte bei als jene in der Stadt. Zu diesem Ergebnis kommt der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) in einer Studie für Hessen, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt. „Die Daten belegen, dass Privatversicherte nicht für Versorgungsmängel auf dem Land verantwortlich sind“, sagt Stefan Reker, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereiches Kommunikation des Interessenverbands.

          Tim Niendorf

          Politikredakteur.

          Damit sei widerlegt, dass sich Ärzte in ländlichen Regionen seltener niederließen, weil die Zahl der Privatpatienten dort niedriger sei. Dies hatte Karl Lauterbach, Bundestagsabgeordneter und gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, behauptet. „Die meisten Ärzte zieht es dorthin, wo es viele Privatversicherte gibt, an denen sie deutlich mehr verdienen. Und das ist vornehmlich in den Metropolen der Fall“, sagte er etwa im Mai der „Saarbrücker Zeitung“. Die von der SPD vorgeschlagene Bürgerversicherung, in der die privaten und die gesetzlichen Krankenversicherungen zusammengeführt werden würden, könnte seiner Ansicht nach das Problem lösen. Der PKV-Verband lehnt den Vorschlag ab.

          Privatpatienten müssen höhere Honorare zahlen

          In den privaten Krankenkassen waren zum 31. Dezember 2017 etwa 8,7 Millionen Menschen vollversichert. Das entspricht im Bundesdurchschnitt einem Marktanteil von 10,6 Prozent. Hessen hat mit einer Ärztedichte von 192 ambulant tätigen Ärzten je 100.000 Einwohner gegenüber dem deutschen Durchschnitt (184) eine leicht erhöhte Ärztedichte. Auch der Anteil der Privatversicherten an der Bevölkerung ist in Hessen mit etwas mehr als elf Prozent leicht überdurchschnittlich. Im Schnitt leben in hessischen Ballungsgebieten einschließlich Umland mehr Privatpatienten als in ländlichen Regionen.

          Der PKV-Verband hat in seinem Regionalatlas Hessen die Einnahmen der Arztpraxen aus der Behandlung von Privatpatienten unter anderem nach kreisfreien Städten und Landkreisen aufgeschlüsselt. Die sogenannten Mehrumsätze entstehen, weil Privatpatienten für viele Leistungen höhere Honorare entrichten müssen, als sie bei Kassenpatienten anfallen. Mit gesetzlich versicherten Patienten machten etwa hessische Hausärzte im Jahr 2016 nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im Durchschnitt einen jährlichen Umsatz von etwa 230.000 Euro.

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          Dem PKV-Verband zufolge können Ärzte, Apotheken, Therapeuten und Krankenhäuser die zusätzlichen Einnahmen durch Privatpatienten in Fachpersonal und moderne Geräte investieren. Davon würden auch gesetzlich versicherte Patienten profitieren. Bundesweit beträgt der Mehrumsatz demnach 12,9 Milliarden Euro im Jahr, auf Hessen entfallen 916 Millionen Euro. Das Geld komme – anders als häufig vermutet – vor allem den Ärzten auf dem Land zugute.

          Rheingau-Taunus-Kreis führt im Ranking

          Der PKV-Verband nennt verschiedene Gründe dafür. Zum einen seien Privatpatienten auf dem Land im Schnitt älter und würden dementsprechend häufiger behandelt. Zum anderen seien in den Ballungszentren Mieten, Gehälter und andere ärztliche Kosten höher. Mit durchschnittlich 56.000 Euro im Jahr lägen die Mehrumsätze im Realwert auf dem Land leicht über dem Mehrumsatzniveau im städtischen und verstädterten Umfeld mit 54.700 Euro. Damit profitierten Landärzte, Arztpraxen in verstädterten Regionen und Ballungsgebieten gleichermaßen von den Mehrumsätzen der Privatpatienten.

          In einem Ranking des Verbands stehen alle fünf kreisfreien Städte am unteren Ende. Die höchsten Mehrumsätze je ambulant niedergelassenem Arzt sind demnach mit etwa 88.600 Euro im Rheingau-Taunus-Kreis zu verzeichnen, die niedrigsten in Offenbach mit etwa 27.800 Euro. Frankfurt liegt auf Rang 24 von 26 mit etwa 35.400 Euro.

          Niederlassung abhängig von anderen Faktoren

          Der Verband hält mit Blick auf den Regionalatlas Hessen die These für widerlegt, wonach sich weniger Ärzte in ländlichen Regionen niederlassen, weil es dort weniger Privatversicherte gebe. Als Beispiel wird Osthessen angeführt. Dort lägen die Mehrumsätze im Realwert je niedergelassenen Arzt bei 59.000 Euro, im Rhein-Main-Gebiet dagegen „nur“ bei durchschnittlich etwa 52.300 Euro. Dennoch sei die Ärztedichte im ländlichen Osthessen mit 179 Ärzten je 100.000 Einwohner geringer als im Rhein-Main-Gebiet (205). Für die Standortentscheidung der Ärzte seien andere Faktoren entscheidend, vor allem Urbanität, Work-Life-Balance und das Umfeld für Partner und Familien.

          Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen sieht das ähnlich. „Die besten Möglichkeiten haben sicherlich die Regionen, in denen die Infrastruktur stimmt, also Arbeitsmöglichkeiten für den Partner bestehen, Kinder betreut werden, die Schulen passen“, sagt ein Sprecher. Es sei in den vergangenen Jahren ein zunehmender Überbietungswettbewerb um potentielle Landärzte zu beobachten. Am ehesten seien Ärzte, die selbst auf dem Land aufgewachsen seien, bereit, sich ebendort niederzulassen.

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