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Ehrenbürger Hindenburg : Ehrenwerter Generalfeldmarschall oder Steigbügelhalter

Hoher Besuch: Paul von Hindenburg auf dem Balkon des Römers am 3. November 1925 Bild: Institut für Stadtgeschichte

Ein Frankfurter Stadtverordneter fragt sich, warum Paul von Hindenburg einst zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde - und warum er es bis heute geblieben ist.

          Rainer Rahns Großvater kannte den Generalfeldmarschall persönlich. Als Jagdflieger bekam er im Ersten Weltkrieg den Auftrag, Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorf und von Hindenburg, besser bekannt als Paul von Hindenburg, in Belgien und Frankreich bis knapp hinter die Front zu fliegen. Von oben wollte sich der Chef der Obersten Heeresleitung selbst ein Bild vom Schlachtverlauf machen. Diese Geschichte, erinnert sich der Stadtverordnete der „Römer“-Fraktion, erzählte sein Opa immer wieder. Vielleicht auch deswegen setzte sich Rahn kürzlich an den Schreibtisch und verfasste eine Anfrage an den Magistrat.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Darin verweist er auf einen spannenden Aspekt. Denn Hindenburg, eine der fragwürdigsten Figuren der jüngeren Geschichte, ist nach wie vor Ehrenbürger der Stadt, als solcher erkoren im Jahr 1933. Rahn möchte wissen, ob der ostpreußische Adlige die Ehrung damals für seine militärischen Erfolge im Ersten Weltkrieg als Sieger von Tannenberg im Kampf gegen die russische Armee erhielt - oder ob ihn Frankfurt vielmehr dafür auszeichnete, dass er als Reichspräsident Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte und damit das Ende der Weimarer Republik besiegelte. „Mich interessiert vor allem die Begründung der Ehrenbürgerwürde“, sagt Rahn. „Ich möchte einfach bloß wissen, ob sich der Magistrat mit dem Thema schon einmal befasst hat.“

          „Autoritäre Verformung“ Deutschlands

          Unter Historikern ist Hindenburg umstritten wie kaum eine andere Persönlichkeit. Der emeritierte Professor für neue und neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Hans-Ulrich Thamer, zum Beispiel hat keinen Zweifel daran, dass Hindenburg im Bündnis mit Hitler die „autoritäre Verformung“ Deutschlands anstrebte. Wie aktiv jedoch Hindenburg ein solches Bündnis betrieb, wie viel Verantwortung er somit für die Machtergreifung Hitlers trug, ist auch mehr als acht Jahrzehnte nach Hindenburgs Tod ein Streitthema. So vertreten andere namhafte Historiker die Ansicht, der damals 85 Jahre alte, greise Mann sei von einer Entourage um seinen Sohn Oskar und den früheren Reichskanzler Franz von Papen zur Ernennung Hitlers gedrängt und letztlich gelenkt worden. Vielen gilt er gleichwohl als Steigbügelhalter der Nationalsozialisten.

          Hindenburg findet sich in Frankfurt in guter Gesellschaft. Die Liste der städtischen Ehrenbürger enthält 27 Namen, unter ihnen jene der von den Nazis im Jahr 1933 zum Verzicht gezwungenen Juden Leo Gans und Arthur von Weinberg. Der erste Geehrte war im Jahr 1795 Erbprinz Friedrich Ludwig von Hohenlohe-Ingelfingen gewesen. Der bislang jüngste ist der mittlerweile verstorbene Walter Wallmann, der 2009 ausgezeichnet wurde. An elfter Stelle findet sich hinter der Jahreszahl 1933 der Name Paul von Beneckendorf und von Hindenburg.

          Der Vorschlag stammte offenbar von einem NSDAP-Mitglied, dem im März 1933 von den Nationalsozialisten zum Oberbürgermeister ernannten Friedrich Krebs. Gleichzeitig mit dem Reichspräsidenten ehrte die Stadt Reichskanzler Hitler und den damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring.

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