https://www.faz.net/-gzg-78sk2

Ältere Medizinstudenten : Mit vierzig beschloss er, Arzt zu werden

Marathon-Mann: Jörg Halstenberg, Anästhesiepfleger und Triathlet, ist entschlossen, sein Ziel zu erreichen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Ältere Medizinstudenten haben es oft schwerer als ihre jungen Kommilitonen. Manche Professoren meinen, es sei fragwürdig, solche Bewerber überhaupt zuzulassen.

          Dieser Marathon dürfte für Jörg Halstenberg der härteste von allen werden. Als Triathlet bringt der viermalige Ironman-Teilnehmer zwar eine gute Portion Leidensfähigkeit mit. Die Herausforderung, der er sich jetzt stellt, ist aber noch einmal etwas anderes. Nicht im Schwimmen, Laufen und Radfahren muss er überzeugen, gefordert ist geistige Athletik. Im vergangenen Jahr hat Halstenberg, Anästhesiepfleger am Alice-Hospital in Darmstadt, ein Medizinstudium begonnen. Mit 41 Jahren büffelt er nun an der Uni Frankfurt Anatomie und Physiologie, Physik und Chemie, zusammen mit Kommilitonen, von denen viele seine Söhne und Töchter sein könnten.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesen Schritt zu wagen habe ihn schon große Überwindung gekostet, gibt Halstenberg zu. Das Arbeitsklima in seiner Darmstädter Klinik sei gut, doch fachlich habe er sich unterfordert gefühlt. Inzwischen müssten Krankenpfleger auch „triviale“ Aufgaben erledigen, mit denen früher die Zivildienstler betraut worden seien. Und trotz seiner langen Erfahrung im Job sei selbst der jüngste Assistenzarzt ihm gegenüber weisungsbefugt.

          Zulassung ist noch immer Streitthema

          Halstenberg betrachtete seine bisherige Berufslaufbahn und dachte sich: Das kann es nicht gewesen sein. Immerhin hatte er nach der Pflegerausbildung am Abendgymnasium das Abitur gemacht, mit der Note 1,6. Dass er danach, 1999, nicht gleich an die Uni gegangen sei, habe auch mit seinem sportlichen Ehrgeiz zu tun gehabt. Inzwischen zwingt eine Verletzung ihn, etwas kürzerzutreten. Er hat keine Familie, die er ernähren muss; nur seine Freundin könnte sich beklagen, dass er jetzt weniger Zeit für sie hat. All diese Aspekte flossen in seine Überlegungen ein, als er mit sich rang, ob er wirklich studieren solle. Er habe auch mit Chef- und Oberärzten in seinem Krankenhaus gesprochen, und die hätten ihn ermutigt: „Es hieß: ,Mit deiner Erfahrung wirst du überall mit Kusshand genommen.’“ Um die Zulassung zum Studium musste sich Halstenberg nicht allzu große Sorgen machen. Wartesemester hatte er ja genug - entscheidend ist dabei das Datum des Abiturs, nicht der Zeitpunkt der Erstbewerbung.

          Genau das aber ist eine Regel, die manchem missfällt, der an den Unis mit der Auswahl und Betreuung von angehenden Ärzten zu tun hat. Kürzlich befassten sich in Frankfurt Vertreter von deutschen Medizinfakultäten auf einer Tagung mit der Frage, bis zu welchem Alter eine Zulassung zu dieser teuren Ausbildung überhaupt vertretbar ist. Frank Nürnberger, Studiendekan für die Vorklinik des Frankfurter Fachbereichs, gibt zu bedenken, dass jeder Medizinstudent den Staat und damit die Gesellschaft durchschnittlich 180.000 Euro koste. Da müsse die Frage schon erlaubt sein, ob jemand einen Platz bekommen dürfe, der nach dem Examen nur noch wenige Jahre als Arzt tätig sein werde.

          Die Statistik auf ihrer Seite

          Juristisch lautet die Antwort ja, wie der Kölner Professor für Wissenschaftsrecht Christian von Coelln auf der Tagung deutlich machte. Laut Staatsvertrag und den Vergabeverordnungen der Länder muss am Auswahlverfahren beteiligt werden, wer zum Bewerbungsstichtag das 55. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Nur Kandidaten, die älter sind, haben „schwerwiegende wissenschaftliche oder berufliche Gründe“ anzuführen, wenn sie eine Chance bekommen wollen. Coelln hält diese Altersgrenze für rechtlich gut abgesichert, und er sieht kaum eine Möglichkeit, sie deutlich zu senken, zum Beispiel auf 40 Jahre. „Das würde auch vor dem Bundesverfassungsgericht nicht halten - da bin ich mir sicher.“

          Die Befürworter eines solchen Schritts bezweifeln, dass ältere Medizinstudenten die harte Ausbildung überhaupt durchstehen, und sie haben dabei die Statistik auf ihrer Seite. An der Universität Mainz zum Beispiel absolvieren nach Angaben des Prodekans für Studium und Lehre, Christian Werner, nur etwa 40 Prozent derjenigen, die zur Zeit der Immatrikulation mindestens 35 Jahre alt waren, das Studium erfolgreich. 34 Prozent der Älteren hätten auch schon die Regelstudienzeit überschritten - betrachte man die Gesamtzahl der Medizinstudierenden, liege dieser Anteil nur bei rund 16 Prozent.

          180.000 Euro Steuergeld für die Ausbildung

          Obwohl Jörg Halstenberg das Studium obendrein mit seiner Teilzeitstelle in Darmstadt in Einklang bringen muss, ist er nach dem ersten Semester recht zufrieden mit sich. Nur in Physik sei er durchgefallen, sonst habe er alle Scheine geschafft, oft mit einer Leistung um die 80 Prozent, also klar über der Bestehensgrenze von 60 Prozent. Hart sei es aber schon, in seinem Alter die Hörsaalbank zu drücken, gibt er zu. „Es ist lange her, dass ich echte geistige Arbeit leisten musste.“ Oft brauche er beim Lernen deutlich länger als die jüngeren Studenten. „Aber ich muss auch nicht alles mit ,sehr gut’ schaffen.“

          Ob er später Anästhesist werden will, weiß er noch nicht, obwohl diese Fachrichtung ihm natürlich liegen würde. „Da bin ich mir sicher, das kann ich.“ Dass die 180.000 Euro Steuergeld für seine Ausbildung gut angelegt sind, davon ist er überzeugt. „Ich werde bestimmt noch 20 Jahre als Arzt arbeiten. Und ich zahle schließlich auch schon seit mehr als 20 Jahren selbst Steuern.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erstes Zeitungsinterview : AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          In ihrem ersten Zeitungsinterview als Verteidigungsministerin spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über ihr Verhältnis zum Militär, über das Vermächtnis der Männer des 20. Juli und über den Lieblingspulli ihrer Teenagerzeit. Auch in kritischen Zeiten werde die Truppe ihr Vertrauen genießen.
          Freiherr von Boeselager sind humanitäre Missionen wichtiger als die prunkvollen Traditionen des Malteserordens. Deswegen ist er oft vor Ort, wie hier bei einem Schlafkrankheitspatienten im südsudanesischen Yei.

          FAZ Plus Artikel: Malteserorden : Der bescheidene Großkanzler

          Albrecht Freiherr von Boeselager führt den ehrwürdigen Malteserorden. Als Großkanzler bricht er mit der Tradition – damit der Orden besser helfen kann. Das macht ihm nicht nur Freunde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.