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Adorno-Preisträgerin Butler : Die Andersheit des Anderen

Judith Butler nahm den Adorno-Preis an den Händen von Dezernent Felix Semmelroth entgegen Bild: Wonge Bergmann

Judith Butler hat ungeachtet der Proteste und Vorwürfe, als Jüdin antiisraelische Thesen zu verbreiten zu sein, den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt erhalten. Ein Blick auf Butlers philosophische Prägungen.

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          Die Aneignung des Deutschen Idealismus hat ihr intellektuelles Profil wesentlich geprägt. Und die Beschäftigung mit Denkern, die der jüdischen Überlieferung verpflichtet waren, beeinflusste sie ebenso stark wie die Theologie des Judentums. In gewisser Weise steht sie daher in der Tradition jener deutsch-jüdischen Geisteswissenschaftler und Gelehrter, die 1933 abrupt abgebrochen war und an die in der jungen Bundesrepublik nur noch vereinzelt angeknüpft wurde. Deutsch-jüdische Geistigkeit und Gelehrsamkeit spielen für Judith Butler eine entscheidende Rolle. Ihr brillanter Auftritt ihilosophische Leben in Deutschland wieder einmal vor Augen zu führen, auch dieser eine Folge der nationalsozialistischen Barbarei.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Während sich die Philosophie an deutschen Universitäten in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vermehrt dem angelsächsischen, auf Pragmatismus und Empirismus fußenden analytischen Denken zuwandte, vertiefte Judith Butler ihr Wissen über die kontinentaleuropäischen Denkbewegungen. Um die Philosophin besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ihr Heidelberger Jahr. Mit einem Fulbright-Stipendium war sie 1978 nach Deutschland gekommen. Sie dürfte einigermaßen überrascht gewesen sein, dass man dort gerade ein starkes Interesse an den englischen und amerikanischen Sprachanalytikern artikulierte. Aber sie fand am Neckar auch das, wonach sie suchte.

          Selbstbewusstsein und Identität

          Dieter Henrich und Michael Theunissen interpretierten Hegel bis in die letzten Verästelungen von „Phänomenologie“ und „Logik“ hinein, vor allem die von ihm entwickelte Theorie der wechselseitigen Anerkennung als Voraussetzung für Selbstbewusstsein und Identität entfaltete große Wirkung auf die junge Amerikanerin. Und der schon greise Hans-Georg Gadamer hielt Vorlesungen über die philosophische Hermeneutik, die er entwickelt hatte und in der es um Einfühlung, vor allem aber um das Verstehen des anderen und seiner Hervorbringungen geht.

          Sie protestierten gegen die Verleihung des Adorno-Preises an Butler

          In Heidelberg standen jedoch auch Martin Buber, der, vom Chassidismus inspiriert, nach dem Ersten Weltkrieg eine Ich-Du-Philosophie entworfen hatte, und Franz Rosenzweig, der mit dem „Stern der Erlösung“ eine Hegel-Kritik aus der jüdisch-theologischen Tradition heraus vorgelegt hatte, auf dem Seminar-Programm. Das war vor allem dem Interesse Theunissens zu verdanken, dessen Habilitationsschrift „Der Andere“ heißt. Henrich wiederum war an der Vorgeschichte des Deutschen Idealismus interessiert, an der sogenannten Vereinigungsphilosophie, in der der Widerstreit zwischen der Autonomie des Selbstbewusstseins und dessen Aufgabe in der Liebe verhandelt wurde.

          Ihr Lebensthema

          Judith Butler fand in dieser geistigen Atmosphäre Anregungen und Bestätigungen, die ihren weiteren Weg als Philosophin maßgeblich mitbestimmten. Die Frage nach der Identität ist ihr Lebensthema. Es hat sie nicht mehr losgelassen, seit sie als Mädchen die ersten Erfahrungen machte, anders als die anderen zu sein. Sie hatte Schwierigkeiten in der Schule, erhielt Privatunterricht bei einem Rabbi, interessierte sich für Dinge, von denen ihre Altersgenossen keinen Schimmer hatten: So wollte sie etwa von dem Geistlichen wissen, warum Spinoza einst aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen worden war. Sie wurde früh mit Vorstellungen von Fremdheit und Vertrautheit konfrontiert, die mit ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten begründet wurden: Ihre Eltern haben viel Wert auf die Unterscheidung von jüdischen und nichtjüdischen Bekannten gelegt.

          In der Pubertät musste sie sich mit den widerstreitenden Gefühlen herumplagen, die ihre auf Frauen gerichtete sexuelle Orientierung in ihr hervorrief: Eine in Männer und Frauen aufgeteilte Welt, die den Menschen keine andere Wahl lässt, als sich mental für eines der beiden Geschlechter zu entscheiden, hatte mit ihrer eigenen Situation, wie ihr zusehends bewusst wurde, wenig zu tun. Später wird sie den Zusammenhang zwischen Geschlechterzuschreibung und Sexualität akribisch analysieren. Dabei geht es auch um den Schmerz, den die normative Kraft des faktisch geltenden Bewusstseins verursacht. Sie stellt die berühmt-berüchtigte These auf, dass die Geschlechterrollen kulturell bedingt seien und gesellschaftlich konstruiert. „Das Unbehagen der Geschlechter“, wie der deutsche Titel des 1990 erschienenen Buchs „Gender Trouble“ lautet, ist die einschlägige Quelle für ihre Theorie von der sozialen Determination der Geschlechterrollen. Immer jedoch ist es ihr darum zu tun, die Andersheit des Anderen anzuerkennen.

          Proteste gegen Preisverleihung

          Vor der Paulskirche hatte ein Aktionsbündnis „Kein  Adorno-Preis für Antisemiten“ eine Kundgebung organisiert. Mehrere Dutzend Teilnehmer hielten Schilder mit Aufschriften wie „Kein Adorno-Preis für Judith Butler“ oder „Kein Israelhass im Namen Adornos“ hoch. Von einer Bühne aus protestierten Aktivisten mit Megafonen gegen die ihrer Meinung nach „unmögliche Ehrung“ einer Intellektuellen, die Terrororganisationen unterstütze. Von Polizeikräften getrennt  riefen auf der anderen Seite des Zugangs Unterstützer Butlers Slogans für Palästina und hielten Plakate mit „Thank you Judith“ hoch.

          Schon nach der Bekanntgabe des Preises an Butler hatte es Proteste von jüdischer Seite gegeben. Der Zentralrat der Juden in Deutschland warf der ebenfalls jüdischen Intellektuellen vor, sie rufe zum Boykott gegen Israel auf und halte Hamas und  Hisbullah für legitime soziale Bewegungen. Butler sprach von  einer Denunziation und einem Missverständnis.(dpa)
           

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