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Adipositas-Selbsthilfegruppe : Der Jakobsweg ist das Ziel

  • -Aktualisiert am

Schrittmacher: Im Klinikum Sachsenhausen bereiten sich die Teilnehmer mit Fitnesstests auf die Wanderung vor. Bild: Jana Mai

Eine Gruppe Adipositas-Patienten hat sich für dieses Jahr viel vorgenommen: Sie will durch Spanien wandern. Und damit ein Zeichen setzen gegen die Diskriminierung dicker Menschen.

          Robert Körösi will es wissen: Heute hat sein Stepbrett zwei Etagen. Drei Minuten lang steigt er hoch und wieder runter. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Er stoppt, legt Zeige- und Mittelfinger auf sein linkes Handgelenk, fühlt seinen Puls und zählt bis 60. Im blauen Sporthemd stellt er sich kurz danach auf das Laufband, zuerst auf gerader Strecke, dann mit Steigung. Er schnauft, aber bleibt dran. Zum Ausfahren tritt er in die Pedale des Fahrradergometers. „Hat Spaß gemacht heute“, sagt der 48 Jahre alte Hanauer anschließend und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

          Körösi ist wie sieben weitere Teilnehmer zum ersten von zwei Fitnesstests ins Krankenhaus Sachsenhausen gekommen. Die Teilnehmer stehen im Kreis und erzählen von ihrer Leidensgeschichte als Adipositas-Patienten, von Krankheiten, Isolation und Depression. „Heute geht es um Selbstachtung“, sagt Faris Abu-Naaj, Ko-Leiter der Adipositas-Selbsthilfegruppe des Krankenhauses. Zusammen mit seinen Schützlingen will Abu-Naaj im Mai den Camino de Santiago laufen, einen Teil des Jakobswegs. Das Camino-Projekt rief Abu-Naaj erstmals im vergangenen Jahr ins Leben.

          Erklärtes Ziel: Santiago de Compostela

          Unterstützt vom Krankenhaus Sachsenhausen, der Wolfartklinik in München und dem Universitätsspital in Zürich werden in diesem Jahr 25 Patienten die Reise nach Spanien antreten. Eine Gruppe startet in Porto und läuft 258 Kilometer, die etwas schwächere Gruppe läuft nur etwa die Hälfte der Strecke von Tui aus. Trotz unterschiedlicher Startpunkte ist die Ankunft in Santiago de Compostela am 18. Mai, dem Europäischen Adipositas-Tag, gemeinsam erklärtes Ziel.

          Abu-Naaj blickt Mark Alexander an. 2018 lief er gemeinsam mit 15 anderen Teilnehmern auf dem Jakobsweg. Die Wanderschuhe hatte er vorher nicht eingelaufen, und ein kleiner Stein drückte ihn im Schuh. Alexander ging trotzdem weiter und lief sich eine riesige Blase. Heute hat er an dieser Stelle eine große Narbe. „Ich erzähle euch das, weil es genau solche Kleinigkeiten sind, die euch diese Reise ungemein erschweren werden“, sagt Abu-Naaj. Mit ernster Miene schaut er in die Runde.

          Achtsamkeit und Fitnesstest

          Seit 2001 kämpft Abu-Naaj selbst gegen die Krankheit. 208 Kilogramm wog er damals. Bis heute hat er mehr als 100 Kilogramm seines Körpergewichts verloren, unzählige Diäten und Operationen hinter sich gebracht, Höhen und Tiefen durchlebt. „Ihr habt verlernt, achtsam mit euch und euren Körpern umzugehen“, sagt er. Das sei ein klassisches Muster bei Adipositas-Patienten.

          Genau das sollen die Teilnehmer in dem Projekt wieder lernen. In den nächsten Monaten sollen sich die Wanderer einzeln vorbereiten. Regen Austausch gibt es dabei in den sozialen Medien. Beim heutigen Fitnesstest sollen sie ein Gefühl für ihre Herzfrequenz im Ruhezustand und unter Belastung bekommen. Dadurch lernen die Teilnehmer, ihr eigenes Tempo zu finden. Selbstüberschätzung führe zu Überanstrengung und nicht zum Ziel, sagt Michael Brenner, Leiter des „Mediparg“ Sachsenhausen, der den Fitnesstest betreut.

          Abu-Naaj will mit dem Projekt ein Zeichen gegen Stigmatisierung und für mehr therapeutische Unterstützung von Adipositas-Patienten setzen. Es sei ein Irrglaube, dass krankhaft Übergewichtige nur zu faul zum Abnehmen seien. Über die sozialen Medien hatte Abu-Naaj für sein Projekt geworben. In kürzester Zeit gingen 1200 Bewerbungen bei ihm ein. Medizinische Tests und Gespräche waren nötig, um die Teilnehmerzahl auf die geplante Größe zu reduzieren. Von Adipositas betroffen zu sein gilt als Grundvoraussetzung. Den Flug zahlen die Teilnehmer, die Unterkunft mit Verpflegung wird von den Kliniken übernommen.

          Asutausch und Motivation vor der nächsten Etappe

          Zum dritten Mal innerhalb von einem Jahr will Robert Körösi den Jakobsweg gehen. Im August 2017 ließ er sich zum ersten Mal operieren, im April 2018 ein zweites Mal. „Das ist mein Leben 2.0“, sagt Körösi. Er habe einfach keine Kraft mehr für Diäten gehabt und deshalb die „Reißleine gezogen“. 164 Kilogramm habe er damals gewogen, seit der Operation nahm Körösi rapide ab.

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          Operationen seien allerdings keine Selbstläufer, sagt Abu-Naaj. Körösi hat seine Ernährung umgestellt, aufgehört zu rauchen und angefangen, regelmäßig Sport zu treiben. Nicht nur körperlich gehe es ihm seit der Umstellung besser, sondern auch psychisch habe sich viel bei ihm getan. Im Juni 2018 lief er den Camino zum ersten Mal, im August zum zweiten Mal. Im Mai will er den Weg mit der Gruppe gehen, sich mit den anderen Teilnehmern austauschen und sie motivieren. Doch bevor es losgehen kann, müssen die Teilnehmer im März ein weiteres Mal zum Fitnesstest nach Sachsenhausen kommen.

          Camino statt Rückzug und Diskriminierung

          Laut Robert-Koch-Institut gilt jeder vierte Deutsche als adipös. Doch Adipositas wird von deutschen Krankenkassen nicht als Krankheit anerkannt. Die Gesundheitsorganisation WHO stuft Adipositas als die am schnellsten wachsende Gesundheitsbelastung ein. Als Begleiterscheinungen von starkem Übergewicht gelten Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkschäden und ein erhöhtes Krebsrisiko. Zudem kämpfen die Patienten infolge der chronischen Krankheit mit psychischen Schwierigkeiten. Durch die Stigmatisierung und Diskriminierung von übergewichtigen Menschen gerieten die Betroffenen in einen Teufelskreis aus sozialem Rückzug und Isolation, sagt Abu-Naaj.

          Auf dem Camino wachse man zu einer „kleinen Familie“ zusammen, meint Körösi. Man sehe die Veränderungen, die jeder auf dem Weg durchmache. Besonders im Kopf könne sich in den zwölf Tagen der Reise einiges tun. Nach den ersten Tagen des Kämpfens stelle sich in Körper und Geist eine angenehme Ruhe ein. Dann bestehe der Tag nur noch aus „laufen, essen, trinken, schlafen“.

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