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Adidas-Chef Rorsted : Sportlicher Schocker

Däne von Geburt, Bayer im Herzen: Kasper Rorsted führt seit knapp drei Jahren den Sportartikelhersteller. Bild: Cornelia Sick

Bei den „Wirtschaftsgesprächen am Main“ verblüfft Adidas-Chef Kasper Rorsted nicht nur mit Konzernzahlen. Auch sein Auftreten lässt das Publikum staunen.

          Normalerweise kann die Wirtschaftelite in der Region nur wenig überraschen. Mit einer gewissen Routine nahmen gestern rund 100 geladene Vertreter von Dax-Konzernen, großen und mittelständischen Unternehmen Platz im 21. Stock des Frankfurter Hotels Intercontinental, um den 102. Gast der „Wirtschaftsgespräche am Main“ zu erleben, zu denen alle paar Monate eingeladen wird. Doch gleich drei Mal schaffte es gestern der Adidas-Vorstandsvorsitzende Kasper Rorsted, die Gäste zu erstaunen. Und einmal waren sie sogar ein bisschen lokalpatriotisch empört.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die erste Überraschung war sein Auftreten. Den Herren und Damen in gedeckten Anzügen fiel der Herr mit Dreitagebart in Jeans und grauer Trainingsjacke natürlich sofort auf, erst recht, als er auf seine Schuhe zeigte: Sneaker mit drei Streifen. Sportschuhe würden sich, sagte Rorsted, auch unter Managern immer mehr durchsetzen. „Ich sehe hier im Raum also sehr viel Wachstumspotential.“ Als der frühere Henkel-Chef dann verriet, dass er schon 57Jahre alt ist und täglich mit dem Rad statt dem Dienstwagen ins Büro kommt, war kollektives Raunen zu hören. Man müsse wohl öfter Sport treiben, flüsterte ein etwas jüngerer Zuhörer seinem Nachbarn zu.

          „China ist in der Digitalisierung der Vorreiter“

          Rorsted, der selbst von sich sagt, er sei von Geburt Däne und im Herzen ein Bayer, demonstrierte, dass Unterhaltungswert und klare Aussagen auch für Dax-Konzernchefs keine Tabus sein müssen. Deutlich offener als so manche Redner bei früheren Wirtschaftsgesprächen sprach er über Unternehmenszahlen. Nicht nur über den globalen Umsatz von 22 Milliarden Euro und dem Gewinn von knapp zwei Milliarden Euro. Sondern auch darüber, dass Deutschland zumindest geschäftlich nur noch eine sehr geringe Rolle für das Unternehmen spiele. Nur sechs Prozent des Umsatzes werde im Heimatmarkt gemacht. Die demografische Entwicklung in Europa ermögliche kaum noch weiteres Wachstum, auf dem Kontinent gehe es vor allem darum, Marktanteile zu verteidigen. Viel bedeutender seien die Wachstumsmärkte China, die Vereinigten Staaten und der Internethandel. Allein in China werde ein Viertel des Umsatzes erwirtschaftet. Bezahlt werde dort mittlerweile hauptsächlich mit dem Smartphone, teilweise experimentiere das Unternehmen dort sogar mit Gesichtserkennung. „Ob man es mag oder nicht: China ist in der Digitalisierung der Vorreiter“, sagte Rorsted.

          Die Digitalisierung setze er auch im Konzern konsequent um, kommuniziert werde über Chatdienste und soziale Medien. „Das ist viel schneller als per Email.“ Sicher, er mache dann auch hin und wieder Tippfehler. „Aber Claudia sagt, das wirkt authentisch.“ Claudia Lange ist seine Pressechefin. Deutschland werde der Konzern aber stets treu bleiben, dazu verpflichteten die lange Tradition und das Markenimage. In „Herzo“, wie er den Stammsitz in Herzogenaurach mehrfach abkürzte, arbeiten 6000 Mitarbeiter, das Durchschnittsalter liege unter 30 Jahren. Und nicht nur das: „Letztes Jahr bekamen wir weltweit 1,4 Millionen Bewerbungen.“ Das konnten viele Anwesende, die am Fachkräftemangel leiden, kaum fassen.

          Die dritte Überraschung war, wie offen kritisch er sich über eine mögliche europäische Superliga äußerte. „Diese elitäre Entwicklung macht mir Sorgen“, sagte Rorsted. „Auch wenn wir selbst Teil des Problems sind.“ Denn Adidas dürfte von solch einer Liga zunächst profitieren. Allein 100 Millionen Euro gehen an Manchester United, zudem sponsert der Konzern Teams wie Real Madrid, Arsenal London, Benfica Lissabon und Bayern München – am deutschen Meister hält Adidas 8,33 Prozent. Insgesamt gibt der Konzern im Jahr drei Milliarden Euro für Marketing aus. Dennoch ist Rorsted gegen die Superliga. Fußballteams müssten immer eine lokale Verwurzelung haben und nicht nur im Fernsehen auftauchen. „Der Fußballfan muss eine Chance haben, das Team selbst zu sehen.“ Ansonsten verliere er die Bindung, das Marketing verlöre seine Wirkung.

          Da nickten die Zuhörer zustimmend. Aber nur, bis der Adidas-Chef erwähnte, wen er derzeit alles zur europäischen Fußballelite zählt. Das seien acht Teams, darunter natürlich Madrid, Paris, Barcelona und München. „Frankfurt nicht, so leid es mir tut“, sagte Rorsted, und bekam empörte Protestrufe zu hören. Vielleicht hat er diese Meinung ja aber nur, weil die Eintracht vom Konkurrenten Nike gesponsert wird.

          102. „Wirtschaftsgespräche am Main“

          Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Intercontinental Frankfurt, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, der Messe Frankfurt GmbH und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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