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Darmstädter Waldkunstpfad : Ein fliegendes Schwein und singende Bäume

  • -Aktualisiert am

Auf dem Aussichtspunkt: Das aus Stahldrähten geflochtene geflügelte Schwein von Gleb Tkachenko aus Moskau schaut in Richtung Europäische Zentralbank. Bild: Cornelia Sick

Wer den 8. Darmstädter Waldkunstpfad sehen möchte, sollte feste Schuhe anziehen und gut zu Fuß sein. Denn der Parcours ist anregend – und anstrengend.

          Johann Wolfgang von Goethe ist in den Kreis der Empfindsamen zurückgekehrt. Am Goetheteich im Bessunger Forst schaut er mal nach rechts zu seinem Nachbarn Johann Caspar Lavater oder nach links in den Wald hinein, je nachdem, woher der Wind weht. Dieser bestimmt die Drehrichtung der Metallköpfe der neun Empfindsamen, welche die österreichische Künstlerin Sabine Maier in Form von Eisenblech-Silhouetten im Teich verankert hat.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Der Kreis, der sich nach der Veröffentlichung von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ bildete, hat nicht nur einen Bezug zu Darmstadt, weil ihm Landgräfin Karoline und der Naturforscher Johann Heinrich Merck angehörten. Auch der Meister selbst weilte immer mal wieder in der kleinen Residenzstadt, woran im Bessunger Forst der Goetheteich und der Goethefelsen erinnern. Das wild-romantische Areal unweit vom Fußballstadion Böllenfalltor ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Die nächsten Wochen dürften auf dem Waldweg aber außer Joggern auch viele Kunstinteressierte unterwegs sein, denn Maiers Werk „Im Schatten der Empfindsamen“ ist eine von 17 Installationen, die auf dem 8. Internationalen Waldkunstpfad zu sehen sind, der am Samstag von Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) eröffnet wurde.

          Klassische Ornamente auf Baumstümpfen

          Der Verein für Internationale Waldkunst unter Kuratorin Ute Ritschel veranstaltet seit 2002 in Kooperation mit den Forstbehörden und dem Geo-Naturpark auf dem 2,6 Kilometer langen Wald-Rundweg solche Kunstbiennalen. 140 Künstler aus 36 Ländern haben daran bislang mitgewirkt. Durch ihre 175 Kunstwerke verwandelten sie den Bessunger Forst nach und nach zu Darmstadts prominentester Naturkunst-Galerie.

          Am aktuellen Waldkunstpfad, der unter dem Motto „Kunst Transformation“ steht, sind 22 Kunstschaffende aus 13 Ländern beteiligt. Einige von ihnen waren zwei Tage vor der Eröffnung noch damit beschäftigt, Löcher in den Waldboden zu graben und Seile zwischen Baumästen zu knüpfen. Die Heidelbergerin Andrea Loefke, die in New York lebt und arbeitet, versuchte zum Beispiel mit einigen fleißigen Helfern, den Darmstädter Jugendstil möglichst stabil ins Unterholz zu transformieren. Sie hat, inspiriert von Naturmotiven des Jugendstils, klassische Ornamente auf neun Baumstümpfe gemalt, die nun aussehen wie bunte Porzellan-Tafeln aus dem 20. Jahrhundert. Nur stehen sie nicht wie üblich in Museums-Vitrinen oder in geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmern, sondern grüßen den Spaziergänger rechts und links des steilen Wegs, der zur Ludwigshöhe führt.

          Künstlerische „Spurensicherung“

          Auch diese Raststation, wo Darmstädter gerne einen Radler trinken und einen Handkäse essen, ist durch Ritschel abermals zum Ort künstlerische Feldforschung ausersehen worden. So hat Pat van Boeckel den Aussichtsturm zu einer Art Himmelsleiter transformiert, der es Besuchern mit Hilfe von Filminstallationen und Musik erlaubt, in die Wolken aufzusteigen, ohne den Kontakt zur Erde zu verlieren. Auf der Aussichtsplattform neben dem Turm, von der die Blicke bei guter Sicht bis zur Frankfurter Skyline schweifen können, schaut ein gewaltiges, aus Stahldrähten geflochtenes Schwein mit Flügeln Richtung Europäischer Zentralbank. Das schwebende Tier in roter Signalfarbe versteht der in Moskau lebende, 28 Jahre alte Künstler Gleb Tkachenko als Ausdruck von Freiheit.

          Spuren im Forst: „Imprints“ von Myriam du Manoir

          Der Genuss von Waldkunst in Darmstadt verlangt gute Schuhe, Kondition, eine Waldkunst-Wanderkarte und Zeit, denn der Weg vom Parkplatz am Polizeipräsidium an der Klappacher Straße über den Goetheteich zur Ludwigshöhe und von dort über die Alte Bogenschneise zurück zieht sich. Die Anstrengung wird allerdings belohnt.

          Wie bei früheren Biennalen auch hat es Ritschel zusammen mit den beteiligten Künstlern verstanden, dem Stadtwald etwas von seinem geheimnisvollen-mythologischen Wesen zurückzugeben. Unerwartet hängen etwa große Schaukeln, gefertigt aus recycelten Fahrradreifen oder alten italienischen Stickereien, am Wegesrand – kunstvoll geschaffene Plastiken, welche die italienische Künstlerin Elena Redaelli „Dondolo“ nennt. Nur wenige Meter weiter sind auf dem Waldboden menschliche Fußspuren neben unterschiedlich großen Kugeln zu sehen, gefertigt von der Französin Myriam du Manoir. Für ihr Projekt „Imprints“ besuchte sie acht Bauernhöfe, formte aus Erde von deren Feldern und den dort wachsenden Pflanzen die runden Naturskulpturen, nahm von jedem Landwirt einen Fußabdruck und installierte das Ganze am Wegesrand – eine künstlerische „Spurensicherung“ der zivilisationstragenden Symbiose zwischen Bauer, Erde und Pflanze.

          Führungen bis 25. September

          Und abermals sprechen die Bäume in Bessungen wie einst im Märchen die nächste Woche wieder zu den Menschen. Dafür sorgen Laura Lio mit ihren überdimensionalen Nestern im Baum als Wohnort der Zukunft und Michael Fairfax mit „Sound Trail“. Der Brite hat entlang des Waldkunstpfads einige Baumstümpfe mit Klaviersaiten bespannt und „Baumharfen“ aufgehängt. Wer deren Saiten zupft, hört zunächst so gut wie nichts. Aber der Stumpf des Baumes oder die alten Äste der Baumharfe wirken als akustischer Resonanzkörper, wenn man das Ohr daran hält. „Es ist so eine Überraschung. Auch Taube können bei Berührung wieder hören“, versichert Fairfax.

          Die Nature-Art-Projekte des Vereins für Waldkunst sind inzwischen ein Darmstädter Exportprodukt bis nach China. Die Beliebtheit der alle zwei Jahre stattfindenden Ausstellung in Bessungen ist ebenfalls ungebrochen: 2014 wurden bei der Schau „Kunst-Biotope“ 25 000 Besucher gezählt. Bis 25. September bietet der Verein an allen Wochenenden öffentliche Führungen, es gibt ein eigenes Kinderprogramm mit dem Theaterstück „Der kleine Prinz“, Künstlergespräche und Künstleraktionen im Wald.

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