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Avantgardistische Kunst : Abstrakte Welten

Das Städel zeigt Werke von Hermann Glöckner und Rudolf Jahns in einer kleinen Schau. Glöckner hatte immer wieder Schwierigkeiten mit der Kunstdoktrin in der DDR.

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          Freiheit ist der wesentliche Aspekt, wenn es um avantgardistische Kunst geht. Belege dafür bilden allein schon die Reaktionen totalitärer Systeme auf moderne Positionen, wie sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Den Nationalsozialisten galten so gut wie alle Spielarten einer nicht wirklichkeitsgetreuen Malerei und Plastik als „entartet“. Und in den Anfangsjahren der DDR wurde alles, was dem Ideal des sozialistischen Realismus entgegenlief, als bürgerlicher Formalismus abgetan. Das Verdikt traf besonders Künstler, die, statt die Welt abzubilden, lieber Kompositionen aus Farben, Linien und geometrischen Figuren schufen. Auch später noch führte die Abstraktion im Osten des geteilten Landes ein Nischendasein. Hermann Glöckners Arbeiten passten nicht zur herrschenden Kunstdoktrin, er hatte immer wieder Schwierigkeiten mit den Behörden, aber in einem gewissen Umfang konnte er seine Werke ausstellen und erhielt auch Anerkennung dafür.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Im „Dritten Reich“ wie in der DDR nach dem staatlich verordneten Ende der Kunstfreiheit 1951 bis zur Aufweichung des Beschlusses gegen Ende der fünfziger Jahre hielt sich Glöckner (1889 bis 1987) mit Brotarbeiten über Wasser, er verzierte Gebäude mit linear-gegenständlichen Wandbildern und Emblemen. Auch Rudolf Jahns (1896 bis 1983) hatte mit widrigen Umständen zu kämpfen, ihn traf in gleicher Weise die 1933 einsetzende Verfemung der Moderne, und nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er zwar an seinen in den zwanziger Jahren entwickelten Stil einer poetischen Abstraktion anknüpfen, der Autodidakt verdiente jedoch als Finanzbeamter in Holzminden mitten im Weserbergland seinen Lebensunterhalt, und erst mit der Pensionierung war es ihm möglich, sich ganz seiner künstlerischen Berufung hinzugeben.

          Unterschiedliche Diktionen der Künstler

          In der Gartenhallen des Frankfurter Städel-Museums ist jetzt eine Kabinettsausstellung zu besichtigen, in der Werke von Jahns und Glöckner zusammengestellt sind, Arbeiten von zwei Außenseitern, die sich gleichwohl der Abstraktion als Weltsprache bedienten und ihr zwei durchaus eigenständige Dialekte hinzufügten. Dabei waren beide vielseitige Künstler, die sich unterschiedlicher Diktionen bedienten, auch gegenständlicher. Jahns nutzte Landschaft und Siedlungen als Material für mehr oder weniger abstrahierende Darstellungen, und in einem Bild wie dem jetzt ausgestellten „Häuser an der Steilküste von Boulogne-sur-Mer“ von 1931 ist es das Beobachtete selbst, das seine geometrische Verfasstheit offenbart, die vom Maler gleichsam herauspräpariert wird. Glöckner experimentierte mit vielerlei Möglichkeiten, Formen im Raum darzustellen, am bekanntesten sind seine „Faltungen“, die auch auf der Fläche die Illusion von Dreidimensionalität erzeugen, obwohl sie aus lauter planen Dreiecken und Vierecken bestehen. Glöckner deklinierte seine Themen durch, so die Teilung der Fläche in schwarze und weiße Anteile in einer aus 26 kleinen Arbeiten bestehenden Serie, die nunmehr ebenfalls zu bewundern ist.

          Dass das Haus eine Reihe wichtiger Werke von Glöckner und Jahns zeigen kann, verdankt sich unter anderem Schenkungen und Dauerleihgaben von Margarethe und Klaus Posselt, Barbara Roselieb-Jahns, der Tochter des Künstlers, sowie der Rudolf-Jahns-Stiftung. Zu erleben ist eine unaufgeregte Kunst von großer ästhetischer Strahlkraft, Werke, in denen die Autonomie des Künstlers Triumphe feiert. Die selbstauferlegte Strenge und Begrenzung der Mittel führen zu einem Reichtum an Variationen, die ein mit der Mathematik hadernder Schüler den geometrischen Formen niemals zutrauen würde. Losgelöst von allen Anwendungen, entfalten sie eine eigentümliche Schönheit. Und zeugen von der Freiheit der Kunst, eigene Welten zu erschaffen und von den Formen die Last der Bedeutungen zu nehmen.

          Ausstellungszeitraum

          Die Ausstellung ist bis zum 27. Mai zu sehen.

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