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Abschied von Frank Schirrmacher : „Vergessen, seine Kindheit abzulegen“

Ein wenig Trost: Bundespräsident Gauck und Frank Schirrmachers Witwe, die Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Casati bei der Trauerfauer in der Paulskirche Bild: Fricke, Helmut

Bundespräsident Joachim Gauck und viele andere Gäste kamen zur Gedenkfeier der Stadt Frankfurt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Frank Schirrmacher in die Paulskirche. Ein bewegender Vormittag.

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          Kein Rascheln, kein Murmeln, kein Beifall. In der Paulskirche ist das Publikum über weite Strecken mucksmäuschenstill, mehr als ein verhaltenes Räuspern nach den beiden getragenen Musikstücken, die der Pianist Igor Levit spielt, erlauben sich die Gäste an diesem Morgen nicht. Der lichtdurchflutete Saal, eine geschichtsträchtige Stätte, hallt sonst wider vom Applaus für Preisträger, die hier geehrt werden. Wie 2009 Frank Schirrmacher, der damals mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt aber mischt sich die Feierlichkeit des Ortes nicht mit heiterer Gelassenheit und beglückter Stimmung, sondern mit Gefühlen von Trauer und Verlust. Nach den Reden, nach den Klavierwerken herrscht Stille, ein beredtes Schweigen, ein bewegendes Innehalten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Und doch hat diese Veranstaltung in einem altmodischen, gleichsam religiösen Sinn auch etwas Erbauliches, ja: Tröstendes. So gelingt es etwa dem amerikanischen Romanistikprofessor Hans Ulrich Gumbrecht, einem langjährigem Freund des Verstorbenen, in seiner Gedenkrede ein plastisches Bild des zwei Jahrzehnte lang für das Feuilleton dieser Zeitung verantwortlichen Herausgebers in den Raum zu stellen. Die Schwarzweißfotografie, die vorne auf einer Staffelei Schirrmachers Konterfei zeigt, verblasst gegen die eindringliche Schilderung des Gelehrten, der mit wenigen kräftigen Zügen den Unruhegeist des am 12. Juni einem Herzinfarkt erlegenen Journalisten erfasst und den Anwesenden präsentiert. Das Ungeschliffene, die Leidenschaft und die Sorge seien es gewesen, die Schirrmachers Wesen ausgemacht hätten. „Er wirkte jung auf alle, wie einer, der vergessen hatte, seine Jugend oder Kindheit abzulegen.“

          Politiker, Prominente und Journalisten waren gekommen

          Zur Gedenkveranstaltung am 55. Geburtstag Schirrmachers waren am Freitag zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur gekommen. Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt waren angereist, Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, nahm teil, zwei der profiliertesten Politiker der Linken, Oskar Lafontaine und seine Partnerin Sarah Wagenknecht, gaben sich die Ehre.

          Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, der „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und der Chef des in Frankfurt ansässigen Fischer-Verlags Jörg Bong zählten zu der illustren Gästeschar. Die Frankfurter Stadtgesellschaft war exzellent vertreten, die für Kultur wie für das Soziale gleichermaßen engagierte Prinzessin Alexandra von Hannover, der Leiter des Jüdischen Museums Raphael Groß, aber auch die einstige Volkstheater-Prinzipalin Gisela Dahlem-Christ und der langjährige künstlerische Leiter des Hauses, Wolfgang Kaus, gehören zur einheimischen Gäste-Fraktion.

          „Viel zu früh gegangen“

          Oberbürgermeister Peter Feldmann, angetan mit der goldenen Amtskette, sprach die Begrüßungsworte. „In gewisser Weise war das Frankfurter Bürgertum Frank Schirrmachers geistige Heimat“, sagte das Stadtoberhaupt. „Sein ganzes Wirken schloss an das bürgerliche Erbe an und führte es fort.“ So sei er nicht nur begeistert von der Gegenwart und Zukunft gewesen, sondern auch ein Mann der Vergangenheit.

          Danach sprach der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Der „wirkungsmächtigste Feuilletonist im ganzen Land“ sei „früh berufen“ gewesen und „viel zu früh gegangen“. Er habe es sich und anderen nicht leicht gemacht, dies seien auch seine, Bouffiers, Erfahrungen, die er bei den Begegnungen mit dem Cheffeuilletonisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gemacht habe. Trotz seines Potsdamer Wohnsitzes sei der gebürtige Wiesbadener doch mit der Rhein-Main-Region und dem Land Hessen stets verbunden geblieben. „Er prägte nicht nur die intellektuelle, sondern auch die gesellschaftliche Debatte“, führte Bouffier aus. Sein Satz, man müsse das Smartphone bedienen können, dürfe sich aber nicht von ihm bedienen lassen, sei symptomatisch für ein nicht kulturpessimistisches, aber skeptisches Denken der digitalen Gegenwart.

          Schirrmacher verteidigte stets die Freiheit

          Bewegend berichtete anschließend F.A.Z.-Herausgeber Holger Steltzner über seinen einstigen Kollegen. Bei den wöchentlichen Herausgebersitzungen habe Schirrmacher das Gremium immer wieder mit „Humor und Schlagfertigkeit“ beeindruckt. „Seine journalistische Witterung, sein ständiges Informiertsein, aber auch seine Freude am Klatsch überraschten uns ein ums andere Mal.“ Er habe sich intensiv des Internets bedient, aber es auch am Telefon verstanden, seine Gesprächspartner in Anspannung zu versetzen. Oft habe er ein Gespräch mit den Worten begonnen: „Sie glauben nicht, was ich gerade gehört habe.“ Bei den regelmäßigen Herausgeberessen habe er selbst abgeklärte Politiker, Unternehmensführer und Kirchenmänner aus der Reserve gelockt. „Man hat mit Schirrmacher gut streiten können.“ Aber auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gegeben habe, seien sich er, Steltzner, und Schirrmacher in einer wesentlichen Frage einig gewesen: die Freiheit als kostbares Gut stets zu verteidigen.

          Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach sodann von Schirrmacher als einem einfühlsamen Journalisten, der eine hohe Sensibilität für die Gefühle der Juden in Deutschland besessen habe. Ohnehin sei die Verbindung zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der F.A.Z. seit der Gründung der Zeitung immer eine spezielle gewesen. „In einer anderen Publikation wäre es“, führte er aus, „wohl kaum möglich gewesen, dass Schirrmachers Vorbild Marcel Reich-Ranicki eine so nachhaltige Wirkung hätte entfalten können.“ Graumann nannte die Weigerung Schirrmachers, Martin Walsers auf Reich-Ranicki bezogenen Roman „Tod eines Kritikers“ abzudrucken, ebenso als Beispiel für das Verständnis jüdischer Befindlichkeiten wie seinen Verriss des antiisraelischen Gedichts von Günter Grass. Auch in der Beschneidungsdebatte habe Schirrmacher eine klare Position bezogen.

          Schließlich ergriff Hans Ulrich Gumbrecht das Wort. Er schilderte Schirrmacher als durchaus widersprüchlichen Charakter. Und fragte, wer dieser Frank Schirrmacher wirklich war. Am Ende seiner Ausführungen glaubte man zumindest, es zu wissen.

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