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Abschied von Frank Schirrmacher : „Vergessen, seine Kindheit abzulegen“

Danach sprach der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Der „wirkungsmächtigste Feuilletonist im ganzen Land“ sei „früh berufen“ gewesen und „viel zu früh gegangen“. Er habe es sich und anderen nicht leicht gemacht, dies seien auch seine, Bouffiers, Erfahrungen, die er bei den Begegnungen mit dem Cheffeuilletonisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gemacht habe. Trotz seines Potsdamer Wohnsitzes sei der gebürtige Wiesbadener doch mit der Rhein-Main-Region und dem Land Hessen stets verbunden geblieben. „Er prägte nicht nur die intellektuelle, sondern auch die gesellschaftliche Debatte“, führte Bouffier aus. Sein Satz, man müsse das Smartphone bedienen können, dürfe sich aber nicht von ihm bedienen lassen, sei symptomatisch für ein nicht kulturpessimistisches, aber skeptisches Denken der digitalen Gegenwart.

Schirrmacher verteidigte stets die Freiheit

Bewegend berichtete anschließend F.A.Z.-Herausgeber Holger Steltzner über seinen einstigen Kollegen. Bei den wöchentlichen Herausgebersitzungen habe Schirrmacher das Gremium immer wieder mit „Humor und Schlagfertigkeit“ beeindruckt. „Seine journalistische Witterung, sein ständiges Informiertsein, aber auch seine Freude am Klatsch überraschten uns ein ums andere Mal.“ Er habe sich intensiv des Internets bedient, aber es auch am Telefon verstanden, seine Gesprächspartner in Anspannung zu versetzen. Oft habe er ein Gespräch mit den Worten begonnen: „Sie glauben nicht, was ich gerade gehört habe.“ Bei den regelmäßigen Herausgeberessen habe er selbst abgeklärte Politiker, Unternehmensführer und Kirchenmänner aus der Reserve gelockt. „Man hat mit Schirrmacher gut streiten können.“ Aber auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gegeben habe, seien sich er, Steltzner, und Schirrmacher in einer wesentlichen Frage einig gewesen: die Freiheit als kostbares Gut stets zu verteidigen.

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach sodann von Schirrmacher als einem einfühlsamen Journalisten, der eine hohe Sensibilität für die Gefühle der Juden in Deutschland besessen habe. Ohnehin sei die Verbindung zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der F.A.Z. seit der Gründung der Zeitung immer eine spezielle gewesen. „In einer anderen Publikation wäre es“, führte er aus, „wohl kaum möglich gewesen, dass Schirrmachers Vorbild Marcel Reich-Ranicki eine so nachhaltige Wirkung hätte entfalten können.“ Graumann nannte die Weigerung Schirrmachers, Martin Walsers auf Reich-Ranicki bezogenen Roman „Tod eines Kritikers“ abzudrucken, ebenso als Beispiel für das Verständnis jüdischer Befindlichkeiten wie seinen Verriss des antiisraelischen Gedichts von Günter Grass. Auch in der Beschneidungsdebatte habe Schirrmacher eine klare Position bezogen.

Schließlich ergriff Hans Ulrich Gumbrecht das Wort. Er schilderte Schirrmacher als durchaus widersprüchlichen Charakter. Und fragte, wer dieser Frank Schirrmacher wirklich war. Am Ende seiner Ausführungen glaubte man zumindest, es zu wissen.

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