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Abriss des Nordbads : Darmstadt leistet sich eine neue Schwimmstätte

Dem Abriss geweiht: Das städtische Nordbad in Darmstadt muss einem Neubau weichen. Bild: Michael Kretzer

Nach jahrelangem Hin und Her steht fest: Das Nordbad wird endgültig abgerissen und neu gebaut. Fest steht aber auch: Das Projekt wird bis zu drei Mal teurer als zunächst gedacht.

          Es ist kaum zu erwarten, dass in den nächsten Tagen Schwimmsportler Blumen am Nordbad ablegen werden. Aber der bevorstehende Abriss der Sportstätte, in der seit der Eröffnung 1971 mindestens zwei Generationen von Mitgliedern des Darmstädter Schwimm- und Wassersport-Clubs (DSW) trainierten, dürfte den einen oder anderen doch berühren – ungeachtet des zuletzt ziemlich maroden Zustandes des Gebäudes und der Erwartung auf einen modernen Neubau.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Den Abriss haben die Stadtverordneten auf ihrer letzten Sitzung vor Ostern ermöglicht. Sie stimmten dem überarbeiteten Entwurf des Architekturbüros für ein neues Hallenbad mit Projektkosten von 43,2 Millionen Euro zu. Hinzu kommen vorsorglich noch ein Aufschlag von 2,4 Millionen wegen möglicher Preissteigerungen während der Bauphase und weitere 1,4 Millionen als „Risikovorsorge“. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass nach Abschluss der Arbeiten am Nordbad sowie am DSW-Gebäude mit dem Freibad die Gesamtkosten bei 47 Millionen Euro liegen werden.

          Abschluss der Arbeiten Anfang 2022

          Die Bagger beginnen nach Auskunft der Stadt voraussichtlich Mitte April mit dem Abriss des alten Hallenbads. Mit den Erdbauarbeiten ist im vierten Quartal zu rechnen, das neue Hallenbad könnte von den Sportlern nach Stand der Planung in der zweiten Hälfte 2020 erprobt und im vierten Quartal offiziell eröffnet werden. So lange bleibt auch die Traglufthalle über dem Freibad installiert, das als Interims-Trainingsbad dient. Anschließend soll das DSW-Gebäude abgerissen und neu gebaut werden. Anfang 2022 könnten alle Arbeiten am Nordbad abgeschlossen sein.

          Sportdezernent Rafael Reißer (CDU) versprach den Stadtverordneten ein „sehr, sehr gutes Schwimmbad“, wovon er auch die Landesregierung überzeugen möchte. Nachdem endlich „belastbare Zahlen“ vorlägen, werde er einen Antrag auf Landesförderung stellen.

          Eine politische Pilotfunktion

          Die Diskussion über die Zukunft des Nordbads zieht sich seit mehr als zehn Jahren hin und hat insofern eine politische Pilotfunktion, als erstmals in besonderer Intensität vom Immobilienmanagement der Stadt Risikovorsorge praktiziert wird. Der Grund dafür sind sich häufende Kostensteigerungen bei Bauprojekten. Außer beim Nordbad sind diese bei der Sanierungsplanung für den Friedensplatz, beim Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe, beim Berufsschulzentrum und beim Mollerhaus aufgetreten.

          Beim Sportbad stand zu Beginn die Frage im Raum, ob die Anlage saniert werden könne. Dem Grundsatzbeschluss zum Neubau, den die Fraktionen 2014 fassten, lagen Kostenschätzungen für eine Sanierung von elf Millionen Euro zugrunde, dem fünf Neubauvarianten gegenüberstanden, die mit 13,2 bis 16,6 Millionen veranschlagt worden waren. Als die Stadtverordneten 2016 den konkreten Plänen für ein neues Schwimmbad zustimmten, waren die Kosten schon auf 37,9 Millionen Euro geklettert. Hinzu kam ein Risikofaktor von zehn Prozent. Die mögliche Gesamtinvestition lag damit bei 41,6 Millionen. Dem stimmten Grüne, CDU und Wählergemeinschaft Uffbasse zu. Linke, SPD, FDP, Uwiga und AfD enthielten sich. Ein Antrag der SPD, die Kosten auf 35 Millionen zu begrenzen, fand damals keine Mehrheit. Dafür aber die Forderung, einen erfahrenen Projektsteuer einzusetzen.

          Angesichts dieses Abstimmungsverhalten im Oktober 2016 erscheint es auf den ersten Blick verwunderlich, dass die aktuelle Magistratsvorlage mit Mindestkosten von 43,2 Millionen Euro nun auch die Zustimmung von SPD, Linke und Uwiga gefunden hat. Nur die AfD blieb bei ihrer ablehnenden Haltung, die FDP enthielt sich der Stimme. Für die SPD begründete der Stadtverordnete Moritz Röder den Meinungswandel mit dem erkennbaren Sparwillen der Verwaltung, die mit externer Hilfe nach Kostensenkungen gesucht habe, und mit dem Hinweis, eine weitere Verzögerung der Arbeiten habe keinen Sinn mehr. Auch Erich Bauer (Uwiga) bescheinigte dem Magistrat das Bemühen um eine seriöse Planung.

          Tatsächlich lag die interne Kostenschätzungen im Dezember 2016, also nur zwei Monate nach dem Beschluss über die 41,6-Millionen-Investition, schon bei fast 50 Millionen Euro. Was dazu führte, dass Reißer die Planung überarbeiten ließ. Es wurden Einsparmöglichkeiten gesucht und gefunden. Laut den Verwaltungsunterlagen konnten die Dachkonstruktion des Hallenbades vereinfacht, die Gebäudehöhe reduziert und die Tragwerksstruktur optimiert werden, wodurch die Kosten um rund 6,5 Millionen Euro auf die nun beschlossenen 43,2 Millionen sank. Dass darauf nun noch einmal vorsorglich 2,4 Millionen zusätzlich draufgeschlagen werden, begründete Reißer mit der boomenden Baukonjunktur, die zu einem Anstieg der Baukosten führen könne.

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