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Einkaufszentrum Zeilgalerie : „Im sechsten Stock ist Totentanz“

Zeitspiel: Wie lange die Läden in der Zeilgalerie noch für Kunden da sein werden, steht dahin. Bild: Grapatin, Niklas

Wegen des geplanten Abrisses des Einkaufszentrums Zeilgalerie in Frankfurt stehen viele Geschäftsleute vor einer ungewissen Zukunft. Andere Mieter sind schon auf dem Sprung.

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          Seinen Namen will er in der Zeitung nicht lesen und den seines Geschäfts auch nicht. Aber ansonsten macht der Mann an der Kasse des Geschenkeladens aus seiner Meinung über das bevorstehende Ende der Zeilgalerie kein Hehl. Als das Geschäft vor knapp zehn Jahren einzog, ist „alles superklasse“ gewesen, wie er hervorhebt. In den vergangenen Jahren aber sei die Immobilie zusehends schlechtgeredet worden. Die Nachricht über den geplanten Abriss gleiche einer Katastrophe. „Gucken Sie sich doch mal um, was hier los ist“, sagt er.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie im Laden nebenan machen sich die Kunden an diesem Vormittag rar, bisweilen schaut gar niemand herein. „Und gehen Sie mal in den sechsten Stock, da ist Totentanz.“ Die oberen vier Etagen im Einkaufszentrum haben sich in den vergangenen Monaten nach und nach geleert. Nur die Samsung-Filiale, Gastronomie und das Astor-Kino sind noch unter dem Dach zu finden. Auch das Büro des Center-Managements wirkt, weit oben, ziemlich verloren: An diesem Vormittag ist eine Angestellte sogar ganz allein zu Haus. Anfragen leitet sie an eine Kommunikationsagentur weiter.

          Einige Händler schon mit neuen Läden

          Dort wiederum heißt es im Namen des Eigentümers RFR Holding, er habe mit den Mietern individuelle Vereinbarungen getroffen. Einige Mietverträge liefen noch über dieses Jahr hinaus. Einzelne Mieter haben aber schon neue Ladenlokale in anderen Immobilien gefunden, ihr Vermieter hat sie dabei unterstützt, wie RFR mitteilen lässt. Einzelheiten aus den Absprachen werden nicht genannt.

          „Jeder Shop-Inhaber sucht etwas anderes“, sagt der Mann vom Geschenkeladen. Das sei allerdings ein mühsames Geschäft. „Oder kennen Sie ein Ladenlokal in guter Lage?“ Wie lange das Geschäft noch für Kunden da sein kann, steht dahin. „Bis Mitte/Ende Februar“ schätzt der Mann an der Kasse.

          Ein Center-Management gebe es nicht mehr

          So lange läuft auch noch der Mietvertrag für das Geschäft Magick-Signs von Andreas Wollenweber. Seit 1995 verkauft Wollenweber im vierten Stock Piercing-und Edelstahl-Schmuck. Eigentlich hatte er vor, in diesem Sommer sein zwanzigjähriges Bestehen zu feiern. „Doch die Laune ist mir gründlich vergangen.“ Von den Abriss-Plänen habe er wie alle anderen Händler aus der Zeitung erfahren. Dass etwas im Busch ist, wussten die Händler in der Zeilgalerie freilich spätestens seit den ersten öffentlichen Abriss-Spekulationen in den Medien im vergangenen Sommer. Ein knappes Jahr zuvor hatte der Voreigentümer, die IFM Immobilien AG, das Einkaufszentrum an den Investor RFR Holding verkauft. Aufhorchen ließ viele Mieter, dass ihre Verträge jeweils nur noch um ein Jahr verlängert wurden. „Anfangs hatte ich noch einen Zehn-Jahres-Mietvertrag, doch dann wurden die Laufzeiten immer weiter verkürzt“, sagt Wollenweber.

          Auf den neuen Eigentümer ist der Schmuckhändler nicht gut zu sprechen. Ein Center-Management gebe es seit gut einem Jahr nicht mehr, und der neue Eigentümer habe sämtliche Marketing- und Werbeaktionen eingestellt. „Dafür machen diejenigen, die noch da sind, erstaunlich gute Umsätze“, stellt Wollenweber fest. „Es ist nicht so, dass hier alle bis zum letzten Atemzug ausharren.“

          Ankermieter beziehen „keine Stellung“

          Das bestätigt Ahmad Mizban, der seit einiger Zeit zusammen mit seiner Frau die auf vegane Produkte spezialisierte Rag-Bar im Untergeschoss des Einkaufszentrums betreibt, mit gutem Erfolg, wie er sagt. Jetzt schaue er in eine ungewisse Zukunft. Dass sein Mietvertrag bis 2022 läuft, ist angesichts der Bauarbeiten, die schon im nächsten Jahr beginnen sollen, kein Trost. Selbst dann, wenn er zurückkehren könnte. Denn: „Was machen wir in der Zwischenzeit?“

          Anderswo ist man schon auf dem Absprung. Zum Beispiel der Inhaber einer Boutique, die erst im vergangenen Herbst eröffnet worden war. „Wir schauen uns um“, heißt es. Auch die mittelhessische Erotikshop-Kette Orion befindet sich auf der Suche nach einem anderen Ladenlokal. Mit dem absehbaren Aus für die Zeilgalerie habe dieses Vorhaben aber direkt nichts zu tun. „Wir gucken uns ohnehin nach einer Mietfläche um“, sagt ein Firmensprecher. Schließlich wolle Orion in Frankfurt weiter expandieren. Details zum Mietverhältnis behält er für sich – „das gehört zur Fairness im Verhältnis zum Vermieter“.

          Wie lange die Ankermieter noch da sind und ob sie Ersatzflächen in der Umgebung der Zeil suchen, wird sich zeigen. Benetton und H&M betreiben in der Zeilgalerie jeweils große Filialen, die sich über drei Etagen erstrecken. Das Unternehmen Benetton mochte auf Anfrage „keine Stellung“ beziehen. Im Benetton-Geschäft heißt es nur, bis Jahresende dürfte das Geschäft sicher noch offen bleiben – vielleicht auch bis März nächsten Jahres. Dessen ungeachtet werde Benetton in der Nähe der Hauptwache bleiben, meint eine Verkäuferin. Von H&M gab es bis Redaktionsschluss keine Antwort. Zu ihren Plänen öffentlich äußern möchte sich auch nicht die Gomobile24.de GmbH, Betreiber der Samsung-Filiale, die bei der Eröffnung im August vor drei Jahren noch als großer Hoffnungsträger unter dem Dach der Zeilgalerie gefeiert worden war.

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