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Ablehnung vom Gymnasium : Den Schulleitern auf die Finger schauen

Schwamm drüber? Das kam für die Familie, deren Verfassungsbeschwerde jetzt Erfolg hatte, nicht in Frage. (Archivbild) Bild: dpa

Wie für die Tochter gemacht schien das Sachsenhäuser Gymnasium in Frankfurt. Umso heftiger war der Schock der Ablehnung. Doch die Familie fand sich nicht damit ab.

          Wenn Ruth Hausner über ihre Tochter spricht, dann holt sie sehr weit aus, bis in Sophies frühe Kindheit. Das sei nötig, um alles Weitere zu verstehen, sagt die Endvierzigerin. Sophie sei von Anfang an „anders“ gewesen. Mit drei Jahren habe sie sich das Buchstabieren beigebracht, dann das Lesen und Schreiben, auf Deutsch und Französisch. Heute, als Zwölfjährige, halte Sophie dreistündige Vorträge über Astrophysik. Ruth Hausner sagt „anders“, weil sie nicht den Eindruck erwecken will, sie halte ihre Tochter für etwas Besseres. Auch eine Hochbegabung sei sozusagen ein Förderbedarf, auch sie könne zuweilen eine Last sein. Besonders dann, wenn das Kind keine adäquate schulische Herausforderung habe.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ruth Hausners Name ist ebenso geändert wie der ihrer Tochter. Sie wolle die Privatsphäre ihrer Familie schützen, sagt die Mutter. Andererseits will sie aber auch, dass die Öffentlichkeit ihre Version einer Geschichte hört, die in den vergangenen Jahren immer wieder durch die Medien ging – teils mit dem Unterton, hier versuche eine einzelne Familie das gesamte Verfahren der Frankfurter Schulplatzvergabe zum Scheitern zu bringen. Hausner sagt: „Ich will nicht, dass das Staatliche Schulamt oder sonst jemand die Deutungshoheit bekommt.“

          Es ist die Geschichte eines inzwischen dreijährigen Kampfs um einen Platz an der Carl-Schurz-Schule in Sachsenhausen. Das bislang letzte Kapitel ist zugunsten der Familie ausgegangen: Das Bundesverfassungsgericht hat ihrer Beschwerde stattgegeben und den Fall zur abermaligen Befassung an den Hessischen Verwaltungsgerichtshof zurückgegeben.

          Bereits Kontakte zur Schule

          Wie die Mutter erzählt, war Sophies besondere kognitive Begabung schon im Kindergarten unübersehbar, in der Grundschule übersprang sie eine Klasse. Sie lernte fließend Französisch zu sprechen, brachte sich selbst Englisch bei und war ihren Altersgenossen auch in Mathematik weit voraus. Nach Abschluss der vierten Klasse schien ein Wechsel auf die Carl-Schurz-Schule der ideale nächste Schritt zu sein. Das Sachsenhäuser G8-Gymnasium bietet Französisch als erste Fremdsprache, bilingualen Nachmittagsunterricht und ein „Mathestudio“ an. Zudem bestanden schon enge Kontakte: Die ältere Schwester ging bereits auf die Schule, die Mutter engagierte sich als Elternbeirätin, der Vater im Vorstand des Fördervereins.

          Im Schuljargon spricht man von einem „Profilkind“, also einem Schüler, dessen Begabungen und Neigungen zu den Schwerpunkten der Schule passen. Eine solche Übereinstimmung gehört sogar zu den wenigen Kriterien, die das hessische Schulgesetz für die Auswahl der künftigen Fünftklässler vorschreibt. Ansonsten haben die Schulleiter für den Fall, dass es mehr Anmeldungen als Plätze gibt, große Ermessensspielräume. Die Grundschulnoten sollen jedoch keine Rolle spielen, denn das würde das Recht der Eltern auf eine freie Wahl des Bildungsgangs tangieren.

          Die Carl-Schurz-Schule nannte im Jahr 2016, als Sophie vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule stand, vier Punkte, die bei der Auswahl wichtig seien: bereits vorhandene Französisch-Kenntnisse, das Interesse am naturwissenschaftlichen Profil, die Absicht zum Erlernen eines Orchesterinstruments und ein Geschwisterkind an der Schule. Alle vier Kriterien erfüllte Sophie. Die Familie hatte keinen Zweifel, dass sie einen Platz bekommen würde.

          Schock über die Ablehnung

          „Umso größer war dann der Schock über die Ablehnung“, erinnert sich die Mutter. Nach dem Willen der Schulbehörde sollte Sophie auf das seinerzeit neue Gymnasium Nord gehen, das anders als die Carl-Schurz-Schule in neun Jahren zum Abitur führt und lediglich Englisch als erste Fremdsprache anbietet.

          In einem prall gefüllten Aktenordner hat Ruth Hausner die Unterlagen zu dem Fall ihrer Tochter gesammelt. Aus einem Schreiben der Rechtsanwältin geht hervor, dass die Carl-Schurz-Schule nach deren eigenen Angaben im Frühjahr 2016 für die 90 Plätze in drei Französischklassen 118 Anmeldungen hatte. Es mussten also 28 Kinder abgelehnt werden.

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