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Ablehnung vom Gymnasium : Den Schulleitern auf die Finger schauen

Bewerber, die außerhalb Frankfurts wohnten, wurden gleich von der Liste gestrichen. Direkt genommen wurden hingegen Kinder, die ein Geschwisterkind „in der Mittelstufe“ hatten. Dieser Zusatz – nach Hausners Darstellung nachträglich und damit zu Unrecht eingefügt – führte dazu, dass Sophie außen vor blieb. Denn ihre ältere Schwester ging zwar noch in die neunte Klasse, stand aber vor dem Wechsel in die Oberstufe. Einen Platz bekamen überdies Kinder von der Textorschule, einer Grundschule in der Nachbarschaft, und Schüler, die schon ein Orchesterinstrument spielten.

Mehr Mädchen als Jungen

Somit waren noch 36 Plätze übrig, die unter den verbleibenden 61 Bewerbern verlost wurden, wobei jeweils die Hälfte der Plätze für Jungen und Mädchen vorgesehen war. Dass Sophie leer ausging, lag auch an diesem Proporz: Weil sich für den Jahrgang viel mehr Mädchen als Jungen beworben hatten, waren die Chancen für Schülerinnen entsprechend geringer, in der Schulplatz-Lotterie zu gewinnen.

„Es wurde nach Geschlecht selektiert“, sagt Ruth Hausner bitter und entschuldigt sich sogleich für die Wortwahl. Sie könne es aber als Frau, die selbst ein typisches Männerfach studiert und unter Diskriminierung gelitten habe, nicht akzeptieren, dass Jungen, die keines der von der Schule selbst gesetzten Aufnahmekriterien erfüllt hätten, ihrer Tochter vorgezogen worden seien.

Hausner ist eine energische, kämpferische Frau. Das liege in der Familie, sagt sie. Als Mädchen habe sie mit ihrer Großmutter in Wackersdorf demonstriert und sei von der Polizei weggetragen worden. „Und es hat etwas gebracht: Heute steigen wir aus der Atomkraft aus.“ Dass man für seine Sache eintreten müsse und dabei Erfolg haben könne, wolle sie auch ihren Töchtern vermitteln.

„Ermessensfehlerfreie Entscheidung“

Nachdem der erste Schock der Zuweisung verdaut war, beschritten die Hausners den Rechtsweg, ebenso wie rund 40 weitere Frankfurter Familien. Allerdings wies das Verwaltungsgericht sämtliche Klagen ab. Zwar hätten die Eltern Anspruch auf eine „ermessensfehlerfreie Entscheidung“ der Schule und damit auch auf deren gerichtliche Überprüfung, doch trete dieses Recht zurück hinter den Vertrauensschutz für die übrigen Familien, die schon eine Zusage für einen Schulplatz bekommen hätten und ihn jetzt, kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, nicht wieder verlieren dürften.

Ruth Hausner will dieser Argumentation nicht folgen, und auch das Bundesverfassungsgericht hat seine Zweifel daran. Sie wolle niemanden den Schulplatz streitig machen und „ich will auch nicht das ganze Verfahren crashen“, sagt die Mutter. Aber es müsse in einem Rechtsstaat doch möglich sein, eine behördliche Entscheidung überprüfen zu lassen. Das Staatliche Schulamt müsse „den Schulleitern auf die Finger schauen, sonst können die hinter verschlossenen Türen schalten und walten, wie sie wollen“. Und wenn die Aufsichtsbehörde dieser Pflicht nicht nachkomme, dann müssten die Eltern juristisch zu ihrem Recht kommen können. Sicherlich seien nicht jeder Widerspruch und jede Klage berechtigt, aber zumindest müssten alle geprüft werden.

Die Warnung, dass dies zu einer Klageflut und zur Blockierung des gesamten Übergangsverfahrens führen könnte, hält Hausner für unbegründet. Wenn die Eltern nur ein paar Wochen früher und nicht erst kurz vor den Sommerferien über die Zuweisungen informiert würden, wäre nach ihrer Ansicht genug Zeit für notwendige juristische Prüfungen. Auch der Vermutung, den Rechtsweg könnten sich sowieso nur Begüterte leisten, tritt Hausner entgegen. Zumindest die ersten Schritte seien für jeden erschwinglich.

Bei den ersten Schritten ist es in Sophies Fall allerdings nicht geblieben. Inzwischen hat die Familie, die in einer nicht allzu großen Mietswohnung an einer vielbefahrenen Straße wohnt, in das Gerichtsverfahren den Gegenwert eines Kleinwagens investiert. Anderen Eltern rät Hausner, eine Rechtsschutzpolice abzuschließen, die – im Gegensatz zu ihrer eigenen – auch Verwaltungsrecht einschließen sollte.

Obwohl Sophie inzwischen die siebte Klasse einer anderen Schule besucht, wollen die Hausners die Klage bis zum Ende durchfechten. Die Zukunft ihrer Tochter sei es ihr wert, sagt die Mutter. Womöglich werde Sophie sich in ihrem Zimmer einmal den Bescheid aufhängen können, der ihr recht gebe. „Als Beweis dafür, dass wir nicht in einer Bananenrepublik leben.“

Das rät der Stadtelternbeirat im Fall einer Zuweisung

Knapp zehn Prozent der Frankfurter Viertklässler werden auch in diesem Jahr nicht auf eine der Schulen wechseln können, die ihre Eltern gewählt hatten. Aus Kapazitätsgründen müssen mehrere weiterführende Bildungsstätten Anmeldungen zurückweisen. Stadtweit sind rund 500 Schüler betroffen, jeweils die Hälfte der Ablehnungen entfällt auf Gymnasien und integrierte Gesamtschulen. Wer keinen Platz bekommt, wird auf eine andere Schule derselben Form geschickt. Mitte dieser Woche wurden die Bescheide verschickt, bis spätestens Ende nächster Woche sollten sie im Briefkasten liegen. Den Familien, die eine Zuweisung zu einer anderen Bildungsstätte erhalten haben, rät der Stadtelternbeirat zur Besonnenheit. „Lassen Sie Ihrer Unzufriedenheit nicht vor Ihrem Kind freien Lauf“, heißt es in einem Ratgeber zum Übergangsverfahren, der auf der Internetseite des Stadtelternbeirats abzurufen ist. Obwohl es die Möglichkeit zum Widerspruch gegen die Zuweisung gibt und sich womöglich über die Wartelisten der ursprünglich gewünschten Schulen noch ein Schlupfloch auftun könnte, rät der Stadtelternbeirat, sich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass es bei der Zuweisung bleibt. In diesem Fall brauche das Kind „eine positive Einstellung zur neuen Schule, und diese können Sie aktiv unterstützen“. Eltern sollten Kontakt mit der zugewiesenen Schule aufnehmen, Informationen von deren Elternbeirat einholen und sie sich zusammen mit dem Kind in Ruhe ansehen. Die Vergangenheit zeige, dass die meisten Kinder auf ihrer weiterführenden Schule gute Erfahrungen machten und glücklich würden – auch dann, wenn der Platz zugewiesen worden sei. Das Staatliche Schulamt macht auf seine Hotline zum Übergangsverfahren aufmerksam, die in der nächsten Woche von Montag bis Freitag unter der Rufnummer 38 98 91 28 täglich von 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr erreichbar ist. Schulamtsleiterin Evelin Spyra weist darauf hin, dass der Service nur der allgemeinen Information diene. Das Schulamt könne keine Auskunft über freie Plätze geben und führe keine Wartelisten für einzelne Schulen. Für die Aufnahme auch von Nachrückern sei allein die jeweilige Schule nach den festgelegten Auswahlkriterien zuständig.

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