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Abkehr vom „Turbo-Abitur“ : Versuch und Irrtum

Nicht so gemeint: Eine Reform, gegen alle Bedenken und unter großen Zumutungen durchgesetzt, wird zurückgedreht. Bild: dpa

Vor zehn Jahren hat Hessen die Einführung von G8 beschlossen. Nur so könnten deutsche Schüler international mithalten, hieß es. Doch Praktiker haben schon damals gewarnt.

          Man hätte es wissen können. Als 2004 darüber diskutiert wurde, die Gymnasialzeit in Hessen zu verkürzen, lagen schon alle Gegenargumente auf dem Tisch. In einer gemeinsamen Pressekonferenz warnten der Hessische Philologenverband, der Landeselternbeirat und die Landesschülervertretung vor dem „Turbo-Abitur“. Die Reform sei überstürzt und nicht durchdacht, sie führe zu einer Verdichtung der Stundentafel in der Mittelstufe und lasse keine Zeit für Arbeitsgemeinschaften und außerschulische Aktivitäten. Gymnasiasten würden entweder überfordert, oder die schulischen Anforderungen müssten gesenkt werden - beides sei nicht hinnehmbar.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bedenken wurden nicht von irgendjemandem vorgetragen, sondern von den Vertretern jener Gruppen, die in der Praxis maßgeblich sind: Lehrer, Eltern und Schüler. Aber die Politik, namentlich die mit absoluter Mehrheit regierende CDU, glaubte es besser zu wissen. Rückblickend war das vielleicht der schwerste landespolitische Fehler der vergangenen zehn Jahre.

          Blick auf internationale Konkurrenz

          Ein Hauptargument für G8 lautete seinerzeit: „Die anderen machen es doch auch so.“ Damit waren andere Bundesländer gemeint, die ostdeutschen und die vermeintlich fortschrittlichen unter den westdeutschen. Sachsen und Thüringen hatten die in der DDR obligatorische achtjährige Gymnasialzeit beibehalten, in Bayern und Baden-Württemberg betrieben unionsgeführte Landesregierungen die Schulzeitverkürzung.

          Noch stärker als auf andere Bundesländer richtete sich der Blick aber ins Ausland. Schon 1997 hatte Roland Koch, damals CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, vor Frankfurter Gymnasiasten auf die Bedeutung der Globalisierung hingewiesen. Mit Blick auf die internationale Konkurrenz müssten deutsche Berufsanfänger „drei Jahre früher im Job sein“, sagte er in der Liebigschule. Näher kommen könne man diesem Ziel mit einem Abitur nach zwölf Schuljahren und „schlankeren“ Studienplänen.

          Ökonomisierung der Bildung

          Rund um die Jahrtausendwende wuchs in Deutschland die Vorstellung, im internationalen Wettbewerb nicht bestehen zu können. Die Selbstzweifel galten nicht nur der Wirtschaft, sondern, genährt von den Ergebnissen der Pisa-Studie, auch dem Bildungswesen. Der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) fürchtete sogar um die Zukunft der eigenen Familie: „Meine hoffentlich gut ausgebildeten Kinder konkurrieren mit Engländern, Niederländern, Franzosen, die drei Jahre jünger sind. Das kann nicht sein.“

          Koch und Steinbrück standen für eine allgemeine Tendenz, ökonomische Maßstäbe auf die Bildungspolitik zu übertragen. Geschürt wurde die Stimmung von Wirtschaftsverbänden. So plädierte der damalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Hessischer Industrie- und Handelskammern und heutige FDP-Europaabgeordnete Wolf Klinz dafür, bei den Lehrplänen ein „Schwergewicht im Bereich der Ökonomie“ zu legen. Das Abitur müsse nach zwölf Jahren zu erlangen sein, das Angebot von international ausgerichteten Schulen sei zu erweitern.

          Vergleich mit Ausland gehe fehl

          Für die Hochschulen resultierte aus der an wirtschaftlichen und globalen Belangen ausgerichteten Politik die Bologna-Reform, für die Schulen wurde das „Turbo-Abitur“ eingeführt. Doch es gab auch Stimmen, die dem Zeitgeist widersprachen. Zum Beispiel die von Knud Dittmann, seit 1998 Vorsitzender des Hessischen Philologenverbands. Der Vergleich mit dem Ausland gehe fehl, sagte er 2004 in der Diskussion über G8 in Hessen. Es gebe durchaus andere europäische Länder mit neunjähriger Gymnasialzeit, etwa England und Italien.

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