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Abitur und Corona : Hauptsache, wir haben es hinter uns

Lernstress während der Corona-Krise: Leo Löckle vom Lessing-Gymnasium Frankfurt Bild: Matthias Trautsch

Unter strengen hygienischen Maßgaben schreiben die Schüler in Hessen in diesen Tagen das Abitur. Die meisten sind froh, dass der Termin trotz der Corona-Pandemie beibehalten wurde.

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          In der Klausur im Leistungskurs Geschichte konnte Leo Löckle sich, wie im schriftlichen Abitur üblich, zwischen drei Aufgaben entscheiden. In der ersten ging es um die Revolution von 1848 und die Reichsgründung 1871, in der zweiten um den Vergleich der Außenpolitik von Gustav Stresemann und Willy Brandt und in der dritten um den Zerfall der Anti-Hitler-Koalition am Ende des Zweiten Weltkriegs. Leo sagt, er habe das dritte Thema genommen und sich mit der anschließenden Frage auseinandergesetzt, ob Hitler – ähnlich wie Stalin – auch als Realpolitiker gelten könne.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Prüfungsvorbereitung unter den Bedingungen der Corona-Pandemie sei nicht einfach gewesen, sagt der Siebzehnjährige, der das Lessing-Gymnasium im Frankfurter Westend besucht. Wie viele seiner Mitschüler habe er bis zur Verschärfung der Krise und zur Schließung vieler öffentlicher Einrichtungen in der Bibliothek der nahegelegenen Goethe-Universität fürs Abitur gelernt. Als das nicht mehr gegangen sei, habe er zu Hause über seinen Büchern und Heften brüten müssen, wo es ihm weit schwerer gefallen sei, sich zu konzentrieren. Andererseits habe die Woche vor den Prüfungen, in denen die Abiturienten wegen Corona vom Unterricht befreit waren, zusätzlich Ruhe und Zeit gegeben.

          Eine Verschiebung der Prüfung hätte Leo nicht gut gefunden, schließlich hätten sich die Schüler lange auf den Termin eingestellt. Wegen der strikten Hygienevorschriften hält er das Ansteckungsrisiko während der Klausuren für vertretbar. Heute geht es für ihn mit dem Grundkurs Mathe weiter, nächste Woche schreibt er die Klausur im Bio-Leistungskurs.

          Weltreise ade

          Nastasja Lange und Magnus Mannel sind vor allem eines: erleichtert. Immerhin die erste ihrer drei Klausuren haben sie hinter sich. Sie sei froh, dass die Prüfungen in Hessen trotz Covid-19-Krise stattfänden, sagt die Neunzehnjährige, die wie ihr ein Jahr älterer Mitschüler die Schillerschule in Sachsenhausen besucht. „Bei einer Verschiebung wäre der ganze Lernablauf durcheinandergekommen“, glaubt Lange. Viele Abiturienten hätten sich mit Kursen vorbereitet, die auf eine Prüfung in den zwei Wochen vor den Osterferien zugeschnitten seien. Außerdem sei zu beachten, dass nach den Ferien die mündlichen Prüfungen folgten, für die man einen freien Kopf haben sollte.

          „Hauptsache, es ist bald vorbei“, sagt auch Mannel. „Eine Verschiebung um ein paar Wochen hätte nichts geholfen.“ Er fürchte eher, dass die Auswirkungen der Pandemie noch schlimmer würden. Aufatmen könne man erst, wenn ein Impfstoff auf dem Markt und eine Immunität weiter Bevölkerungskreise erreicht sei. Auch Lange ist für die nahe Zukunft pessimistisch: Viele Schüler hätten nach dem Abitur reisen oder im Ausland arbeiten wollen. Daraus werde vermutlich erst einmal nichts.

          Nastasja Lange und Magnus Mannel von der Schillerschule
          Nastasja Lange und Magnus Mannel von der Schillerschule : Bild: Matthias Trautsch

          In der Klausur im Leistungskurs Kunst hat sich Lange mit der Architektin Zaha Hadid befasst, ein Gebäude von ihr beschrieben, die architektonischen Mittel und die damit erzielte Wirkung analysiert. Im praktischen Teil löste sie die gerade in Frankfurt lebensnahe Aufgabe, ein Gebäude aufzustocken, so dass über dem Supermarkt im Erdgeschoss drei Stockwerke mit Büros und Wohnungen entstehen.

          Abstand gewahrt

          Die hygienischen Vorkehrungen bei den Abiturprüfungen seien sehr streng gewesen, erzählen Julia Lauer und Elena Adler von der Elisabethenschule im Nordend. Die Abiturienten hätten eine halbe Stunde vor Prüfungsbeginn kommen und schriftlich versichern müssen, dass sie kein Fieber oder andere Krankheitssymptome hätten. Der Schulleiter habe sie eindringlich angehalten, untereinander und auch zu den Lehrern Sicherheitsabstand zu wahren. Vorab seien sie einzeln zum Händewaschen geschickt worden, im Prüfungsraum hätten die Tische noch weiter auseinandergestanden als beim Abitur ohnehin üblich, und anschließend seien sie aufgefordert worden, sich nicht in größeren Gruppen über den Verlauf der Klausur auszutauschen.

          Julia Lauer und Elena Adler von der Elisabethenschule Frankfurt
          Julia Lauer und Elena Adler von der Elisabethenschule Frankfurt : Bild: Matthias Trautsch

          Die strikten Vorschriften seien aber in Ordnung, meint die 19 Jahre alte Lauer. „Wir hatten ja Glück, dass wir überhaupt schreiben konnten.“ Wenn das schriftliche Abitur in Hessen wegen der Corona-Krise verlegt worden wäre, hätte man das Gelernte vor einem neuen Termin auffrischen müssen, möglicherweise parallel zur Vorbereitung auf die mündlichen Prüfungen.

          Als Thema in der Kunst-Klausur haben die beiden Schülerinnen einen Vergleich von Werken des Malers René Magritte und der Fotografin Ilse Bing gewählt. Die 17 Jahre alte Elena ist mit dem Verlauf der Prüfung nicht ganz zufrieden. Sie sei von vornherein für eine Verschiebung gewesen. „Das ganze Hin und Her noch am Abend vor der Prüfung hat viel Zeit und viele Nerven gekostet.“ Allerdings sei sie fast die Einzige gewesen, die lieber zu einem späteren Termin geschrieben hätte.

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