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Abhängigkeit von Cannabis : Gehirn im Nebel

  • -Aktualisiert am

Zu Risiken und Nebenwirkungen: Auch „weiche“ Drogen können der Gesundheit erheblich schaden. Bild: dpa

Während die Diskussion um eine Cannabis-Freigabe Fahrt aufnimmt, müssen sich Drogenhelfer um jene kümmern, die dem Kraut nicht gewachsen sind. Die Langzeitfolgen des Konsums können erheblich sein. Doch der Absprung ist möglich.

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          Seine erste Wasserpfeife des Tages hat Michael Klein schon geraucht, als er den Knopf der Spielkonsole drückt. Die Gedanken aus, die X-Box an, alles deutet auf einen normalen Samstag hin. Doch dann beginnt sein Herz zu pochen und hört nicht mehr auf. Schneller und stärker, als Klein es bisher kannte. So hat er sich das nicht vorgestellt, als er das Gras inhalierte, so wie er es früher oder später jeden Tag tut. Statt zu entspannen, versetzt es seinen Körper diesmal in Alarmzustand. Statt gemütlich zu zocken, geht Klein deshalb an die frische Luft. Durchatmen, joggen, laufen. Nur ganz langsam lässt die Panikattacke nach. Als Klein im Krankenhaus seine Geschichte erzählt, sind die Ärzte wenig überrascht. Fälle wie diesen kennen sie mittlerweile.

          Drei Tage später, das Herz schlägt wieder im gewohnten Takt, sitzt Klein im Büro von Silvia Schwarz. Die Frau vom Suchthilfeverein Jugendberatung und Jugendhilfe sagt, Probleme mit Cannabis machten derzeit den Hauptteil der Beratung aus. Rund 100 Klienten betreue der Verein momentan intensiv. Obwohl Anbau und Verkauf von Cannabis verboten sind, haben selbst vier von zehn Jugendlichen schon einmal an einem Joint gezogen. Aus einer Studie von Forschern der Goethe-Universität geht weiter hervor, dass immerhin sieben Prozent der Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen in Frankfurt öfter als zehnmal im Monat kiffen.

          Gruppendruck als Einstieg

          Schwarz und ihre Kollegen wollen die Jugendlichen so früh wie möglich erreichen. „Niedrigschwellig“ lautet das Zauberwort der Sozialarbeiter. Die Betroffenen, ihre Eltern und Freunde sollen keine hohen Hürden überwinden müssen, um Hilfe zu bekommen. Noch immer gebe es das Vorurteil, dass man clean sein müsse, bevor man Hilfe bekomme, sagt Schwarz. Doch das stimmt nicht. Ihr Verein berät auch jene, die zwar das Gefühl haben, dass etwas schiefläuft, aber nicht die Kraft, die Finger ganz vom Cannabis zu lassen. Für diese Konsumenten sei das Reduktionstraining ihres Vereins geeignet, sagt Schwarz. „Manche brauchen Abstinenz, andere nur eine Mäßigung.“

          Das sagt auch Michael Klein, als er nach seinem Panikwochenende zu ihr gekommen ist. Bei vielen Jugendlichen läuft es so, wie es der Endzwanziger berichtet: Wann er zum ersten Mal an einem Joint gezogen hat, weiß er nicht mehr genau. Aber es muss mit etwa 15 Jahren in seiner Heimatstadt im Ruhrgebiet gewesen sein. Wahrscheinlich waren es der Gruppendruck, der ihn das Gras ausprobieren ließ, und das Gruppengefühl, das ihn zum regelmäßigen Kiffer machte. Die Preise waren niedrig und der Stoff war mild, „viel milder als das hochkonzentrierte, synthetische Zeug, das es heute in Frankfurt zu kaufen gibt“.

          Die Kehrseite der Kiffer-Romantik

          Nur die Familie wusste Bescheid, schließlich hatte seine Mutter früh die roten Augen erkannt, die ihr Sohn immer nach dem Kiffen bekam. Bei der Arbeit weiß hingegen nur ein Kollege etwas von seiner Vorliebe, auch deshalb soll Kleins richtiger Name nicht in der Zeitung stehen. Die Scham, die mit dem Cannabis-Konsum verbunden ist, kennt Drogenhelferin Schwarz gut. Zwar fänden viele Kiffen cool, aber als regelmäßiger Kiffer wolle kaum jemand gelten.

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