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Architektur für Kinder : Sie wollen doch nur spielen

Macht Laune: Die Spielskulptur "Lozziwurm" wurde 1972 von dem Künstler Ivan Pestalozzi entworfen und auf vielen Spielplätzen wie hier in der Nähe von Zürich aufgebaut. Bild: © Heidy Gantner

Es sind Orte des kontrollierten Risikos: Auf Spielplätzen können die Kinder toben, und Eltern lernen viel über sich selbst. Die Ausstellung „The Playground Project“ im Frankfurter Architekturmuseum weiß mehr.

          3 Min.

          Neulich auf dem Abenteuerspielplatz im Nordend. Drei Baumstämme sind ein Floß. Ein blondes Mädchen ist die Kapitänin der Piratenbande und hat eine Bohrmaschine dabei. Ein Brett, aus dem ein krummer, rostiger Nagel ragt. Die Eltern finden diese Bohrmaschine zu gefährlich, der Nagel wird entfernt, das Geschrei ist groß. Es fragt sich, wer hier etwas lernen muss: die Kinder, dass rostige Nägel verboten sind, oder die Eltern, dass selbsterfundene Bohrmaschinen nicht weggenommen werden dürfen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die ersten Abenteuerspielplätze – das erfährt man in der Ausstellung „The Playground Project“ im Architekturmuseum – wurden in Deutschland Ende der sechziger Jahre angelegt. Damals kamen Eltern im Märkischen Viertel in Berlin auf die Idee, nach einem Vorbild aus London die Kinder ihren Spielplatz selbst gestalten zu lassen. Mit Werkzeugen und Baumaterial. Ein Buch, das dieses Experiment begleitete, trug den Titel „Abenteuer-Spielplatz. Wo verbieten verboten ist“.

          Labyrinthische Burgen

          1973 wurde auch in Frankfurt im Riederwald der erste Abenteuerspielplatz angelegt, zwei weitere im Nordend und in Ginnheim kamen später dazu. Aus der Frankfurter Spielplatzlandschaft sind diese Angebote heute nicht mehr wegzudenken. Die labyrinthischen Burgen aus Holz sind zum Teil dreigeschossig und wachsen immer weiter. Die Kinder sind selbst handwerklich aktiv. Mit Hammer und Säge, Pinsel und Farbe gestalten sie ihren Spielraum.

          Hinein ins Vergnügen: Abenteuerspielplatz im Märkischen Viertel in Berlin Bilderstrecke

          Das Konzept der Abenteuerspielplätze, die einst noch als „Gerümpelspielplätze“ bezeichnet wurden, nimmt in der Ausstellung „The Playground Project“ viel Raum ein. Aber die Kuratorin Gabriela Burkhalter blickt noch einige Jahrzehnte weiter zurück bis in die Zeit, in der die Spielplätze ihren Anfang nahmen. Der Spielplatz sei ein „Nebenprodukt der industrialisierten Stadt des 20. Jahrhunderts“, schreibt Burkhalter im Katalog. Sie hat die Ausstellung für die Kunsthalle Zürich entwickelt. Die Schau geht seit 2013 auf Wanderschaft und war schon in England, Bonn und Moskau zu sehen.

          In Reihenhaussiedlungen am Stadtrand hat heutzutage jede Familie ihre eigene Schaukel im Garten. Spielplätze waren und sind eine Erfindung der Großstadt. Mit den ersten, noch betreuten und nach Geschlechtern getrennten Plätzen wollten Sozialreformer Ende des 19. Jahrhunderts die Kinder von der Straße holen. Diese Plätze ähnelten Freiluftturnhallen, denn der Schwerpunkt lag auf der körperlichen Ertüchtigung des Nachwuchses. Unzerstörbare Spielgeräte aus Metallrohren prägten das Bild, die Plätze machten einen gefängnisartigen Eindruck.

          Erst nach dem Krieg begann sich dies zu ändern. Der Impuls kam damals aus Skandinavien. Der Künstler Egon Möller-Nilsen ließ sich von seiner dreijährigen Tochter zu einer abstrakten Spielskulptur inspirieren, die 1949 in einem Stockholmer Park aufgestellt wurde. Das Mädchen kletterte gerne auf Felsen und versteckte sich in einer Grotte. Die auf heutige Betrachter schroff wirkende Skulptur „Tufsen“ weckt diese Assoziationen. Sie wurde mehrfach gegossen und in verschiedenen schwedischen Städten aufgestellt.

          Diesen „Pionieren“ der Spielplatzbewegung ist das erste Kapitel der Ausstellung gewidmet. Zu ihnen zählt der ehemalige Profiboxer Joseph Brown, auf dessen Skulpturen aus Metall und Seilen die Kinder das Gleichgewicht halten lernen. Der Wiener Künstler Josef Schagerl schuf Spielplastiken aus Beton, die mehr Kunstwerke als Spielgeräte sind. Der Japaner Mitsuru Senda entwickelte spektakuläre Spielplätze mit langen Rutschen und anspruchsvollen Klettergerüsten, die den Kindern auch jede Menge Nervenkitzel bieten. Niki de Saint Phalle baute in Jerusalem ein Monster, dessen drei rote Zungen als Rutschbahnen dienen.

          Nervenkitzel erwünscht

          In einem zweiten Kapitel geht es um die Weiterentwicklung des Spielplatzes zu Spiellandschaften – hier war Holland ein Vorreiter. Die Achtundsechziger-Bewegung entwickelte neue Spielkonzepte, die in der Ausstellung unter dem Stichwort „Aktivismus“ zusammengefasst werden. Dazu gehörte 1971 auch der „Kinderplanet“, eine Art Spielhalle in der Messe Frankfurt. Die Ausstellung präsentiert diese Themen mit Fotos, Modellen, Plänen, Büchern und Filmen. Im Mittelpunkt stehen jedoch Spielskulpturen wie der gewundene „Lozziwurm“ des Künstlers Ivan Pestalozzi und ein rotes Plastikkarussell von Günter Beltzig. Hier werden nicht nur Kinder ihren Spaß haben.

          Einige Ideen der Spielplatz-Pioniere wie Seilskulpturen und Kletterwände finden sich auch auf konventionellen Spielplätzen wieder. Der Sicherheitsaspekt steht dort allerdings im Vordergrund. Ein bisschen Nervenkitzel ist erwünscht, aber er soll kalkulierbar sein und unter sozialer Kontrolle. „Wir leben in einer Gesellschaft, die das Risiko ausschalten will. Das ist für den öffentlichen Raum fatal“, meint Burkhalter.

          The Playground Project. Architektur für Kinder. Bis zum 21. Juni im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43. Der Katalog kostet 34 Euro im Museumsshop.

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