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„A Wintery Spring“ : Wenn das Volk das Warten satt hat

  • -Aktualisiert am

Regisseurin und Komponist: Corinna Tetzel und Saed Haddad Bild: Wonge Bergmann

Schlangen auf dem Marsch durch die Wüste: Die Oper Frankfurt kombiniert Saed Haddads zeitgenössisches Musiktheaterstück „A Wintery Spring“ mit der Barockkantate „Il serpente di bronzo“ von Jan Dismas Zelenka.

          Saed Haddad sieht sich zwischen den Kulturen. „Ich beobachte die Schmerzen des arabischen Raums, aber ich schreibe Musik für die westliche Welt“, sagt der 1972 in Jordanien geborene Komponist, der seit 16 Jahren in Berlin lebt. Und: „Ich versuche in meinen Stücken immer, etwas Neues zu machen.“ Das gilt auch für „A Wintery Spring“, eine Folge von drei Szenen, mit der Haddad sich zum ersten Mal dem Musiktheater zuwendet. Der „Frühling im Winter“ ist von morgen an in einer Koproduktion der Oper Frankfurt mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot zu erleben.

          Die Regisseurin Corinna Tetzel erarbeitet damit nach der Uraufführung von Lior Navoks „An unserem Fluss“, vor drei Jahren ebenfalls im Depot zu sehen, ihre zweite Neuproduktion für die Oper Frankfurt, an der sie bis zur vorigen Spielzeit als Regieassistentin engagiert war. Ihre Idee war es, Haddads „dramatisches Lamento“ mit einer szenischen Aufführung von Jan Dismas Zelenkas Kantate „Il serpente di bronzo“ zu koppeln: „Die Entscheidung für den Barock war für mich eigentlich schon vorgegeben.“ Sie habe das Gefühl gehabt, Haddads „fließendem Werk“ mit seiner „ineinander verwobenen Struktur“ eine „andere Formalität“ sowie die „deutlichen barocken Effekte“ zur Seite stellen zu müssen.

          Reflektionen des Lebens im Nahen Osten

          Als Grundlage für „A Wintery Spring“ dienten dem Komponisten Gedichte des 1931 gestorbenen libanesischen Schriftstellers Khalil Gibran, die das Leben im Nahen Osten reflektieren. Zelenkas 1710 in Dresden uraufgeführte Kantate über die eherne Schlange behandelt die alttestamentarische Episode von der Strafe, die Gott den Israeliten für ihre Ungeduld während des Auszugs aus Ägypten auferlegt, als in der Wüste nur die von Schlangenbissen geheilt werden, die demütig auf das von Moses gefertigte Tierzeichen blicken. Auch wenn es mit dem Topos der Wüste oder der Idee des aufbegehrenden Volkes lose Querverbindungen zwischen den Stücken geben mag, war der Regisseurin doch klar, einen Doppelabend nur in dem Sinne zu erarbeiten, dass die beiden Inszenierungen auch für sich allein stehen könnten: „Alles andere würde eine Verflachung der Themen bedeuten, denn Haddads Werk wirkt an und für sich so facettenreich, dass ich da nichts einschränken wollte.“ Vielmehr, so Tetzel, sei es ihre Absicht gewesen, „beide Werke in ihrer Komplexität und ihrer Ganzheit dem Zuschauer zu eröffnen“.

          In Haddads „Frühling im Winter“, der sich nur in Andeutungen auf die Entwicklung des Arabischen Frühlings bezieht, komme, sagt der Komponist, auch die arabische Musik nur in Spuren vor: „Ich bin ein Lyriker. Das heißt, ich arbeite mit Melodielinien, balanciere mit Schönheit und Magie, vielleicht auch mit Transzendenz und der tieferen Bedeutung von Musik, nicht nur mit Technik.“

          Das Ensemble Modern, das mit Zelenkas Kantate zum ersten Mal überhaupt barocke Musik aufführen wird, spielt in Haddads Komposition mit einer Besetzung von 15 überwiegend tiefen Instrumenten, die den Klagecharakter des Stück betonen. Erst am Ende der eine Dreiviertel Stunde langen Uraufführung treten zwei Geiger hinzu, und zwar, einem Wunsch des Ensembles entsprechend, auf der Bühne. Ergänzt um Glasharmonika und Vibraphon senden sie ein schwaches Licht, möglicherweise ein Signal der Hoffnung, wie der Komponist sagt, dessen Werke in seiner Heimat nicht aufgeführt werden: „Natürlich kann fast niemand meine Musik in Jordanien oder dem arabischen Raum verstehen, hat die arabische Welt ein anderes Verständnis“.

          Mit Zelenka als zweitem Komponisten des Abends ist Haddad völlig einverstanden: „Er ist niemand, den ich jeden Tag hören muss wie Bach oder Berlioz, aber er schreibt keine oberflächlich, sondern gute Musik.“ Tetzel will beide Werke für ein Publikum von heute erzählen: „Ich habe auch bei Zelenka versucht, den heutigen Menschen darzustellen. Außerdem betrifft das Thema des Exils jeden, ganz unabhängig von der Nationalität.“ Dass gerade Zelenkas rund einstündige Kantate für das Ensemble Modern eine besondere Herausforderung bedeutet, hat auch die Regisseurin beobachten können. So gebe es unter den Musikern zwar einige Barockspezialisten, insgesamt aber sei es eine ganz besondere Herausforderung für die Neue-Musik-Experten, „alles zu einem funktionierenden Klangkörper zusammenzubringen und sich in der barocken Klangsprache zu verhalten“.

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