https://www.faz.net/-gzg-9nvpe

70 Jahre Luftbrücke : „Und sie fliegt immer noch wie eine Eins“

Alte Maschine: „Betsy’s Biscuit Bomber“ ist schon bei der Luftbrücke geflogen – und für das Jubiläumsfest aus Kalifornien nach Wiesbaden gekommen. Bild: Marcus Kaufhold

Zehntausende feiern auf dem amerikanischen Militärflugplatz in Wiesbaden-Erbenheim „70 Jahre Luftbrücke“ – und eine lebende Legende.

          2 Min.

          Die Wok-Nudeln müssen weg. Aiden Springer hat zwar Hunger, aber die Leute wollen Fotos machen. Und da hat sein Asia-Snack nichts zu suchen. Schließlich trägt der Siebzehnjährige eine alte Air-Force-Kluft, und die Besucher wollen ihn und seine Mitschüler in ihren historischen Uniformen knipsen. Also stellt Aiden die Nudeln zur Seite und lächelt zusammen mit seinem Bruder Jackson, ihrem Kumpel Sean Cartier und einem halben Dutzend Mädchen in die Kameras.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie alle sind Schüler der Highschool der amerikanischen Army-Garnison in Wiesbaden und haben sich als Freiwillige gemeldet, um am Tag der offenen Tür ein bisschen Vintage-Atmosphäre auf das weitläufige Rollfeld des Militärflugplatzes am Rande der Landeshauptstadt zu bringen. Und lange warten müssen die jungen Amerikaner nicht, bis sie die ersten Fotowünsche erfüllen können. Am späten Vormittag ist der Army-Stützpunkt, der am Pfingstmontag unter dem Motto „70 Jahre Luftbrücke“ zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder für die Öffentlichkeit geöffnet worden ist, noch nicht so proppenvoll wie am Nachmittag, aber auf der Suche nach guten Fotomotiven sind die Besucher auch jetzt schon.

          Dazu gehört zum Beispiel auch „Betsy’s Biscuit Bomber“, eine der mehr als zwanzig historischen Douglas DC-3, die auf dem Flugplatz für die Gäste bereitstehen. Das 1943 gebaute Flugzeug ist ein echter „Rosinenbomber“, eine Maschine, die während der Berlin-Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949 auf vielen der insgesamt fast 280.000 Hilfsflüge im Einsatz war. Später war sie für das belgische, das französische und in das israelische Militär im Einsatz, bis sie 2005 vom „Estrella Warbirds Museum“ in Paso Robles in Kalifornien gekauft wurde. „Sie ist noch im Originalzustand“, sagt Hector Camacho. „Und sie fliegt immer noch wie eine Eins.“ Der Siebenundsiebzigjährige ist einer von sieben Freiwilligen, die die Maschine für das Museum nach Europa geflogen haben. Seit sechs Wochen sind sie unterwegs, haben ein paar Flugshows besucht, dann die Feierlichkeiten zum D-Day in der Normandie – und jetzt werden sie in Erbenheim von Flugbegeisterten umringt.

          Junge Amerikaner: Sean Cartier, Jackson und Aiden Springer (von links) posieren in alten Army- und Air-Force-Uniformen.

          Süßigkeiten an Fallschirmen

          In einige der anderen Maschinen können die Gäste sogar für ein paar Minuten einsteigen, schon bald bilden sich deshalb lange Schlangen. Bei den Flugvorführungen, bei denen die historischen Flieger später ein ums andere Mal über den Flugplatz knattern, dürfen dann allerdings keine Passagiere dabei sein. Nur einer: Gail Halvorsen. Der ist mit seinen 98 Jahren eine lebende Legende, der Held der Luftbrücke, der als „Candy Bomber“ bekannt wurde, weil er für die Berliner Kinder Süßigkeiten an selbstgebastelten Fallschirmen abwarf und so zum Symbol der Luftbrücke wurde. Seit mehr als 50 Jahren ist Halvorsen der Star aller Gedenkfeiern, Hunderte, vielleicht Tausende Male hat er seine Geschichte erzählt, „das Geschenk der Freiheit“ gepriesen, das er und seine Kameraden nach Berlin gebracht haben, und mit hochgerecktem Daumen für die Fotografen und Fernsehteams posiert.

          Das tut er auch an diesem Tag in Wiesbaden mit einer charmanten Professionalität und authentischen Freude, die ihresgleichen sucht. Aus Frankfurt kommt er mit einem Rosinenbomber nach Erbenheim und fährt im offenen Jeep stehend vorbei an den aufgereihten Flugzeugen und den Hunderten von Biertischen, an denen die Gäste vor den zahlreichen Wurst-, Hamburger- und Bierbuden sitzen. Das Publikum hält die Handys in die Höhe und jubelt dem winkenden Air-Force-Veteranen zu, und sogar in einer kleinen anschließenden Pressekonferenz im Tower des Flugplatzes bekommt der betagte Pilot in seiner alten Uniform Applaus.

          Während die Menschen draußen auf dem Rollfeld – im Laufe des Tages sind es schließlich gut 40.000 – weiter Fotos von den Flugzeugen und den Schülern in ihren Uniformen machen, sich von einer Army-band mit Musik aus den Vierzigern unterhalten lassen, moderne Blackhawk-Hubschrauber bestaunen, „echte amerikanische Hamburger“ futtern oder an einem kurzen Gedenkgottesdienst teilnehmen, beantwortet Halvorsen vor den Journalisten routiniert all jene Fragen, die er schon unzählige Male beantwortet hat. Und sagt am Ende einen Satz, der tatsächlich alle im Raum rührt. „Wissen Sie, es sind die kleinen Dinge, die im Leben den Unterschied machen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

          Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

          Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

          Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.