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7. Festival „Literaturm“ : Dies ist deine Zeit

Einige der Autoren, die zu Gast beim Lesefest sein werden: Uwe Tellkamp, Angelika Klüssendorf, Feridun Zaimoglu, Ingo Schulze und Fritz J. Raddatz. Aber auch Hanns-Josef Ortheil, Peter Wawerzinek und Katja Petrowskaja sind dabei. Bild: Kat Menschik

Die Zeit soll Schriftsteller schon immer faszinieren. Dieser Dimension widmet sich auch das 7. Festival „Literaturm“. Unter dem Thema „Literatur und Zeit“ beginnt am Dienstag das Fest mit seinem üppigen Programm.

          Nicole Kidman scheint wieder am Botox gewesen zu sein. Dabei hatte die Schauspielerin dem Schönheitsgift doch eigentlich schon abgeschworen. Aber im Kampf gegen die Zeit ist vielen jedes Mittel recht. Um sich dem Zugriff des erbarmungslosen Gegners zu entziehen, muss man wohl so gelassen sein wie Henry David Thoreau, der sich in seine Hütte an einem kleinen Waldsee in Massachusetts zurückzog und entschied, den Feind nicht länger als Gegner zu begreifen. „Die Zeit“, heißt es bei ihm, „ist nur ein Strom, in dem ich fischen gehe.“

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Macht, die den Menschen in ihrer Gewalt hat, als Kraft, die er seinerseits aber auch zu messen gelernt hat und die er künstlerisch gestalten kann, hat die Zeit Schriftsteller schon immer fasziniert. Sie haben sich dabei im Gegensatz zu ihren Lesern damit auseinanderzusetzen, wie sie am besten von der Zeit erzählen, von ihren Flüchen und von ihren Segnungen, um beim Käufer ihres Buches genau die Wirkung hervorzurufen, die sie erzielen wollen. Wie Schriftsteller schreibend die Wirklichkeit gliedern, wie sie die Erlebnisse, Erinnerungen und Träume ihrer Figuren ordnen oder eigene Zeiterfahrungen festhalten, das zeigt in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet sieben Tage lang das Festival „Literaturm“, das am Dienstag im Kaisersaal des Frankfurter Römer eröffnet wird.

          „Die Zeit, die mit uns spielt“

          „Literatur und Zeit“ lautet kurz und bündig das Thema des Lesefests, das vom Frankfurter Kulturamt alle zwei Jahre ausgerichtet wird, um die Themen und Trends der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kritisch zu sichten. Das umfangreiche Programm des Festivals entfaltet die vielen verschiedenen Bedeutungen, die in der Rede von der Zeit in der Literatur enthalten sind, mit großer Sorgfalt und in zahlreichen Veranstaltungen. Um die Darstellung zeitgenössischer Lebenswirklichkeiten geht es dabei in 40 Lesungen und Gesprächen mit insgesamt rund 90 Mitwirkenden ebenso wie um den Rückblick auf bestimmte Epochen. Aber auch die literarische Darstellbarkeit von Zeitlichkeit überhaupt ist Thema des zum siebten Mal stattfindenden Festivals. Denn schon vor den sprachlichen und erzählerischen Experimenten der literarischen Moderne hat beileibe nicht jeder Roman das, was er zu sagen hat, in einfacher chronologischer Reihenfolge erzählt. Schon Jane Austen spart sich in „Emma“ die Mitteilung, dass Frank Churchill und Jane Fairfax während der gesamten Dauer des Romans verlobt gewesen sind, bis gegen Ende des Buches auf, um mit dieser plötzlichen Enthüllung die Beziehungen zwischen den Figuren sowie die Gefühle der Titelheldin auf einen Schlag in gänzlich neues Licht zu rücken.

          Die Zeit, mit der man spielt, ist neben der Zeit, die mit uns spielt, aber nur eine weitere Facette des abermals von der Frankfurter Literaturreferentin und Festivalleiterin Sonja Vandenrath zusammengestellten Programms. Den literarischen Texten hat sie diverse Diskussionsrunden hinzugesellt, die sich dem Wandel von Zeitkonzepten ebenso widmen wie dem Erzählen von der Zukunft. Denn letztlich ist die Zeit für den Menschen schon immer vor allem eines gewesen: die Zeit, über die man spricht.

          Autoren, Bücher, Gespräche: Die wichtigsten Termine Das Festival wird am 20. Mai um 20 Uhr im Frankfurter Römer eröffnet. Uwe Tellkamp diskutiert im Kaisersaal mit dem Dichter und früheren Hanser-Chef Michael Krüger sowie der Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen über „Figurationen der Zeit“. Für die Lesung von Katja Petrowskaja (21. Mai, Opernturm, 18.30 Uhr) gibt es wie für einige andere Veranstaltungen nur noch wenige Karten. Neben Petrowskaja liest an diesem Tag auch Fritz J. Raddatz (Schauspiel Frankfurt, 19.30 Uhr). Am 22. Mai gibt es im Opernturm von 18.30 Uhr an einen Gedenkabend für den im vorigen November gestorbenen Peter Kurzeck, außerdem sind dort am selben Tag auch der irakische Autor Najem Wali (18.30 Uhr) sowie Peter Wawerzinek und Martin Mosebach (jeweils 20 Uhr) zu Gast. Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch stellt am 23. Mai seinen Roman „Morphin“ vor (Opernturm, 20 Uhr; auch Darmstadt, Schlösschen im Prinz-Emil-Garten, 22. Mai, 20 Uhr). In Frankfurt zeigt das Deutsche Filmmuseum am 23. Mai von 18 Uhr an Filme, die sich mit der Zeitdarstellung im Kino beschäftigen. Bei „Literaturm für junge Leser“ sind am 24. Mai Anke Kuhl und Klaus Kordon zu erleben (Main-Forum der IG Metall, 15 und 17 Uhr). Wie schon vor zwei Jahren gibt es auch Lesungen in Wiesbaden (Hanns-Josef Ortheil, Villa Clementine, 22. Mai, 19.30 Uhr; auch Frankfurt, Opernturm, 21. Mai, 20 Uhr, beide Auftritte sind ausverkauft) und in Kronberg. Im dortigen Schlosshotel sind am 25. Mai von 11.30 Uhr an Ulrike Draesner, von 15 Uhr an Olga Martynova und von 18 Uhr an Uwe Kolbe zu Gast. Draesner unterhält sich am 25. Mai in Frankfurt auch mit dem Hirnforscher Wolf Singer (Goethe-Haus, 18.30 Uhr), am selben Ort spricht Per Leo von 20 Uhr an mit dem Historiker Ulrich Herbert. An den letzten beiden Tagen des Festivals sind außerdem Feridun Zaimoglu (BHF-Bank, 26. Mai, 20 Uhr, ausverkauft; auch Darmstadt, Literaturhaus, 27. Mai, 19 Uhr), Thomas Lehr (27. Mai, Opernturm, 18.30 Uhr), Hans Ulrich Gumbrecht (BHF-Bank, 27. Mai, 20 Uhr) und Jan Wagner (Opernturm, 27. Mai, 20.30 Uhr) zu Gast. Karten und weitere Informationen im Internet unter www.literaturm.de. balk.

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