https://www.faz.net/-gzg-9xpji

60 Jahre Autokino : Lichtspiele mit Heizöfchen

Vorfahrt für Cineasten: Das Autokino Gravenbruch ist das älteste in Deutschland. Bild: Lukas Kreibig

Vor 60 Jahren lief der erste Streifen im Autokino Gravenbruch. Allenfalls dichter Nebel hat das Filmvergnügen seitdem gestört. Doch am Geburtstag bleibt die Leinwand unfreiwillig dunkel.

          2 Min.

          Die Geburtstagsfeier ist abgesagt. „Leider hat es uns nun auch getroffen“, steht seit Wochenbeginn auf der Internetseite des vor ziemlich genau 60 Jahren eröffneten Autokinos Gravenbruch, gleich neben dem roten Warnhinweis „Vorstellungsausfall“. Noch ehe die entsprechenden Vorgaben der Landesregierung publik waren, hatte Theaterleiter Heiko Desch im Gespräch mit dieser Zeitung schon geahnt, dass der Betrieb auf dem Waldparkplatz in Neu-Isenburg „wegen Infektionsgefahr und Corona-Risiko“ wohl bald eingestellt werden müsse. Auf eine Ausnahmegenehmigung konnte man kaum hoffen. Obwohl Besucher, wenn sie sich in dem Drive-in-Autokino bei Frankfurt auf einer der beiden Bildwände einen Film anschauen wollen, den Wagen gar nicht zu verlassen brauchen und sich also quasi in selbstgewählter Quarantäne befinden.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Das besondere Erlebnis, sich ungestört von anderen, im kleinen Kreis und in vertrauter Umgebung einen Kassenschlager anzusehen, hat von Anfang an den Reiz der Autokinos ausgemacht. Deren Erfolgsgeschichte begann im Juni 1933 in Amerika, wo der Fabrikant Richard Hollingshead Junior in seinem Garten in Camden, New Jersey, die Idee für ein Drive-in-Theater in die Tat umsetzte, indem er einen Projektor auf das Dach seines Buick-Automobils stellte. Erst 25 Jahre später, als es auf der anderen Seite des Atlantiks schon mehr als 4000 solcher Freiluftkinos gab, schwappte die Begeisterung für das neue Freizeitangebot nach Europa über.

          60. Geburtstag des Autokinos

          Am 31. März 1960 wurde auf einer 82.000 Quadratmeter großen Waldlichtung am Forsthaus Gravenbruch das erste Autokino Deutschlands eröffnet. Europaweit war es das dritte nach Rom und Madrid. So jedenfalls ist es im Neu-Isenburger Stadtarchiv vermerkt. Dort lässt sich außerdem nachlesen, dass bei der Premiere der Film „Der König und ich“ mit Deborah Kerr und Yul Brynner lief, für den 2,75 Mark Eintritt zu zahlen war.

          In den von Ende März an geplanten Festwochen zu Ehren des Sechzigsten, die nach aktuellen Stand aber wohl ausfallen müssen, sollten laut Desch auf dem Gelände an der A3 wöchentlich wechselnd Kinoklassiker aus sechs Jahrzehnten präsentiert werden. Anfang Mai stand außerdem eine große Geburtstagsfeier mit Live-Musik, Kinderspielangeboten und den heiß begehrten Hamburgern aus der kultigen Snackbar auf dem Programm.

          Coronakrise trifft auch das „Kuschelkino“

          Dass der Mensch gerade in schwierigen Zeiten ein wenig Ablenkung und Entspannung brauche, ist für den Theaterleiter unstrittig. „Sonst gibt es nur Stress und Konflikte in der Familie.“ Ob und inwieweit es aktuell möglich gewesen wäre, das Autokino eventuell unter Auflagen – etwa ohne den Verkauf von Speisen – doch noch geöffnet zu lassen, vermag er selbst nicht abschließend zu beurteilen. Wie zuvor schon am Standort Köln muss das Unternehmen auch in Gravenbruch „wegen Corona“ bis auf weiteres seine drei Festangestellten sowie 25 Aushilfen nach Hause schicken.

          An Spitzentagen werden bis zu 1000 Fahrzeuge zur Kino-Lounge vor den beiden Bildwänden, von denen das größere Modell Filmgenuss auf 540 Quadratmetern verspricht, während die anderen Zuschauer mit einem zehn mal 24 Meter messenden Bildschirm auskommen müssen. Der Ton gelangt auf dem Gelände via Autoradio zum Zuschauer, der sich bei Bedarf noch dazu mit einem Heizöfchen versorgen kann. Rund 80.000 Besucher gönnen sich jährlich den Spaß, ins „Kuschelkino“ zu fahren, um dort wie früher womöglich schon Eltern und Großeltern einen Film auf besondere Art zu genießen.

          Nur dass der Eintritt mittlerweile auf acht Euro pro Person gestiegen ist. Aus nachvollziehbaren Gründen läuft das Geschäft der Autokinos, so sie trotz Fernsehens, Videokanälen und Streaming-Diensten überlebt haben, in der warmen Jahreszeit besser. Dafür müssen die Besucher allerdings akzeptieren, dass die Sonne an manchen Sommertagen erst gegen 22 Uhr untergeht und die Vorführung entsprechend spät beginnt. Regen oder im Winter selbst Schnee sind, solange die Scheibenwischer funktionieren, kein K.-o.-Faktor. Richtig fies wird es für die Zuschauer nur dann, wenn dichter Nebel aufzieht.

          Weitere Themen

          Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

          Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

          Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

          Topmeldungen

          Nichts geht mehr: Schiffsstau vor der Küste und Containerstau im Hafen von Long Beach in Kalifornien

          Chaos in den Lieferketten : Auf See liegen die Nerven blank

          Vor Los Angeles und Long Beach warten rund einhundert Frachter auf ihre Abfertigung - ein neuer Rekord. Die globalen Lieferketten kommen an immer mehr Stellen an ihre Kapazitätsgrenze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.