https://www.faz.net/-gzg-aai5x

Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ : Das Licht der Hoffnung weitertragen

Blick voraus: Zwei lokale Projekte werden mit der Hilfe von Lesern der F.A.Z. gefördert. Bild: Hannah Aders

556.617,75 Euro – so viel haben Sie für die Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ gespendet. Das Geld geht an ein Projekt zur Vorbeugung von Suizid und eine Stiftung, die aufsuchende Therapie anbietet.

          5 Min.

          Er hat sich an so vieles gewöhnt, was sein Beruf als Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum mit sich bringt. Etwa an die vielen Nachfragen oder die manchmal skeptische Haltung, wenn er Menschen beim ersten Kennenlernen von seiner Arbeit erzählt. Als fürchteten sie, er würde direkt in ihre Seele gucken.

          Marie Lisa Kehler
          (mali.), Rhein-Main-Zeitung
          Theresa Weiß
          (weth.), Rhein-Main-Zeitung

          Eine Sache aber nagt auch nach all den Jahre noch an ihm. Die Tatsache, dass ein Großteil der Arbeit, die Andreas Reif und sein Team leisten, unsichtbar bleibt. Er und seine Kollegen setzten sich in Frankfurt intensiv dafür ein, die Zahl der Suizide zu senken. Durch Hilfsangebote, die den Menschen in einer psychischen Notsituation schnell und unbürokratisch zugänglich gemacht werden, durch Aufklärungskampagnen, aber auch durch kleinere Eingriffe in die Umgebung, etwa eine nachträgliche Sicherung von Orten, an denen sich Menschen besonders oft das Leben nehmen. „Der Erfolg der Arbeit bildet sich nur langfristig und in den Statistiken ab“, sagt Reif. Und trotzdem sei jeder Tag es wert, für das Projekt zu kämpfen, das Thema Suizid zu enttabuisieren und Hilfsmöglichkeiten zu zeigen.

          Durch die Spenden der F.A.Z.-Leser kann ein weiteres Angebot hinzukommen. Schon im Mai will Reif eine psychologische Fachkraft abstellen, die in Stadtteilen, in denen besonders viele Suizide und Suizidversuche verzeichnet wurden, den Menschen als Ansprechpartner dient. Für den Projektbeginn hat sich Reif Niederrad, besser gesagt, die Wohngegend Mainfeld herausgesucht. Dort soll ein Beratungsangebot etabliert werden, das die Menschen in Notsituationen schnell und unbürokratisch nutzen können.

          Andreas Reif: Er treibt das Projekt „Loki“ voran.
          Andreas Reif: Er treibt das Projekt „Loki“ voran. : Bild: Hannah Aders

          Der Therapeut an Ort und Stelle soll „einschätzen, ob es sich um eine vorübergehende Krise handelt oder ob da jemand schnell fachliche Hilfe benötigt“, sagt Reif. „Ein kompetenter Lotse“, der den Menschen, die sich oft in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, zur Seite steht und dafür sorgt, dass schnell geholfen wird. „Nicht fehlende Angebote sind das Problem. Aber die Navigation durch das System der Hilfen ist kompliziert“, sagt Reif. Viele Menschen in Krisensituationen hätten nicht mehr die Kraft, sich an unterschiedliche Ansprechpartner, etwa den Hausarzt oder eine Klinik zu wenden. Sie seien in einer akuten psychischen Notsituation nicht mehr in der Verfassung, Wartezeiten auszuhalten. „Schnell und unbürokratisch Hilfestellung bieten – das ist die Idee hinter dem Projekt“, fasst Reif zusammen.

          Die Vorarbeit haben er und sein Team schon in den Jahren zuvor in Kooperation mit dem Gesundheitsamt, verschiedenen Krankenhäusern in der Stadt und der Rechtsmedizin geleistet. In einem aufwendigen Projekt, gefördert durch das Bundesgesundheitsministerium, wurde erstmals eine Datenbasis zusammengetragen, um überhaupt abschätzen zu können, in welchen Stadtteilen es besonders häufig Suizide und Suizidversuche gibt. Letztere werden normalerweise gar nicht statistisch erfasst.

          Das Projekt ist auf mindestens fünf Jahre angelegt

          Auf Grundlage dieser Daten wurde Niederrad als erster Ort für das durch die F.A.Z. geförderte Projekt „Loki“ gewählt. Die Abkürzung steht für „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“. Eine Erweiterung des Projekts auf die Platensiedlung sei denkbar, so Reif. Die gespendete Summe soll zu hundert Prozent in die Stellenfinanzierung der Fachkräfte fließen; das Projekt ist auf mindestens fünf Jahre angelegt. Reif lobt die gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. „Frankfurt hat eine Vorreiterrolle eingenommen, Suizidprävention als kommunales Ziel verankert zu haben.“

          Die Daten für das Jahr 2020 werden gerade ausgewertet. Einen Trend kann der Klinikleiter schon absehen: Die psychische Gesundheit vieler Menschen hat sich in den vergangenen Monaten verschlechtert. „Wir sehen eine zunehmende psychische Belastung der Bevölkerung.“ Die Menschen, die stationär aufgenommen werden, haben laut Reif „schwerere Symptomatiken“ als vor Ausbruch der Pandemie, zudem beobachtet er eine Zunahme der Suchterkrankungen. Außerdem verzeichnen Reif und seine Kollegen einen „Ansturm auf die ambulanten Dienste“.

          Weil er ahnt, dass die psychischen Folgen, die die Pandemie mit sich bringt, weiter zunehmen werden, will er keine Zeit verlieren und schon bald mit dem zusätzlichen Hilfsangebot beginnen. Und zwar dort, wo es laut Statistik am dringendsten gebraucht wird. „Wir wissen aufgrund der Datensammlung, wo es Probleme gibt. Wir machen nicht irgendwo irgendetwas. Man würde ja auch nicht eine Ampel aufstellen, ohne zu analysieren, wo es die meisten Unfälle gibt.“

          Weitere Themen

          Wenn die Freundschaft nicht hält

          Beziehungskolumne : Wenn die Freundschaft nicht hält

          Wenn eine Beziehung zu Ende geht, hat alle Welt Verständnis. Dabei tut es vielen genauso weh, wenn eine Freundschaft auseinandergeht. Über eine andere Art von Kummer. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es“.

          Topmeldungen

          Einsatz in der Pandemie: In Frankfurt nimmt ein Mitarbeiter eines vom DRK betriebenen Corona-Testzentrums einen Rachenabstrich.

          100 Jahre DRK : Vom Sanitätsverein zur Hilfsorganisation

          Sie liefern „Essen auf Rädern“, übernehmen Rettungsfahrten, und führen in der Pandemie Tests auf das Coronavirus durch: Das Deutsche Rote Kreuz feiert an diesem Wochenende sein hundertjähriges Bestehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.