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50.000 Euro spenden : Die Eintracht setzt auf sensible Fans

Der Nebel soll sich lichten: Negative Begleiterscheinung beim Spiel der Eintracht in Düsseldorf. Bild: dpa

Der Zweitligaklub will Randalierer durch eine Spende an die Deutsche Knochenmarkspenderdatei aufrütteln. Die Summe reduziert sich, wenn Bußgeld zu zahlen ist.

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          Der Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden. Um der fortwährenden Fanproblematik Einhalt zu gebieten und Herr zu werden, greifen die Verantwortlichen der Frankfurter Eintracht ab sofort zu einer ungewöhnlichen Taktik. „Wir spenden der Deutschen Knochenmarkspenderdatei bis zum Saisonende 50.000 Euro“, sagte am Mittwoch Klaus Lötzbeier, das für Fanangelegenheiten zuständige Vorstandsmitglied der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Gemeinsam mit Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Finanzvorstand Thomas Pröckl unterstützt Lötzbeier die Idee der beiden Eintracht-Fanbeauftragten Marc Francis und Ben Vogt sowie des für Rechtsfragen zuständigen AG-Mitarbeiters Philipp Reschke. Der Plan: „Wir wollen, dass sich einige Unverbesserliche unter den Fans Gedanken machen und die vernünftigen Leuten aus deren Umfeld sensibilisieren“, sagte Lötzbeier. Sollte es nämlich ab sofort zu weiteren Ausschreitungen kommen, die Strafen durch die Gerichtsbarkeit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nach sich ziehen, würde das entsprechende verhängte finanzielle Strafmaß die Spendensumme von 50000 Euro reduzieren.

          Da der schon im Vorjahr dargelegte „Katalog der Selbstverständlichkeiten“ nicht den gewünschten Erfolg gezeigt habe, greife man nun zu dieser Sensibilisierungsmaßnahme. „Mit dem Geld können bei tausend Menschen Typisierungen vorgenommen werden“, erläuterte Lötzbeier bei einem Pressegespräch in der Eintracht-Geschäftsstelle in der WM-Arena. „Damals wie heute steht für uns der Dialog über allem“, sagte Lötzbeier zu den Beweggründen, der Fanproblematik mit all seinen negativen Begleiterscheinungen wie Pyrotechnik und Gewalt auf intellektuellem Weg beizukommen. „Wir wissen, dass es einen harten Kern gibt. Den haben wir aber mit jeglichen Maßnahmen bisher nicht erreicht. Jetzt wollen wir versuchen, in die Randbereiche zu kommen. Wir hoffen, dass das Themenfeld Knochenmarkspende die Leute rührt“, sagte Lötzbeier.

          „Nach einer Phase der Starre ist nun ein guter Zeitpunkt für Selbstreinigung“

          Eintracht-Vorstandschef Bruchhagen setzt gleichfalls große Hoffnungen in das neue Projekt. „Es ist doch ein Wahnsinn, wenn einer einen Böller wirft, aber alle dafür bestraft werden.“ Aktuellstes Beispiel: Für das Feuerwerk, das einige wenige Frankfurter Chaoten anlässlich des Auswärtsspiels am 13. Februar bei Fortuna Düsseldorf entzündeten, hat der DFB eine drastische Antwort gefunden. Die Partie der Eintracht am 26. März bei Union Berlin findet ohne Frankfurter Fans statt. Abgesehen vom ideellen Schaden, den die fehlende Unterstützung im Stadion an der Alten Försterei anrichten dürfte, lässt sich der materielle Verlust konkret beziffern. Die Eintracht wird Union für das nicht in Anspruch genommene Gästekartenkontingent 25.000 Euro zahlen. Wegen diverser Fanverfehlungen „haben wir in dieser Saison schon 57.000 Euro Strafe gezahlt“, berichtete Reschke. Bruchhagen, Lötzbeier und die beiden hauptamtlichen Fanbeauftragten sind sich einig, „dass wir aus dem Stadion kein Hochsicherheitstrakt machen wollen“. Der Wunsch des Vorstandschefs: „Wer Fußball gern hat, kann kein Täter sein. Wir wollen nur Leute im Stadion haben, die Eintracht gern haben.“ Lötzbeier ergänzte: „Wir wollen nicht versuchen, Räuber und Gendarm zu spielen.“

          Vogt und Francis, die beiden Männer von der Basis, haben bei den vergangenen Auswärtsspielen unterschiedliche Verhaltensmuster der wenigen kriminellen Eintracht-Fans beobachtet. „In Düsseldorf habe ich keinen Selbstreinigungsprozess festgestellt“, sagte Vogt. „Aber es hat sich eine heftige Diskussion entwickelt. Das Entzünden von Pyrotechnik war eine gesteuerte Gesamtinszenierung.“ Bruchhagen sprach von einem „Kollektivvorgang“ mit der Folge des Fanausschlusses in Berlin, „der uns weh tut. Die Fans sind schließlich ein wesentlicher Bestandteil von Eintracht Frankfurt.“ Lötzbeier ist zuversichtlich, durch die nun ergriffenen Maßnahmen der kleinen Minderheit beizukommen. „Die anderen um sie herum sind doch stark genug. Das sind doch alles gestandene Kerle“, sagte der im Ehrenamt als Vizepräsident des Muttervereins Eintracht eng mit der Fanszene verwurzelte Lötzbeier. „Die Leute in der Kurve kennen sich doch. Die müssen an die anderen ran.“

          Auch Vogt ist der Ansicht, dass die nun eingeschlagene Strategie die richtige sei. „Nach einer Phase der Starre ist nun ein guter Zeitpunkt für Selbstreinigung“, sagte er. Rückendeckung erhielt er von Bruchhagen, der an das Spruchband vom „Deutschen Randalemeister 2011“ erinnerte und sagte, „dass unsere Reputation außerhalb Hessens nicht gerade zugenommen hat“. Eine der negativen Begleiterscheinungen: Mit Ausnahme des „Auswärtsspiels“ beim FSV Frankfurt in der heimischen WM-Arena sind alle „richtigen“ Auswärtsspiele vom DFB und der Polizei als sogenannte Risikospiele eingestuft worden. Die 50.000 Euro-Spendenaktion soll zu normalen Verhältnissen führen.

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