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Aktie stürzt nach Insolvenz ab : 3350 Beschäftigte der Modekette Adler hoffen auf Rettung

Die insolvente Modekette Adler hat mehr als 170 Filialen in Europa, die meisten davon in Deutschland. Nun hat sich ein Investor gefunden. Bild: dpa

Knapp ein halbes Jahr nach dem Insolvenzantrag hat einer der größten Textilhändler der Republik offenbar einen Investor gefunden. Dennoch stürzt der Aktienkurs der Modemarke Adler aus Haibach auf Pennystock-Niveau ab.

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          Der Logistikkonzern Zeitfracht aus Berlin bestätigte der F.A.Z., dass er ein „unwiderrufliches Angebot“ für eine Investorenvereinbarung mit der Adler Modemärkte AG aus Haibach bei Aschaffenburg abgegeben hat. Am Montagabend hatte die Modekette, die an der Börse notiert ist, in einer Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht, dass es Gespräche mit dem Konzern gebe.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Normalerweise erfreut solche eine Mitteilung die Börsianer, doch nach zuletzt knapp 1,30 Euro wird eine Aktie derzeit nur noch für rund 27 Cent gehandelt – 2014 stand sie noch bei rund 14 Euro.

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          Der Grund dafür dürfte die Art der geplanten Übernahme sein. In einem ersten Schritt soll im Zuge des Insolvenzplans das Grundkapital auf Null Euro gesenkt und das Unternehmen von der Börse genommen werden, alle derzeitigen Aktien würden damit wertlos. Danach soll Zeitfracht neues Kapital zuschießen und alleiniger Eigner werden. Dem Vorhaben muss noch die Gläubigerversammlung zustimmen, dies soll Ende Juli geschehen. Haupteigner von Adler ist das zuvor bereits insolvente Textilunternehmen Steilmann aus Nordrhein-Westfalen.

          Scharfe Kritik an Bund und Freistaat Bayern

          Adler beschäftigt europaweit 3350 Mitarbeiter in 171 Filialen, etwa in Frankfurt-Griesheim, im Hessen-Center, in Rüsselsheim, in Wiesbaden und in Weiterstadt. Der Umsatz lag 2019 knapp unter 500 Millionen Euro. Der Adler-Vorstand meinte, das Unternehmen sei „ohne eigenes Verschulden“ in Folge des Corona-Lockdowns in finanzielle Nöte geraten, auch Gewerkschafter von Verdi bezeichneten die Kette als „gesunde Firma“. Mit einem Antrag auf Insolvenz in Eigenregie im Januar hat das Management versucht, das Unternehmen zu sanieren, zum Beispiel durch eine Neuverhandlung der Mieten für die Filialen. Bei dieser Form der Insolvenz bleibt die bisherige Geschäftsführung im Amt, ihr wurde der Münchner Insolvenzanwalt Christian Gerloff als Sachwalter zur Seite gestellt, der zuvor etwa die strauchelnden Modeketten Gerry Weber und Rudolf Wöhrl betreut hatte.

          Im Frühjahr hatte Adler einen Überbrückungskredit in Höhe von zehn Millionen Euro beim Wirtschaftsstabilisierungsfonds beantragt. Als dieser nicht zustande kam, attackierten Adler-Chef Thomas Freude und Gerloff Anfang Mai öffentlich den Bund und die bayerische Landesregierung. Von „Blockadehaltung“ war damals die Rede. Dass Unternehmer und Insolvenzanwälte den Staat derart kritisieren, war aufsehenerregend. Kurz darauf erhielt Adler einen Kredit über 69 Millionen Euro, für den die Länder Nordrhein-Westfalen und Bayern gebürgt haben.

          Investor ist Spediteur und Buchgroßhändler

          Schon seit der Jahrtausendwende war der Adler-Umsatz um ein Fünftel gesunken, das Durchschnittsalter der Kunden lag bei 62 Jahren. Ein Grund dafür: Nur ein geringer Teil der Ware wird über das Internet verkauft. Hauptumsatzbringer waren die Filialen. Diese mussten jedoch von Mitte Dezember 2020 an, wie alle anderen Läden, wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen schließen.

          Zeitfracht hat bislang wenig Erfahrung mit Modeunternehmen. Der 94 Jahre alte Konzern mit weltweit 3700 Beschäftigten ist vor allem als Spediteur tätig, das Unternehmen war Mitgründer des Paketdienstes DPD. Zudem setzt der Konzern mit einigen seiner Tochterunternehmen auf das Buchgeschäft: KNV ist Deutschlands größter Buchgroßhändler, das Unternehmen Buchpartner beliefert vom Logistikzentrum in Darmstadt aus viele Buchläden, und Vemag füllt die Buchregale in zahlreichen Supermärkten und Drogeriemärkten.

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