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Demos von Flughafengegnern : „Jubiläum kein Grund zur Freude“

  • -Aktualisiert am

Protest mit Musik: Eine Mainzer Fastnachts-Kapelle intonierte gestern Abend die 300. Montagsdemo am Flughafen. Bild: Helmut Fricke

Rund Tausend Gegner des Flughafenausbaus versammelten sich am Montagabend zur 300. Demonstration in Frankfurt. Obwohl mit Tarek Al-Wazir ein früherer Ausbaugegner seit Jahren Verkehrsminister in Hessen ist, sehen sie nur wenige ihrer Forderungen umgesetzt.

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          Wie gewohnt mit Trillerpfeifen und Trommeln haben die Gegner des Ausbaus des Frankfurter Flughafens ihre 300. „Montagsdemonstration“ begangen. Nach Angaben des Bündnisses der mehr als 80 Bürgerinitiativen kamen deutlich mehr als 1000 Teilnehmer aus dem Umfeld des Flughafens ins Terminal 1. Zwischendurch hatte der Veranstalter deren Zahl sogar auf 2000 geschätzt; die Polizei kam auf knapp 900.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die erste Protestaktion an dieser Stätte hatte Mitte November 2011 stattgefunden, drei Wochen, nachdem die Landebahn Nordwest in Betrieb genommen wurde.

          Ein Armutszeugnis und eine Fastnachtskapelle

          Auf den Plakaten wurden abermals die Belastungen der Menschen durch Fluglärm und Emissionen wie Feinstaub sowie die Gefahren durch Wirbelschleppen angeprangert. Aber auch Aufschriften wie „Nichtflieger seit 1984“, „Flugscham jetzt“ oder „Nur Kurzdenker fliegen Kurzstrecken“ waren zu lesen. Gruppen unter anderem aus Nierstein, Rüsselsheim, Mainz, Flörsheim und Hanau gaben sich zu erkennen. Mainz hatte, passend zum Start dieser Kampagne, zudem eine Fastnachtskapelle geschickt.

          Wolfgang Häubner, Mitorganisator der Demonstration, sagte, der Betreiber des Flughafens, die Fraport AG, habe gehofft, „wir würden nicht so lange durchhalten, aber den Gefallen tun wir ihnen nicht“. Das Jubiläum sei aber kein Grund zur Freude – es sei vielmehr ein Armutszeugnis der Politik, der Luftfahrtindustrie und Fraports. Er kritisierte explizit Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen), weil er in Frankfurt den Billigflugverkehr genehmigt habe.

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          Unterstützung durch den Verkehrsminister?

          Al-Wazir, der nicht am Versammlungsort war, äußerte sich in einer Stellungnahme anerkennend zu dem langfristigen Engagement der Bürgerinitiativen. Letztendlich verfolge die Landesregierung dasselbe Ziel, nämlich Verkehrslärm zu verringern, der die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen belaste. Daher müsse Lärmschutz einen noch höheren Stellenwert bekommen. Der Minister verwies auf Verbesserungen wie die „Lärmpausen“, bei denen Landebahnen in bestimmten Zeiten zur Entlastung der Anwohner in den Einflugschneisen nicht genutzt werden oder die Einführung einer Lärmobergrenze. Sie soll sicher stellen, dass das Gebiet im Umfeld des Flughafens, in dem die Anwohner besonders stark durch Lärm belastet werden, deutlich kleiner wird als es sich nach ursprünglichen Plänen zum Ausbau des Flughafens abgezeichnet hatte. Seitens Fraport hieß es, das Unternehmen nehme seine Verantwortung für den passiven und aktiven Schallschutz im Umland des Flughafens sehr ernst. Das Thema Lärmemission sei auch in Zukunft „ganz weit oben auf der Agenda“.

          Thomas Scheffler, Sprecher der Bürgerinitiativen, sagte dieser Zeitung, teilweise seien die Initiativen des Ministers zu loben, andere nicht. Was etwa die Lärmobergrenze angehe, sei sie so gestaltet, dass sie dem Flughafen und den Fluggesellschaften nicht weh tue. Auch habe Al-Wazir sein früheres Versprechen gebrochen, mit ihm als Minister werde das dritte Terminal nicht gebaut.

          Groß-Geraus Landrat Thomas Will (SPD) sagte vor den Demonstranten, man müsse „Widerstand leisten für künftige Generationen“. Man fordere nicht zu viel, etwa bei der Erweiterung des Nachtflugverbots um zwei Stunden. Ansonsten werde die Region, in der 300.000 Menschen unter Fluglärm litten, unbewohnbar.

          Demonstrationen bleiben notwendig

          Der Kabarettist Lars Reichow nannte die Ausdauer des Protests bewundernswert und fügte an: „Ihr seid das Beste, was hier am Flughafen herum läuft“. Während der Preis für die Umwelt steige, sitze in den Verkehrsministerien „eine Pfeife nach der nächsten“. Vertreter der neuen Kampagne „Deutschland-fliegt-nicht“ nutzte die Gelegenheit, ihr „Nix-tun-Sofa“ zu enthüllen. Die Aktion soll bewirken, dass möglichst viele auf Inlandsflüge verzichten.

          Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Janine Wissler, die sich unter die Demonstranten mischte, äußerte, leider habe die Regierungsbeteiligung der Grünen an der Situation der betroffenen Menschen nichts geändert. Denn Verkehrsminister Al-Wazir wolle sich nicht mit der Luftverkehrswirtschaft und dem Koalitionspartner CDU anlegen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland in Hessen gratulierte dem Bündnis der Bürgerinitiativen zur 300. Montagsdemo. Diese sei der sichtbare Beweis dafür, wie stark viele Bürger den Fluglärm und die Umweltzerstörung durch die Luftfahrt ablehnten, heißt es in einer Mitteilung.

          Laut Bürgerinitiativen-Sprecher Scheffler werden die Demonstrationen bis Ende des Jahres fortgesetzt. Demnächst werde man weitere bis Mitte 2020 anmelden. Das gehe so lange weiter, „so lange jemand kommt und sagt, ich will demonstrieren“.

          Zunahme der Umweltbelastung befürchtet

          Derzeit fertigt der Frankfurter Flughafen jährlich rund 70 Millionen Passagiere und mehr als zwei Millionen Tonnen Fracht ab – und ist somit der größte Flughafen Deutschlands. Im vergangenen Jahr zählte der Flughafenbetreiber Fraport insgesamt 512.000 An- und Abflüge. Das entspricht rund 1400 am Tag. Die Passagierzahl hat sich seit 1994 fast verdoppelt.

          Um noch mehr Flugreisende abfertigen zu können, baut Fraport aktuell auf einer ehemaligen US-Militärbasis im Süden am neuen Terminal 3. Es soll früheren Angaben zufolge zunächst eine Kapazität für bis zu 14 Millionen Passagiere jährlich bieten und um die drei Milliarden Euro kosten. Im April dieses Jahres wurde der Grundstein dazu gelegt. Die Demonstranten befürchten dadurch eine Zunahme der Umwelt- und Lärmbelastung.

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