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28 Millionen Euro für Wiederaufbau : Kassels Löwenburg bekommt ihren Turm wieder

  • -Aktualisiert am

Phantasiegebilde: Landgraf Wilhelm IX. hat die Löwenburg Ende des 18. Jahrhunderts als Lustschloss auf der Kasseler Wilhelmshöhe errichten lassen. Bild: dpa

Der im Krieg zerstörte Bergfried soll bis 2018 wieder aufgebaut werden. Das Land will dafür gut 28 Millionen Euro bereitstellen.

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          Der Umgang Hessens mit seinem historischen Erbe insbesondere in der Residenzstadt Kassel ist bemerkenswert. Über Jahrzehnte wurde diskutiert, ob das Schloss auf der Wilhelmshöhe oder die Orangerie in der Karlsaue nach den Zerstörungen im Krieg überhaupt wieder aufzubauen seien. Sogar der Abriss der Neuen Galerie an der Schönen Aussicht wurde erwogen, denn das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es. Später unterblieben über lange Zeit wichtige Sanierungsarbeiten am Schloss Wilhelmshöhe mit seiner berühmten Sammlung Alter Meister, und noch immer liegt der Bergfried der Löwenburg in Trümmern - beinahe 70 Jahre nach Kriegsende.

          In den vergangenen Jahren aber kam vieles in Gang. Das Schloss Wilhelmshöhe und die Neue Galerie wurden saniert, das Land investiert zwar über eine lange Zeit, aber auch in Krisenzeiten wie in den Jahren 2008 und 2009 unverdrossen insgesamt 200 Millionen Euro in die Kasseler Parklandschaft. Unter Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) gelang dank einer perfekten, immer wieder selbstkritisch reflektierten Vorbereitung die Aufnahme des Herkules und seiner Wasserspiele in das Weltkulturerbe der Unesco. Nun geht auch der Wiederaufbau der Löwenburg erkennbar voran. Bis zum Jahr 2018 soll die Burg, das erste Phantasieschloss und eines der bedeutendsten Baudenkmale der Neogotik in Deutschland, für 28,1 Millionen Euro originalgetreu rekonstruiert werden und damit auch seinen Bergfried zurückerhalten.

          Irrgarten für Verliebte

          Landgraf WilhelmIX. hatte die Anlage Ende des 18. Jahrhunderts als Lustschloss im Stil einer pseudomittelalterlichen Burg errichten lassen. Die Löwenburg steht am Rande einer sanft gewellten Weidelandschaft einerseits und an der Kante zu einem schroff abfallenden Berg andererseits. Dieser Kontrast zwischen sanft und schroff, hell und dunkel, Harmonie und Schrecken ist typisch für den Park und findet seinen stärksten Ausdruck an Orten wie der Löwenburg. Denn sie wurde schon als teilweise zerstört errichtet.

          Mit ihr wurde der Moment ihrer Zerstörung gleichsam technisch reproduzierbar festgehalten. Denn ursprünglich sollte die Burg mit einem Wasserzufluss versehen werden, um im fiktiven Moment, da die Befestigungsanlage talseitig getroffen wird, das Wasser - durch das Öffnen eines Schiebers - aus dem Burggraben durch eine Schlucht ins Tal stürzen zu lassen. So weit ist es zwar nicht gekommen, aber auch ohne Wasserfall ist die Burg mit ihrem mittelalterlichen Mini-Turnierplatz für Ritter zu Pferde und dem überschaubaren Irrgarten für Verliebte hochromantisch.

          „Glücklicher Tag“

          Der Landgraf hatte in der Burg seine Mätresse samt Hofstaat einziehen lassen und bestimmte die Burgkapelle zu seiner Grablege. Der arme Mann, der in einer Ritterrüstung für den Ritternarren unter den Landgrafen Wache an dessen Grab gehalten hatte, soll anschließend einer Lungenentzündung zum Opfer gefallen sein, wie berichtet wird.

          Kühne-Hörmann lud ein zur Begegnung mit Steinmetzen, Restauratoren und Denkmalpflegern und sprach von einem „glücklichen Tag“, was für sie, die die Wilhelmshöhe seit den Sonntagsausflügen der Kindertage kennt, keine Floskel ist. Wandteppiche galt es in einer stundenlangen Prozedur abzunehmen und zu reinigen, Leuchter hängend und pendelsicher in jeweils einzeln gefertigten Holzkisten zu verpacken, Gemälde in Pappkartons in Folie zu verschweißen, das Leben in möglicherweise von Schädlingen befallenen Objekten in mit Stickstoff gefüllten Zelten zu ersticken und alles, was wertvoll ist, ins Depot zu verlagern, um schließlich die Einbauten aus der Nachkriegszeit zu entfernen. Die Fachleute kommen hörbar aus Halle und Dresden, zu dem Kassel sich historisch und idiomatisch auch zugehörig fühlen darf.

          „Schöner als je zuvor“

          Es wird möglich sein, die Löwenburg in den ursprünglichen Zustand des landgräflichen Schlosses zurückzuversetzen, denn das Inventar aus dieser Epoche ist noch zu mehr als 80Prozent vorhanden, da es im Krieg ausgelagert worden war. Das älteste erhaltene Stück stammt von 1816.

          Sukzessive entsteht auch der Bergfried Stockwerk um Stockwerk in den nächsten Jahren neu. Der behutsame Wiederaufbau über einen langen Zeitraum ist aus statischen Gründen notwendig, um Schäden am Bauwerk zu vermeiden. Weil es an Tuffstein in den nordhessischen Steinbrüchen fehlt, wird dieser mit modernen Mitteln als Kunststein hergestellt.

          Der Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, Bernd Küster, versprach, „das versehrte Wahrzeichen der Stadt wiederherzustellen und das in einer Exaktheit, wie es für ein Bauwerk dieser Zeit unglaublich ist“. Es werde „schöner als je zuvor“, versprach er und fügte hinzu, er wisse, dass man das „eigentlich nicht sagen sollte“. Die Tatsache, dass die Wilhelmshöhe Welterbe sei, bedeute eine neue Qualität und neue Verantwortung.

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