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250. Geburtstag : Beethoven hätte Wein aus dem Rheingau getrunken

Weine aus dem Rheingau: Blick auf Weinberge und den Rhein Bild: Jana Mai

Auch auf dem Sofa lässt sich das Beethovenjahr gut feiern. Aus dem Rheingau kommt der passende Wein zur Musik. Doch er bleibt vielleicht ein Ladenhüter.

          2 Min.

          Ausgerechnet im Beethovenjahr kommt das Coronavirus und lähmt die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Komponisten. Dabei war der Veranstaltungskalender prall gefüllt. Auf volle Konzertsäle und das Live-Erlebnis müssen die Klassik-Freunde seit Mitte März verzichten. Ihnen bleibt nur, zu Hause Schallplatten und CDs mit der Musik des Komponisten abzuspielen, die „Neunte“ aus dem Internet zu streamen oder sie im Radio zu hören. Der Weingenuss zum Hörerlebnis kommt aus dem Rheingau.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dass zu bedeutenden Jubiläen oder Großveranstaltungen eigene Weineditionen aufgelegt werden, ist keine Besonderheit. Der Wein hat dann meist wenig mit dem Ereignis selbst zu tun und ist nicht selten von mäßiger Qualität. Bei den Beethoven-Weinen aus dem Rheingau ist das anders. Denn Franz Gerhard Wegeler, den Großvater des Gründers der renommierten, im Rheingau und an der Mosel beheimateten Weingüter Wegeler, verband eine Freundschaft mit Ludwig van Beethoven, die auch im Jubiläumsjahr noch Früchte trägt.

          Freundschaft zwischen Beethoven und einem Winzer

          Der heutige Weingutbesitzer Tom Drieseberg verweist auf eine Erzählung im 1921 erschienen Beethoven-Buch „Furioso“. Danach haben sich beide im Juni 1785 bei einem Ausflug auf den Großen Ölberg, der höchsten Erhebung im Siebengebirge, kennengelernt, wo sie von einem Gewitter überrascht wurden. Auf dem Rückweg fanden sie völlig durchnässt im Kloster Heisterbach Aufnahme. Dort soll der junge Beethoven zum Dank die Orgel eindrucksvoll gespielt haben. Es war der Beginn einer langen Freundschaft zwischen dem Winzer Wegeler und Beethoven.

          Im Bonner Haus der Familie von Breuning, in das Wegeler seinen Freund Ludwig eingeführt hatte, verbrachten sie viele Stunden – zusammen mit der von beiden verehrten Tochter des Hauses Eleonore. Eine Freundschaft, die weiter bestand, nachdem Franz Gerhard Wegeler Eleonore geheiratet hatte. Es gab wechselseitige Besuche in Bonn und Wien, wo Beethoven 1805 seine einzige Oper „Leonore“ komponierte, die später in „Fidelio“ umbenannt wurde.

          Mit Zitat: das Etikett einer der Sondereditionen
          Mit Zitat: das Etikett einer der Sondereditionen : Bild: Weingüter Wegeler

          „Alten Rhein- oder Moselwein“ ans Sterbebett

          Ein Briefwechsel legt Zeugnis ab von der engen Freundschaft der beiden Männer. Laut Drieseberg sind Briefe von Beethoven aus den Jahren 1797, 1801, 1807, 1810, 1816, 1826 und aus seinem Sterbejahr 1827 erhalten, in denen er seinem Freund Wegeler sein Gehörproblem anvertraute und in offenen Worten von Selbstmordgedanken schrieb. Vom Sterbetag Beethovens wird berichtet, dass der bei seinem Verleger in Mainz angeforderte „alte Rhein- oder Moselwein“, ein 1806er Rüdesheimer Bergwein, an sein Bett gestellt wurde.

          Wegeler veröffentlichte 1838 die erste Beethoven-Biographie. Anja Wegeler-Drieseberg, die heute gemeinsam mit ihrem Mann Tom die Weingüter Wegeler leitet, ist eine direkte Nachfahrin von Eleonore von Breuning.

          Gute Lautsprecher und ein Weinglas

          Mit der Ausrichtung des offiziellen Beethovenjahrs wurde die Bonner Stiftung Beethoven-Haus betraut, die zum Jubiläum mit Partnern eigens eine Tochtergesellschaft gegründet hat. Zur Vermarktung wurde die Beethoven Jubiläums Gesellschaft mit Sitz in Bonn gegründet. Mit den Weingütern Wegeler wurde eine exklusive Vereinbarung über die fünf offiziellen „Beethoven Weine“ getroffen, die unter dem Signet des Jubiläumsjahres „BTHVN 2020“ vermarktet werden. Doch nicht nur im Bonner Beethoven-Haus kann die Weine derzeit niemand kaufen.

          Drieseberg muss sich darauf einstellen, dass die sorgsam ausgewählten Beethoven-Weine, deren Sonderetiketten bekannte Ausrufe aus den Sinfonien zitieren, Ladenhüter bleiben. Mehr als 700 offizielle Veranstaltungen waren zuletzt bundesweit geplant, allein 300 in Bonn, dazu viele Hauskonzerte überall in Deutschland. Doch auf absehbare Zeit sind alle Konzerte und Ausstellungen abgesagt. Um Beethoven zu genießen, genügen freilich ein guter Lautsprecher und ein Weinglas.

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