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25.Todestag Alfred Herrhausens : Die Mörder sind bis heute nicht gefasst

Schreckensbild: das Fahrzeug, in dem Alfred Herrhausen vor 25 Jahren ums Leben kam Bild: Sven Simon

Stilles Gedenken an den mörderischen Explosionsknall: Vor 25 Jahren wurde der Ausnahmebankier Alfred Herrhausen in Bad Homburg ermordet. Die Taunusidylle verlor ihre Unschuld.

          Frische Frühlingsblumen kurz vor dem ersten Advent sind erklärungsbedürftig. Erst recht, wenn sie direkt am Schulweg liegen. Deswegen macht Heike Zinke, Leiterin des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums, am letzten Novembertag manchmal eine Durchsage. Sie erklärt, warum der 30. November 1989 für die Schule kein Tag wie jeder andere ist. Der Tag, an dem Alfred Herrhausen einen Steinwurf entfernt ermordet worden ist. Dass deshalb die Lieblingsblumen des Vorstandssprechers der Deutschen Bank an den Basaltstelen am Seedammweg liegen, dem Mahnmal für das Attentat.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          An diesem Sonntag ist es 25 Jahre her, dass Terroristen mit ausgefeilter Technik hochpräzise eine Bombe im Bad Homburger Kurbezirk gezündet haben. Für sie war Herrhausen der Repräsentant eines von ihnen bekämpften Systems. Für das Kaiserin-Friedrich-Gymnasium ist er der Vater einer ehemaligen Mitschülerin - Herrhausens Tochter Anna, die damals in die sechste Klasse ging.

          Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit. Das Attentat ist Teil der Historie geworden. Unterrichtsthema im Fach Geschichte, zumindest am KFG, wie die Schule kurz genannt wird. Die Geschichts-AG hat sich vor vier Jahren, als Herrhausen 80 geworden wäre, intensiv mit seinem Leben befasst und eine Podiumsdiskussion mit seiner Frau Traudl Herrhausen veranstaltet. Noch lassen sich dazu Zeitzeugen befragen. Aber die meisten der damaligen Lehrer sind im Ruhestand, die Politiker längst nicht mehr im Amt. Vor wenigen Tagen ist der ehemalige Hausmeister des KFG gestorben, eine Institution an der Schule. Was er damals erlebt hatte, fand sich am Tag darauf in dieser Zeitung wieder, auch später ist er häufig zitiert worden.

          Hausmeister sah den zerfetzten Mercedes als erster

          Die Detonation am Morgen dieses klaren Spätherbsttages war im ganzen Stadtgebiet zu hören. Erst recht in dem kaum 100 Meter entfernten Gymnasium, wo die erste Schulstunde dem Ende zuging. Der Hausmeister lief den Seedammweg herunter, aus dessen Richtung der Knall gekommen war. Für viele Ohrenzeugen auch kommen musste, denn dort liegen das Seedammbad mit seinen Gasanschlüssen und die Taunus-Therme. Die hatte doch sechs Jahre zuvor schon einmal gebrannt.

          Noch vor der Polizei kam der Hausmeister am Ort der Explosion an und sah den zerfetzten Mercedes, der mit aufgerissenen Seitentüren quer zur Straße stand. Im Fond saß Alfred Herrhausen, von einem Metallsplitter der gepanzerten Tür getroffen, die ihn hatte schützen sollen. Im Wartehäuschen der Bushaltestelle sah er einen blutüberströmten Mann, Herrhausens Fahrer Jakob Nix, der schwerverletzt überlebte. Abgerissene Äste lagen umher. Als einige Schüler zum Tatort gelaufen kamen, scheuchte der Hausmeister sie zurück. Er wollte ihnen den Anblick ersparen. Und er dachte mit Schrecken an die vielen Kinder und Jugendlichen, die sonst genau an dieser Bushaltestelle aussteigen, um zum Schwimmunterricht im Seedammbad zu gehen.

          Mordopfer Alfred Herrhausen, aufgenommen am 22. Juli 1987

          Die Täter hatten es jedoch auf den Vorstand der größten deutschen Bank abgesehen, obwohl - oder gerade - weil er in vielem dem Bild des kalten Kapitalisten nicht entsprach. Das fing bei seiner Herkunft aus Essen an, wo er als Sohn eines Vermessungsingenieurs der Ruhrgas AG aufwuchs. Durch den Einfluss eines katholischen Geistlichen wollte er eigentlich Philosophie studieren und geriet nur wegen der überfüllten Fakultät an die Wirtschaftswissenschaften. Herrhausen wurde Diplomkaufmann, stieg in den Vorstand der Vereinigen Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) auf und wurde als Seiteneinsteiger von Friedrich Wilhelm Christians zur Deutschen Bank geholt. Dort gehörte er schließlich dem Vorstand an und war von 1988 an alleiniger Sprecher.

          Als einer von drei Moderatoren entwickelte Herrhausen in den achtziger Jahren ein Konzept zur Sanierung der Stahlindustrie, er brachte die Deutsche Bank an den Finanzplatz London und betrieb ihre internationale Expansion. Herrhausen bekannte sich zu Macht und Einfluss der Banken, verlangte deshalb aber zugleich Antworten auf Fragen der Wirtschaftsethik. In einem Festvortrag sagte er: „Wir brauchen Glasnost für den Kapitalismus.“ Mit seiner Forderung nach einem Schuldenerlass für die Entwicklungsländer sorgte er 1987 für Schlagzeilen. Sein ebenso scharfer wie kritischer Geist, seine Liebe zur Philosophie und das Nachdenken über die eigene Rolle ließen den terroristischen Anschlag für Menschen, die ihn kannten, wie den damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Assmann (CDU), so unverständlich und schmerzhaft erscheinen.

          Bei allem zeitlichen Abstand ist das Geschehen den Bad Homburgern noch immer präsent. Wer es nicht selbst erlebt hat, kennt doch die in den Berichten genannten Straßen und Plätze. Wochenlang müssen die Täter das Attentat am Rand des Kurparks vorbereitet haben. Die Rinne für das Kabel, mit dem die sieben Kilogramm TNT gezündet wurden, schlugen sie in den Asphalt des Bürgersteigs. Arbeiter entfernten das Kabel zwischendurch nichtsahnend, die Terroristen erneuerten es. Eine Lichtschranke löste die Bombe aus, die auf einem Jugendfahrrad befestigt war. Mit Hilfe einer Kupferplatte wurde die Sprengkraft gezielt auf den gepanzerten Wagen gelenkt.

          Die Täter, die der sogenannten dritten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) zugerechnet werden, sind bis heute nicht gefasst worden. Auch neuere Untersuchungen mit modernen Methoden, etwa die Suche nach DNA-Spuren, blieben ergebnislos. Ein „Kommando Wolfgang Beer“ bekannte sich nach der Tat zu dem Anschlag. Für die Bad Homburger zerstörte er das Gefühl der Geborgenheit und den Frieden dieser Stadt, wie Oberbürgermeister Assmann eine Woche danach bei einer Gedenkfeier vor 1000 Menschen sagte. Des Jahrestags wird seither, in Absprache mit der Familie, nur noch still gedacht. Oberbürgermeister Michael Korwisi (Die Grünen) und Stadtverordnetenvorsteher Holger Fritzel (NHU) legen an diesem Sonntag ein Gesteck an der Stelle nieder, an der am Seedammweg drei Basaltstelen den Ort des Attentats markieren. Und an denen im Spätherbst Frühlingsblumen liegen.

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