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25 Jahre Mauerfall : Ohne den Osten wäre Hassia nur halb so erfolgreich

Seit 2005 ein Hassia-Produkt: die Kultmarke des Ostens, Vita-Cola. Bild: dapd

Der Mineralquellen-Betreiber Hassia hat bald nach dem Mauerfall einen Brunnen nahe Chemnitz übernommen. Nicht nur wegen des wirtschaftlichen Erfolgs denkt Hassia-Chef Dirk Hinkel gerne an die Aufbaujahre in Sachsen zurück.

          Welche Zeit wohl die ereignisreichste seines Lebens gewesen ist? Für die Antwort muss Hassia-Chef Dirk Hinkel nicht lange nachdenken. Es waren die Jahre 1995 bis 1997, wie der geschäftsführende Gesellschafter des Bad Vilbeler Familienunternehmens sagt. In jenen Tagen profilierte er sich nicht nur erstmals als Mann an der Spitze eines Mineralwasser-Vertriebs. Er bereiste auch den ihm bis dahin unbekannten Osten Deutschlands, der sich mittlerweile zu einer wichtigen Absatzregion für die Hassia-Gruppe gemausert hat. Und: „Es sind auch Freundschaften zu Mitarbeitern wie zu Kunden entstanden.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Dirk Hinkel 1995 seine Stelle als Verkaufsleiter der Lichtenauer Mineralquellen nahe Chemnitz antrat, kam er nicht als Neuling. Vielmehr hatte er schon seine ersten Erfahrungen in dieser sächsischen Gemeinde gesammelt. Nur wenige Monate nach der Grenzöffnung hatte Hassia erste Vertriebsbande mit dem örtlichen Brunnenbetreiber geknüpft. „Damals gab es dort eine irre Nachfrage nach Getränken mit hohem Saftanteil“, erinnert sich Hinkel. Und weil es weder wirtschaftlich sinnvoll noch ökologisch vertretbar war, dauerhaft Nektar und Limonaden aus der Wetterau nach Sachsen zu fahren, übernahmen die Bad Vilbeler bald den Betrieb, zu dem auch eine kleine Produktion gehörte.

          Unkomplizierte Behörden halfen

          Das war im Sommer 1990. Doch mit der Übernahme war Hassia in Lichtenau nicht wirklich aus dem Schneider. „Die Produktion war zerfallen, ich bin dort nur mit Bauhelm hinein, weil die Brocken von der Decke fielen“, erzählt Dirk Hinkel, der damals noch Student war. Gemeinsam mit seinem Vater Günter Hinkel, dem Seniorchef, begab er sich deshalb auf die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft für einen neuen Brunnenbetrieb. „In einem Auengebiet fanden wir eine schöne gerade Fläche.“

          Vater und Sohn kamen die Vorarbeiten aus DDR-Zeiten zupass. „Dort hatte man schon neue Mineralquellen erbohrt, war aber nicht richtig vorangekommen - darauf haben wir aufgesetzt und noch weitere Quellen erschlossen.“ Innerhalb von neun Monaten habe Hassia einen völlig neuen Brunnenbetrieb hochgezogen, in Rekordzeit. Die Behörden hätten sich als unkompliziert erwiesen. „Die Leute wollten, dass etwas entsteht.“

          „Reines Abenteuer“ in Sachsen

          Das hat er nach eigenen Worten auch im Betrieb gespürt. Die Mitarbeiter seien extrem offen, lernbegierig und engagiert gewesen. Hinkel schwärmt geradezu von der „Top-Belegschaft“ in Lichtenau und besonders von den Schlossern. „Die konnten alles reparieren“ - in der Mangelwirtschaft der DDR hatten sie das gelernt. „Und auf die neuen Maschinen haben sie aufgepasst wie auf ihr neues eigenes Auto.“ Andererseits seien die Beschäftigten noch vom alten sozialistischen System geprägt gewesen - unter ihnen ein früherer hoher Offizier der DDR-Marine, ein Pilot der Nationalen Volksarmee oder auch ein leitender Mitarbeiter des ehemaligen „volkseigenen“ Vorzeigekombinats Robotron, das Computer herstellte. Sie, die nun Mineralwasser vertreiben sollten, haben alle Aussagen wörtlich genommen und Aufträge ohne weitere Diskussion ausgeführt, wie Hinkel berichtet. „Da ich gerne ironische Bemerkungen mache, musste ich öfter sagen: Aber das war doch nicht so ernst gemeint.“

          Im Rückblick auf die gut zwei Jahre in Lichtenau erinnert sich der Hassia-Chef besonders an die Aufbruchstimmung, die prägend gewesen sei. „Da haben wir uns vorgestellt: So muss es in den fünfziger Jahren bei uns im Westen gewesen sein.“ Die Kooperation mit kaufmännisch genau arbeitenden Jungunternehmern habe er als toll empfunden. Demgegenüber war sein erster Aufenthalt in Sachsen ein „reines Abenteuer“. Er wohnte bei einem Mitarbeiter auf einem Bauernhof und schlief in einen „Nebenkämmerchen“. Sämtliche Hotels in der Gegend seien damals mit Glücksrittern aus dem Westen voll belegt gewesen - auch solchen Leuten, mit denen Ostdeutsche keine guten Erfahrungen machten, wie Hinkel sagt.

          Lichtenau macht Hälfte des Umsatzes

          Kein Abenteuer, aber ein Wagnis war die Investition in den neuen Brunnenbetrieb. Hassia hat 50 Millionen Mark, das sind umgerechnet 25,5 Millionen Euro, in Lichtenau in Bau und Anlagen gesteckt. Und war laut Hinkel der erste Investor, der in Chemnitz einen Antrag auf staatliche Investitionshilfe stellte. „Wenn das schiefgegangen wäre, hätten wir auch in Bad Vilbel daran zu knabbern gehabt.“ Doch das Wagnis hat sich gelohnt. Gemeinsam mit den 2005 von der Frankfurter Radeberger-Gruppe übernommenen Mineralbrunnen Thüringer Waldquell in Schmalkalden einschließlich Vita-Cola und Glashäger in Bad Doberan steht die Lichtenauer Filiale mittlerweile für die Hälfte des Umsatzes von Hassia, der sich im vergangenen Jahr auf 240 Millionen Euro belief. Zudem gilt Lichtenauer in Ostdeutschland als führende Sprudel-Marke. An den drei Standorten arbeiten alles in allem knapp 400 Beschäftigte, während es in Bad Vilbel 500 sind.

          Den ebenfalls von Radeberger gekauften Margon-Brunnen bei Dresden haben die Hessen dagegen bald nach der Übernahme geschlossen. Margon habe nicht genügend Wasser erbracht und sich deshalb nicht betriebswirtschaftlich führen lassen. Dies dem Personal beizubringen sei „emotional schwer“ gewesen. Immerhin übernahm Lichtenauer 30 Kollegen aus Dresden, 60 andere wechselten in eine Transfergesellschaft.

          Nicht zuletzt sind durch die Aufbauarbeit in Sachsen Freundschaften entstanden, die bis heute halten. So gehörten Mitarbeiter und Kunden aus Ostdeutschland zu den Gästen der Gala in der Frankfurter Jahrhunderthalle und feierten mit den Gesellschaftern 150 Jahre Hassia.

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