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25 Jahre Mauerfall : „Einst eine der furchtbarsten Grenzen der Welt“

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Grenzgänger: Spaziergänger aus Ost und West auf dem Weg von Vacha in Thüringen nach Philippsthal in Hessen am Jahrestag des Mauerfalls. Bild: Rainer Wohlfahrt

Mehr als 7000 Hessen und Thüringer feiern in Philippsthal und Vacha 25 Jahre Mauerfall. Mehr als Reden wirken die Emotionen.

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          Am 25. Jahrestag des Mauerfalls sind viele Deutsche aufgewühlt wie selten, und zwischen Vacha in Thüringen und Philippsthal in Hessen sind Tausende auf den Beinen. Die Thüringer und die Hessen feiern in ihrem gemeinsamen Werratal den Jahrestag in Eintracht und Freude. Herkunft und Parteizugehörigkeit spielen an diesem Tag offenkundig keine Rolle. „Ost oder West? Unser Kalirevier ist eins“, hat der Kasseler Düngemittelhersteller K+S allenthalben plakatiert.

          Obwohl die Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gekommen sind sowie die Landtagspräsidenten Christian Carius aus Erfurt und Norbert Kartmann (alle CDU) aus Wiesbaden nebst zahlreichen Ministern, ist es der Tag der Bürger. Nicht nur das Freibier und die Würste, das Heeresmusikkorps aus Kassel und der blaue Himmel haben mehr als 7000 auf die Straße und in das Festzelt an der Orangerie im hessischen Philippsthal gelockt, vielmehr rührt der Mauerfall alle an.

          Die Grenze durchschnitt das Tal

          Philippsthals Bürgermeister Ralf Orth (SPD), der mit 96,8 Prozent der Stimmen gewählt worden ist, erinnert an „eine der furchtbarsten Grenzen der Welt“ und nennt ihren Fall „eine der größten Errungenschaften“ der Geschichte. Über Jahrzehnte seien Familien und Freunde voneinander getrennt gewesen: „Das muss man sich heute mal wieder vergegenwärtigen.“ Seither aber seien die Wunden der Teilung verheilt, Freundschaften gewachsen, hätten Familien zusammengefunden. Alle Despoten sollten sich klarmachen, wie zerbrechlich ein Regime sei, das nicht vom Volk getragen werde.

          Verneigung: Bouffier (links) und Lieberknecht gedenken der Grenzopfer.

          Der Bürgermeister von Vacha, Martin Müller (CDU), sagt: „Damals war ich sieben Jahre alt, und ich bekomme Gänsehaut, wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe.“ Bilder sind reichlich vorhanden an diesem Tag im Werratal. Großformatige Fotos von der Grenze, die das Tal durchschnitt, Bilder von Trabants in Ocker, Grau und Grün neben den Ladas der Sicherheitsbehörden am Tag des Mauerfalls. „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 12. November 1989 um 8 Uhr geteilt“ steht auf dem Schild neben der Werrabrücke der Via Regia, die nahe Vacha 1342 errichtet wurde, um Frankfurt und Leipzig zu verbinden, und die später Teil der Grenzsicherungsanlage wurde.

          „Kein Unterschied mehr“

          Volker Bouffier erinnert sich auf dem Fußweg von der Brücke nach Philippsthal an das Jahr 1978, als er mit der Jungen Union an der Grenze rief: „Die Einheit wird kommen.“ Werner Mäder, Bürgermeister von Vacha im November 1989, denkt beim Spaziergang von hüben nach drüben an die Nachricht, die ihn am 11.November 1989 gegen 20 Uhr erreichte: bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr sei die Grenze zu öffnen. Die Menschen waren beiderseits der Grenze aufgeschlossen, wie Mäder sich erinnert – „und hier ist es kein Unterschied mehr zwischen Ost und West“.

          Ein solcher scheint auch nicht auf, als Vachas Bürgermeister Müller von der CDU im Festzelt von Philippsthal, wo die SPD die absolute Mehrheit hat, auf die aktuelle Politik zu sprechen kommt: „In Thüringen soll erstmals ein Politiker der Linken zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Für manche, die unter der Führung der SED gelitten haben, ist das unerträglich.“ Schon das Ende des Satzes geht im lauten Beifall unter, durch den einzelne Buhrufe und Pfiffe dringen, von denen jedoch unklar ist, wem sie gelten: dem Bürgermeister, wegen seiner Äußerung zur aktuellen Politik, oder dem potentiellen Ministerpräsidenten der Linken. Müller hat den Nerv fast aller im Zelt getroffen. Und er fährt fort. Es gehöre aber auch zur Demokratie, dass jeder am politischen System teilhaben könne.

          Köstlicher Obstsalat mit Bananen

          Über die Worte der Bürgermeister wölben sich die Festtagsreden der Ministerpräsidenten. Was in Berlin anfing, sagt Bouffier, habe sich hier fortgesetzt und die Welt verändert. Der mit Abstand beste 9. November der deutschen Geschichte sei jener von 1989 gewesen. Dieser Tag sei wiederum „ohne den 9. Oktober, ohne die Menschen in Leipzig“ nicht denkbar gewesen: „Sie sind die Helden.“ Der größte Feind der Demokratie sei die Gleichgültigkeit, mahnt Bouffier. Lieberknecht, deren Zeit als Ministerpräsidentin nach dem Willen von Linker, SPD und Bündnis-Grünen im Dezember enden soll, ruft in das Festzelt: „Wir feiern den Tag im Bewusstsein, dass es jeden Tag darauf ankommt, die Freiheit zu verteidigen.“

          Mehr als solche Worte wirken an diesem Tag die Emotionen. Sichtlich gerührt stehen Lieberknecht und Bouffier vor den auf der früheren Demarkationslinie liegenden Kränzen zum Gedenken der Grenzopfer. Dort, an der Werrabrücke, tritt die zehn Jahre alte Celina Ernst aus Thüringen ans Mikrofon und berichtet, was ein Zeitzeuge im Schulunterricht über den Mauerfall erzählt hat. Sie stellt sich in ihren Worten vor, wie überwältigt Thüringer damals von den Auslagen in den hessischen Geschäften waren. Sie lässt die Zuhörer miterleben, wie köstlich der Obstsalat mit Bananen war, den sich der Zeitzeuge im Westen gekauft hatte: „In Vacha gab es nicht so oft Obstsalat wie in Philippsthal, und alle hatten den Eindruck, jetzt wird alles besser.“ Celina schließt mit den Worten, sie kenne die Grenze zwischen Vacha und Philippsthal nicht, „und ich kann es mir nicht vorstellen, dass Deutschland geteilt war“.

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