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220 Millionen Euro Schulden : Offenbacher Klinikum baut 300 Stellen ab

Nicht fit für die Zukunft: Das Klinikum Offenbach. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Laut Interims-Geschäftsführerin gibt es zu „viele Mitarbeiter und zu wenig Arbeitsbelastung“. Und viel zu hohe Schulden: Sie liegen bei 220 Millionen Euro.

          Das Defizit der städtischen Klinikum Offenbach GmbH wird sich in diesem Jahr voraussichtlich auf rund 42Millionen Euro erhöhen. Diese Zahl hat die Interims-Geschäftsführern des Krankenhauses, Franziska Mecke-Bilz, am Mittwoch genannt. Im vergangenen Jahr wurde ein Fehlbetrag von 33,5 Millionen Euro erwirtschaftet - deutlich mehr als 2008 und 2009, als die roten Zahlen bei 4,7 Millionen und 4,9 Millionen Euro lagen. Das 885-Betten-Krankenhaus der Maximalversorgung hat 2700 Mitarbeiter, davon 1920 Vollzeitkräfte.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Angesichts der schlechten finanziellen Lage kündigte Mecke-Bilz Konsequenzen an: Zusätzlich zum schon bestehenden Einstellungsstopp sollen 300 Stellen gestrichen werden, davon 50 bis 70 bis zum Jahresende. Betriebsbedingte Kündigungen soll es aber nicht geben. Von einem Investitionsstopp erwartet Mecke-Bilz Einsparungen in Millionenhöhe. Angeschafft werde nur noch das, was für die Patienten nötig sei. Die Aufnahmestation wurde nicht in Betrieb genommen, weil dazu zwölf Pflegekräfte hätten eingestellt werden müssen. Man überlege, eine Station zu schließen, um die anderen besser auszulasten. Die Beschäftigten müssen sich den Angaben zufolge möglicherweise auf einen zeitweiligen Gehaltsverzicht einstellen. Von 2004 bis 2010 hatte es schon einmal einen Sanierungs-Tarifvertrag am Klinikum gegeben.

          Erste Analyseergebnisse zur Lage

          Im Sommer beauftragte der Magistrat den kommunalen Berliner Krankenhauskonzern Vivantes, die Geschäfte des angeschlagenen Klinikums für zunächst sechs Monate zu führen. Im August nahm Mecke-Bilz ihre Tätigkeit auf. Gemeinsam mit Stadtkämmerer Michael Beseler (SPD), der auch Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums ist, stellte sie am Mittwoch die ersten Analyseergebnisse zur Lage des Krankenhauses vor.

          Die Erlöse hätten sich von 2008 bis 2010 nur um etwa 2,8 Prozent pro Jahr auf 161,5 Millionen Euro erhöht. Hingegen seien die Kosten im gleichen Zeitraum um elf Prozent pro Jahr auf 195 Millionen Euro gestiegen. Dies habe mit dem 160 Millionen Euro teuren Neubau des Klinikums zu tun. Allerdings seien nach dem Umzug der Klinik auch Stellen besetzt worden, die es vorher nicht gegeben habe, so dass sich die Personalkosten erhöht hätten.

           Eine Bettensperrung auf der Intensivstation wurde mit Hilfe eines Sonderprogramms aufgehoben

          Im Vergleich zu anderen Kliniken gebe es in Offenbach „mehr Mitarbeiter und weniger Arbeitsbelastung“, sagte Mecke-Bilz. So liege bei einer untersuchten Berufsgruppe das Produktivitätsniveau im unteren Drittel. Nach Ansicht des Ärztlichen Direktors Norbert Rilinger gibt es beim Personal ein „Polster“. Verbesserungsmöglichkeiten sieht Mecke-Bilz auch bei der Verweildauer der Patienten: Diese liege in einzelnen Fachabteilungen höher als in anderen Häusern. Das wirkt sich aus, denn abgerechnet wird nach Fallpauschalen - ungeachtet der Dauer des Klinikaufenthalts.

          Eine Bettensperrung auf der Intensivstation wurde mit Hilfe eines Sonderprogramms aufgehoben: Mitarbeiter des Pflegedienstes legen dort Sonderschichten ein, für die sie besser vergütet werden. Für das Klinikum sind Intensivpatienten interessant, denn sie bringen Geld. Ziel sei, mehr Patienten zu versorgen, sagte Rilinger. Um dies zu erreichen, sollen die Operationssäle besser genutzt werden. In einigen Fächern gebe es Wartelisten von Patienten, die nicht operiert werden könnten, weil zu wenige OP-Kapazitäten zur Verfügung stünden, sagte Rilinger. Hier habe man schon umgesteuert. Mecke-Bilz erwähnte, dass manche niedergelassenen Ärzte ihre Patienten nicht ins Klinikum Offenbach einwiesen, darüber müsse man sprechen. Die Verwaltungsabläufe und das Berichtswesen sollten verbessert werden. Die Wartezeiten in der Notaufnahme sind Mecke-Bilz offenbar zu lang.

          Keine Hoffnung auf Refinanzierung

          Auf rund 220 Millionen Euro belaufen sich laut Beseler die Bankverbindlichkeiten des Klinikums. Erst Ende September beschlossen die Stadtverordneten, das Eigenkapital des Klinikums um 30 Millionen Euro aufzustocken, um eine Insolvenz zu vermeiden. Man wolle im operativen Geschäft schwarze Zahlen erreichen und halten, so Beseler. Vivantes halte dies von 2015 an für möglich.

          Von der Hoffnung, dass sich das Klinikum selbst refinanzieren könne, „mussten wir uns verabschieden“, stellte Beseler klar. In den nächsten sechs Monaten müsse klar sein, wie es weitergehe, „sonst ist das Eigenkapital wieder aufgebraucht“. Die Stadt will mit dem Land sprechen, um eine Lösung zu finden. Falls es dann keine Einigung gebe, müsse die Stadt nach anderen Möglichkeiten suchen, sagte Beseler. Es bestehe „kein Zwang“, das Klinikum kommunal zu betreiben.

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