https://www.faz.net/-gzg-908b1

Darmstadt : Integrative Kunst im Kongresszentrum

  • -Aktualisiert am

Spaziergang am Kindertag: Andrea Glendes Bild in der Ausstellung Behind-Art im Darmstadtium Bild: Cornelia Sick

In Darmstadt ist die 20. Behind-Art-Ausstellung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes eröffnet worden. Sie hat mehr Zuspruch denn je.

          Im Wissenschafts- und Kongresszentrum hat es in dieser Woche rote Punkte geregnet. Kaum waren die Eröffnungsansprachen vorüber, begann der Run auf die im Foyer ausgestellten Kunstwerke. Wer schnell genug war, konnte sein Wunschbild oder seine Wunschskulptur ergattern. Die Auswahl war groß: An der nunmehr zwanzigsten Ausstellung von Behind-Art unter dem Titel „Kunst macht stark“ beteiligen sich rund 100 Künstler. Seit 2014, als sich die Kunstinitiative des Paritätischen Wohlfahrtsverbands auf den Weg zur Inklusion machte, sind es nicht mehr nur Menschen mit einem Handicap, die ihre Werke im Wissenschafts- und Kongresszentrum ausstellen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Aber behindert oder nicht behindert sind Kategorien, die für Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) sowieso bei der kreativen Arbeit keine Rolle spielen. In seiner Begrüßungsansprache sagte Partsch, eine solche Unterscheidung ergebe in der Kunst überhaupt keinen Sinn, weil „die schöpferische Kraft jedem Menschen innewohnt“. Gleiches gelte für die Wirkung von Kunst. Sie stärke jeden Künstler und jeden Betrachter. Ähnlich sieht es auch der Darmstädter Kunstkritiker Roland Held. Er sagte über das „große Rätsel der menschlichen Kreativität“, dass sich dieses Wunder im behinderten wie nichtbehinderten Menschen als „lustvoll und befreiend empfundener Drang, etwas Neues zu gestalten, das vorher nicht in der Welt war“, äußere.

          Zwanzigste Ausstellung gibt Anlass zu Rückblick

          Darmstadt dürfte der Ort in Hessen sein, wo diese „Kunsttheorie“ sich am leichtesten nachprüfen lässt. Die zwanzigste Behind-Art-Ausstellung hat der Paritätische Wohlfahrtsverband zum Anlass genommen für einen Rückblick, der zeigt, dass Darmstadt sich in zwei Jahrzehnten zum Zentrum dieser Kunstinitiative fortentwickelt hat. Die Idee geht auf Margit Balß zurück, die als Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes den ersten Impuls für 25 Wohneinrichtungen und Vereine gab, in der Kunstförderung zusammenzuarbeiten und zum Auftakt eine Kunstausstellung im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt zu organisieren.

          Im Laufe der Zeit ist dieses Kulturprogramm immer vielfältiger geworden: 2003 entstand das Angebot eines offenen Werkstatt-Ateliers für Anfänger im Malen. 2005 wurde ein Kunstpreis eingeführt, seit 2013 werden die Bilder und Skulpturen nicht nur in Darmstadt gezeigt, sondern sind als Wanderausstellung in Südhessen und im Rhein-Main-Gebiet zu sehen. Seit drei Jahren sind auch Kinder mit und ohne Handicap in das Projekt einbezogen, seit 2014 wird mit etablierten Künstlergruppen kooperiert.

          Umfangreiche und vielfältige Kunstproduktion in den Einrichtungen

          Die Projektleitung hat seit 17 Jahren Heidi Schrickel inne, die das Bindeglied ist zu den Kunstassistenten, die in den Einrichtungen der Behindertenhilfe die Bewohner bei der künstlerischen Arbeit unterstützen. Inzwischen ist deren Produktion so umfangreich, dass für Behind-Art eine Auswahl getroffen werden muss. In diesem Jahr wurden aus 21 Künstlergruppen je fünf Mitglieder ausgesucht, die in Darmstadt ausstellen dürfen. Zu sehen sind im Kongresszentrum allerdings nicht nur Einzel-, sondern auch Gruppenarbeiten. Technisch und thematisch ist die diesjährige Behind-Art so bunt und vielgestaltig wie immer. Menschen und Tiere, Landschaften, Blumen kommen als Motive ebenso vor wie abstrakte Farbkompositionen, übermalte Fotografien, Collagen oder Skulpturen aus Holz oder Elektroteilen.

          Erstmals ist im Kongresszentrum ein Trickfilm zu sehen. „Darmstadt in Stopmotion“ wurde von einheimischen und geflüchteten Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren erstellt, die gemeinsam die Stadt mit dem Smartphone erkundeten und ihre Eindrücke in Trickfilmszenen umsetzten. Mit dabei in diesem Jahr ist auch die Hochschule Darmstadt, die im April Künstler mit Behinderung aus dem Eschborner Kunstforum Sommerwerkstatt Villa Luca zu einer „Malwoche“ eingeladen hatte und von den 39 entstandenen Werken zwölf im Rahmen der Jahresausstellung „Hoch hinaus“ in den neuen Hörsaalgebäuden ausstellt. Außerdem beteiligt sich das Atelierhaus Darmstadt mit „L’art brut“ am Rahmenprogramm.

          Punkte kleben kann man im Wissenschafts- und Kongresszentrum noch bis zum 11. August (9 Uhr bis 18 Uhr, freitags bis 16 Uhr), so lange bleiben die Kunstwerke dort ausgestellt. Der Eintritt zur Behind-Art-Ausstellung ist wie immer frei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.